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Biogastag 2012 in Stuttgart – Verordnungen, Verfahren, Vatermais

Am 8. November fand in Stuttgart der Biogastag Baden-Württemberg 2012 statt. Biogasanlagen werden in Zukunft verstärkt Zulauf aus der Biotonne erhalten, denn ab 1. Januar 2015 muss Bioabfall gesammelt und verwertet werden. Aber auch die Landwirtschaft bietet Optionen für weitere Substrate. Und die Strukturen? Sie werden dem Trend zur Regionalisierung folgen.

Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller will Abfallbiomasse stärker nutzen. © BIOPRO/Bächtle

Etwa 450.000 Tonnen Bioabfälle sammelten die Abfallverwerter in Baden-Württemberg im Jahr 2011. Bezogen auf die Einwohner des Landes waren das laut Abfallbilanz rund 42 Kilogramm pro Einwohner. Dem Umweltminister des Landes, Franz Untersteller, ist das zu wenig. Sein Ziel ist, dass jedes Jahr 60 Kilogramm Bioabfall je Einwohner gesammelt und verwertet werden.

Unterstützung bekommt er vom Bund. Ab 2015 müssen laut neuem Kreislaufwirtschaftsgesetz Bioabfälle getrennt gesammelt werden. Damit werden die Wertstoffmengen steigen. Wenn statt wie aktuell 33 Stadt- und Landkreise alle 44 im Land konsequent Biomüll sammeln, darunter dann auch die Schwabenmetropole Stuttgart, werden pro Jahr mindestens 645.000 Tonnen Biomüll zusammengetragen. 2020 sollen es mindestens 700.000 Tonnen sein. Hinzu kommen zirka 900.000 Tonnen Grünabfälle.

Rest-Biomasse wird mehr

Auch bezogen auf ganz Deutschland steigen mit der Gesetzesnovelle die Mengen an Biomüll, die es zu verwerten gilt. Dr. Claus-Gerhard Bergs vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, BMU, in Bonn verwies auf die Tatsache, dass bereits 2006 annähernd 9 Millionen Tonnen Bio- und Grünabfälle gesammelt wurden. Im Hausmüll sind noch etwa 4,6 Millionen Tonnen Bioabfälle verborgen. Bergs rechnet damit, dass davon künftig 2 Millionen Tonnen verwertet werden können. Weitere 2 Millionen Tonnen kommen aus der Landschaftspflege, sodass ab 2015 bundesweit deutlich mehr als 13 Millionen Tonnen Bio- und Grünabfälle in entsprechenden Verwertungsanlagen umgesetzt werden müssen.

Zu wenig Anlagen für biobasierte Abfälle

Biogasanlage oder Kompostierung sind die beiden biologischen Verwertungsoptionen, die zurzeit zur Debatte stehen. Eines Tages werden auch Bioraffinerien große Mengen an Bioresten abnehmen und in Wertstoffe umwandeln. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Bergs betonte, dass die Vergärung von Abfällen unter Aspekten der Ökobilanz im Allgemeinen der beste Weg sei.

Allerdings reichen die etwa 120 Abfallbiogasanlagen in Deutschland nicht aus, um die Bioabfallströme der Zukunft aufzufangen. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 200 Anlagen erforderlich sein werden. Im Lauf der Zeit werden auch andere Technologien marktreif werden, sodass sich heute noch nicht abschätzen lässt, wie viele Tonnen Bioabfälle eines Tages tatsächlich in Biogasanlagen verarbeitet werden, und wie hoch der Anteil ist, der anderen Verfahren als Grundlage dient.

Gärrest – Potenzial bisher verkannt

Abfallverwerter waren sich einig: Gärreste müssen besser verwertet werden. © BIOPRO/Bächtle

Wo viel Masse umgesetzt wird, fallen große Mengen an Nebenprodukten an. Im Fall von Biogasanlagen sind es in erster Linie Gärreste. Auf rund 60 Millionen Tonnen schätzt Dr. Andreas Kirsch von der Gütegemeinschaft Kompost e.V. in Köln das Aufkommen im Jahr 2012. Gärreste - das zeigte die Podiumsdiskussion beim Biogastag - werden momentan als Reststoff wahrgenommen. Landwirte übernehmen die Gärreste zwar für die Düngung; einen Marktwert, der zu finanziellen Erträgen führt, haben Gärreste jedoch kaum.

