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Bodennutzung zwischen gesellschaftlichem Anspruch und Schutz der Umwelt

Zwar ist die Umwandlung unbebauter Böden in Siedlungs- und Verkehrsflächen in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren um die Hälfte gesunken, aber von einem nachhaltigen Bodenmanagement ist man noch weit entfernt. Notwendig sind detaillierte Studien über die veränderten Bedingungen der Bodennutzung, aus denen anwendungsorientierte Konzepte für eine umweltverträgliche Planung entwickelt werden können.

Böden gehören zu den unverzichtbaren Grundlagen des Lebens. Seit Jahrtausenden wird auf ihnen die zum Überleben und Wachstum der Menschheit erforderliche Biomasse erzeugt. Als Voraussetzung für gesunde Nahrungsmittel und gesundes Trinkwasser sind intakte Böden der Ausgangspunkt aller biobasierten Wertschöpfungsketten und stellen einen zentralen Wirtschaftsfaktor dar: Allein die Ernährungsindustrie - eine der größten Branchen Deutschlands - erwirtschaftet einen Jahresumsatz von über 150 Milliarden Euro, wie die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in ihren Empfehlungen an die Bundesregierung „für eine Bündelung der wissenschaftlichen Kompetenz in Boden- und Landmanagement“ festhält (acatech Position 2012).

Begrenzte Ressourcen

Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Baden-Württemberg 1996-2011. © Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2012
Da Böden in unserem Lande – und in immer stärkerem Maße auch global - eine begrenzte, kaum vermehrbare Ressource darstellen, hat sich die Konkurrenz mit anderen Landnutzungsformen in den letzten Jahrzehnten teilweise dramatisch zugespitzt. Zwanzig Prozent der gesamten Ackerfläche in Deutschland (2,3 Millionen Hektar) werden inzwischen vom Anbau nachwachsender Rohstoffe zur Energiegewinnung eingenommen, obwohl damit nur zwei Prozent des deutschen Energiebedarfs gedeckt werden. Für die Zielsetzungen der Energiewende und den Ausbau einer nachhaltigen Bioökonomie („green economy“) in Deutschland ist es erforderlich, die Flächen für die Produktion von Biomasse (Energie- und Rohstoffpflanzen) zu vergrößern. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMU) hatte das Heidelberger IFEU-Institut in einer großen Studie (zusammen mit dem Wuppertal Institut und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt) ermittelt, dass bis zum Jahr 2030 eine Vergrößerung der Anbaufläche für die Biomasse-Produktion in Deutschland auf maximal 4,3 Millionen Hektar nur dann möglich wäre, wenn man die vorgegebenen Naturschutzziele weitgehend unberücksichtigt lassen würde. Aber nicht nur die traditionelle Land- und Forstwirtschaft und der Naturschutz konkurrieren mit den Bedürfnissen der Bioökonomie um die Bodenflächen. Besondere Bedeutung kommt den Böden als Grundlage von Siedlungen, Verkehrs- und Wirtschaftsflächen und als Sport- und Erholungsräume für die Menschen zu. Das gilt in besonderem Maße für das hoch industrialisierte, dicht besiedelte Baden-Württemberg.

Reduktion des Flächenverbrauchs auf drei Hektar pro Tag

Bereits vor 15 Jahren hatte die Bundesregierung als Ziel gesetzt, die beunruhigend hohe Rate von 130 Hektar, mit der pro Tag in Deutschland unbebautes Land in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt wurde, bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu reduzieren. Die meisten Bundesländer schlossen sich diesem Ziel an. Der Nachhaltigkeitsbeirat der Landesregierung Baden-Württemberg beispielsweise gab als Zielmarke drei Hektar pro Tag ab 2020 vor.

Tatsächlich sank der „Flächenverbrauch“, wie er meist genannt wird (streng genommen kann die Bodenfläche natürlich nicht verbraucht, sondern nur umgewandelt werden), zwischen 2000 und 2011 in unserem Bundesland um fast die Hälfte: von 12 auf 6,3 Hektar pro Tag. Aber auch wenn die 3-Hektar-Zielmarke erreicht wird, bedeutet das noch keinen nachhaltigen Zustand. Den könnte es erst bei einem Nullwachstum des Flächenverbrauchs, wie ihn die Naturschutzverbände fordern, geben.