Der Faktenlage wird das nicht gerecht. Kirsch rechnete vor, dass der Düngewert von Gärrest, gemessen an dem Wert eines Mineraldüngers, bei fast acht Euro je Tonne Frischmasse liegt. Zieht man zur Bewertung die Nährstoffe Stickstoff und Phosphat heran, die im Gärrest enthalten sind, so summieren sich die Werte für den in Deutschland anfallenden Gärrest auf etwa 160 Millionen Euro für Stickstoff und 145 Millionen Euro für Phosphat.  

In Gärresten stecken außer Nährstoffen und Spurenelementen noch Unmengen an ungenutzten Kohlenwasserstoffen. Angesichts der großen Mengen und des wirtschaftlichen Wertes müssen dringend Verwertungsoptionen für Gärreste entwickelt werden.

Regional statt national

Sollen Gärreste, Bioabfälle und Grünschnitt künftig besser und in größerem Umfang genutzt werden, müssen Stoffströme besser koordiniert werden. Dabei müssten regionale Lösungen im Vordergrund stehen, betonte Prof. Dr. Frank Scholwin von der Universität Rostock. Planer müssen Standorte, Transportwege, Zusammensetzung der Biomasse, Verwertungsverfahren und vieles mehr betrachten und bewerten. Gelingt es, die Wertstoffströme adäquat zu lenken und zusammenzuführen, lässt sich eine dezentrale Netzautarkie aufbauen. Damit sinkt der Aufwand für den Netzausbau, und die Versorger müssen weniger Speicherkapazitäten installieren. Es ist jedoch an den Kommunen und Regionen, die entsprechenden Impulse zu setzen.

Restpflanzen aus der Region

Energiefragen sollten künftig stärker denn je unter regionalen Aspekten betrachtet und beantwortet werden. Wie eine stärkere regionale Ausrichtung in der Energiewirtschaft gelingen kann, zeigte Dr. Robert Greb. Er leitet den Unternehmensbereich Bioenergie beim Energieversorgungsunternehmen Badenova. Das Unternehmen entstand 2001 aus sechs kommunalen Energieversorgern.

Mitte 2012 hat die Badenova in Freiburg eine Bioerdgasanlage in Betrieb genommen. Sie soll pro Jahr Erdgas für 50 Millionen Kilowattstunden produzieren. Der Substratbedarf liegt bei 40.000 Tonnen Maisäquivalenten pro Jahr. Als Hauptsubstrat wird nicht Körnermais eingesetzt, sondern regionale Abfälle wie Pferdemist, Getreidestäube, Speisereste sowie Wein- und Apfeltrester. Und der sogenannte Vatermais. Darunter versteht man Maispflanzen, die lediglich zur Zucht eingesetzt werden. Es handelt sich um männliche Pflanzen, die bisher untergepflügt wurden, nachdem die weiblichen Pflanzen bestäubt worden waren. Von den etwa 6.000 Hektar Anbauflächen für Saatmais in Deutschland liegen 3.000 Hektar im Rheintal. Dieses regionale Merkmal will Badenova nutzen, um Bioerdgas herzustellen. Momentan decken Vatermais, Wein- und Apfeltrester 30 Prozent des Substratbedarfs der Badenova-Anlage. 12.000 Tonnen Vatermais wurden dieses Jahr auf 1.200 Hektar Fläche geerntet. 20.000 Tonnen sollen es in einigen Jahren sein.

Viele Facetten

Der Biogastag 2012 in Stuttgart zeigte viele Facetten der Biogasbranche. Anlagenkonzepte, rechtliche Vorgaben, Stand der Technik, Anlagenerweiterungen, Gasaufbereitung und vieles mehr stellten die Referenten vor. Der Biogastag gab überdies einen Einblick, wo ungenutzte Rohstoffquellen liegen und wie sie für stoffliche oder energetische Nutzung erschlossen werden können. Beim Vatermais ist dies bereits gelungen. Beim Gärrest steht die Lösung noch aus.

Glossar

  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.

Glossar

  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/biogastag-2012-in-stuttgart-verordnungen-verfahren-vatermais/