Flächennutzung in Baden-Württemberg. © Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2006.
Zwischen 1996 und 2011 ist der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsflächen von 12,7 auf 14,2 Prozent der gesamten Fläche Baden-Württembergs gestiegen. Damit sind in fünfzehn Jahren etwa 540 km2 Bodenfläche, die zuvor hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt worden waren, in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt worden - das heißt, in erster Linie in Grund und Boden für Häuser und Wohnungen, für Industrie- und Gewerbeansiedlungen sowie für neue Straßen. Das ist eine Fläche, in der die Stadtkreise der drei größten baden-württembergischen Städte, Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe, bequem Platz finden. Im selben Zeitraum hat sich die Bevölkerungszahl des Bundeslandes (ca. 10,7 Millionen) kaum verändert. Wie die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in ihrem oben genannten Positionspapier festhält, sind „Informationsdefizite eine der wesentlichen Ursachen für das gering ausgebildete Problembewusstsein zum Flächenverbrauch.“ Um jedoch die Veränderungen der Bodennutzung beurteilen zu können, reichen die von den Ämtern verfügbaren statistischen Angaben nicht aus. Beispielsweise sind auch die landwirtschaftlichen Flächen selbst (die trotz des beschriebenen Verlustes der letzten Jahrzehnte noch fast die Hälfte der Oberfläche Baden-Württembergs einnehmen) von drastischen Änderungen betroffen, die wegen des verstärkten Anbaus von Pflanzen zur Biogas- und Energiegewinnung sowie als Standorte für Windräder, Stromtrassen, Leitungsnetze usw. weiter zunehmen werden.
Überschwemmungswiesen am Oberrhein © EJ

Das IFEU-Institut in Heidelberg hatte schon früher eine detaillierte Einteilung der land- und forstwirtschaftlichen Flächen nach Kriterien ihrer Naturnähe und nachhaltigen Nutzung vorgeschlagen. Solche Ergebnisse müssen auf die neuen Entwicklungen übertragen werden, um die ökonomischen und rechtlichen Instrumente für einen sorgsamen Umgang und eine zukunftsfähige Planung zu erarbeiten.

Zu berücksichtigen sind vor allem auch der finanzielle Wert und das Wertpotenzial der Böden, die mit dem intensiven Wettbewerb der verschiedenen Nutzer immer weiter steigen. Ein Beispiel sind die für die Absicherung gegen die wachsende Gefahr verheerender Hochwasser dringend geforderte Ausweitung der Überschwemmungsflächen der Flüsse, die gegen die privaten Interessen der Bodenbesitzer nicht vorankommt. Die Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft gab im September 2013 ihrer Jahrestagung den Titel: „Böden kennen keine Grenzen“. Dem mag man zustimmen, wenn es um die Stoffkreisläufe und die Wechselwirkungen mit der biologischen und nichtbiologischen Umwelt geht. Wenn man aber die bioökonomischen Aspekte betrachtet, so muss man festhalten, dass von den drei großen unveräußerlichen Gemeinschaftsgütern oder „commons“ der Menschheit – Boden, Wasser, Luft – keines stärker vom Menschen eingegrenzt und abgeteilt wird als der Boden.

Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU)

Der Mitgründer und langjährige Leiter des IFEU, Dr. Ulrich Höpfner (links), zusammen mit den Geschäftsführern Dipl.-Ing. Markus Duscha (Mitte) und Dipl.-Phys. Jürgen Giegrich (rechts) anlässlich der 35-Jahr-Feier des Instituts am 13. September 2013 © F. Hentschel

Das ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH ist ein weltweit anerkanntes, unabhängiges Institut zur Erforschung umweltrelevanter Fragen. Es finanziert sich ausschließlich über projektgebundene Mittel, hauptsächlich aus Forschungsprojekten und Begutachtungen im Auftrag von Körperschaften der öffentlichen Hand wie Bund, Ländern und Kommunen oder dem Umweltbundesamt. Hinzu kommen Aufträge aus der freien Wirtschaft. Das IFEU ist als gemeinnützig anerkannt und parteipolitisch und wirtschaftlich eigenständig. Seine Gesellschafter sind ausschließlich langjährige Mitarbeiter. Insgesamt hat das Institut heute etwa 70 Mitarbeiter, überwiegend aus dem Bereich der Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Zu seinen Aktivitäten gehören wissenschaftliche Studien, Umwelt- und Nachhaltigkeitsanalysen, die Erstellung von Ökobilanzen und Risikoanalysen und gutachterliche und beratende Tätigkeiten im Rahmen von Umweltverträglichkeitsanalysen und der Strategischen Umweltprüfung. Mit der Entwicklung anwendungsorientierter Konzepte, Öffentlichkeitsarbeit und konkreter Beratung unterstützt das IFEU Entscheidungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im Sinne von Umweltschutz und nachhaltigen Entwicklungen.

Das IFEU wurde 1978 von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Universität Heidelberg gegründet, darunter dem Chemiker Dr. Ulrich Höpfner, der das Institut jahrzehntelang leitete und ihm auch jetzt im Ruhestand noch beratend zur Seite steht. Die Geschäftsführung des IFEU teilen sich heute der Ingenieur Markus Duscha und der Physiker Jürgen Giegrich.

Glossar

  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/bodennutzung-zwischen-gesellschaftlichem-anspruch-und-schutz-der-umwelt/