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Das Internationale Biogas und Bioenergie Kompetenzzentrum (IBBK) und seine Rolle in der Bioökonomie Baden-Württemberg

Die Anzahl der Biogasanlagen in Deutschland hat sich seit der Jahrtausendwende nahezu verzehnfacht1. Die IBBK Fachgruppe Biogas GmbH, gegründet im Jahr 2000, hat diese Entwicklung in Form von Schulungen, Beratungsdienstleistungen und Projekten mitgestaltet und berät seit 2015 auch Betreiber bestehender und geplanter Anlagen im Auftrag des Landes Baden-Württemberg. Der Diplom-Agrarbiologe Michael Köttner, Gründer und Geschäftsführer des IBBK, gibt Einblicke in die Tätigkeiten seines Unternehmens und erklärt, was sich für eine erfolgreiche Umsetzung der Bioökonomie in Baden-Württemberg, insbesondere im Hinblick auf die Biogas-Branche, ändern müsste.

Michael Köttner, Gründer und Geschäftsführer des IBBK © IBBK Biogas GmbH

Während im Jahr 2000 knapp über 1.000 Biogasanlagen (BGAs) mit einer Leistung von insgesamt ca. 100 MW installiert waren, werden es im Jahr 2018 laut aktuellen Prognosen knapp 9.500 BGAs mit einer Gesamtleistung von über 4.800 MW sein2. Doch diese Zahlen täuschen über die Krise hinweg, in der die Biogas-Branche seit 2012 und mehreren EEG-Novellen steckt. Seitdem der Zubau neuer BGAs vor sechs Jahren aufgrund der restriktiveren EEG Bestimmungen für BGAs um 70 % einbrach, schwankt der jährliche Anlagenzubau zwischen 100 und 200 (im Vergleich: 1.526 Neu-BGAs in 2011)2. Das bedeutet umso mehr Arbeit für die Biogas-Experten des IBBK. Denn Strategieberatungen für bestehende Anlagen werden immer wichtiger, um deren Wirtschaftlichkeit perspektivisch zu sichern.

Dabei ist Köttner der Kreislauf-Gedanke sehr wichtig: „Wir halten nichts von dem Bau von Biogasanlagen auf der Grünen Wiese mit dem ausschließlichen Ziel der Biogas-Gewinnung.“ Vielmehr steht der Kreislaufgedanke im Vordergrund: Die Biogas-Technologie ist laut Köttner vor allem ein Instrument im Rahmen der Kreislaufwirtschaft mit dem vorrangigen Ziel, Nährstoffkreisläufe zu schließen. Die optimale stoffliche und energetische Verwertung von Biomasse im Rahmen einer Kaskadennutzung wird bei allen Projekten des IBBK angestrebt.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Die Elektroenzephalografie (EEG) ist eine diagnostische Methode mit der man die elektrische Aktivität des Gehirns durch Aufzeichnung der Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche messen kann. Graphisch dargestellt wird dies als sogenanntes Elektroenzephalogramm (ebenfalls EEG).
  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.

Projekte im In- und Ausland

Dabei beschränkt sich die Arbeit des IBBK nicht nur auf Deutschland. Derzeit ist das Unternehmen an mehreren EU-Projekten beteiligt, zum Beispiel an dem Horizon 2020 Projekt „NoAW - Landwirtschaftliche Reststoffe für Bioenergie und Bioökonomie“, welches insgesamt 24 Partner umfasst. Ziel ist es hier, landwirtschaftliche Reststoffe nicht als Abfälle, sondern als Rohstoff aufzufassen und sie einer effizienten Verwertung (z.B. Konversion in biobasierte Produkte) im Sinn der Bioökonomie zuzuführen.

Ein weiteres aktuelles Horizon 2020 Projekt ist „Biogas Action“, welches den Ausbau der Biogas- und Biomethanproduktion aus landwirtschaftlichen Abfällen in Europa anstrebt. Das IBBK bringt hier seine jahrzehntelange Erfahrung im Bereich Planung von BGAs ein und stellt Best-Practice-Beispiele vor. Damit trägt es aktiv zum EU-weiten Wissenstransfer im Bereich Biogas bei.

Darüber hinaus ist das Unternehmen an weltweiten Projekten beteiligt. In Ghana beispielsweise soll eine BGA für die Fäkalschlammverwertung von 6 Mio. Einwohnern in der Hauptstadt Accra entworfen werden. Gefördert über das EU-FP7 Projekt S(P)EEDKITS hat das IBBK außerdem eine mobile Kleinanlage entwickelt, welche flexibel in Krisengebiete transportiert und innerhalb weniger Stunden aufgestellt werden kann. Eine solche Kleinstanlage hat eine Kapazität von 1 bis 5 Kubikmetern und dient als Übergangs-Behandlungsanlage für Flüchtlingslager oder in Katastrophengebieten, wo fehlende Entsorgungslösungen für Fäkalschlämme schnell zu Krankheitsausbrüchen und Seuchen führen können. Zusammen mit internationalen Hilfsorganisationen wurde das Produkt in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert und wird inzwischen weltweit vertrieben.

Perspektiven für die Biogas-Technologie in Deutschland

Michael Köttner bei einem Vortrag im Rahmen einer Schulung der IBBK Fachgruppe Biogas © IBBK Biogas GmbH

Während es international eher um die Verbreitung der Biogas-Technologie geht, gibt es in Deutschland schon seit Jahren aufgrund der anfangs genannten Entwicklungen kaum noch Anfragen bezüglich der Auslegung von neuen BGAs. Das Expertenwissen des IBBK ist trotzdem gefragt, gerade in Baden-Württemberg – erst dieses Jahr hat das Land die Förderung für den Beratungsauftrag bestehender Biogasanlagen von 50 % auf 80 % erhöht. Das macht deutlich, dass gerade jetzt Expertenwissen und Strategieberatung rund um die Biogas-Technologie in Baden-Württemberg gebraucht wird. Laut Köttner liegt das vor allem an der Tatsache, dass der Zugang zum Strommarkt in den letzten Jahren immer komplizierter geworden ist. „Nicht nur die Stromnetz- oder Emissionsauflagen werden immer komplexer, sondern auch die Vorgaben für den Betrieb von BHKWs immer restriktiver“, kritisiert der IBBK Geschäftsführer. Er plädiert deshalb für die Neuausrichtung der Biogas-Branche: „Wir müssen weg vom Strom und uns mehr auf die Herstellung von Biokraftstoffen und auf den Gasmarkt konzentrieren.“

Die politischen Rahmenbedingungen machen es BGA-Betreibern sehr schwer, die komplexen Vorgaben zu verstehen und einzuhalten. Deshalb bietet das IBBK auch Schulungen zu diesem Thema an. Allgemein aber, so Köttner, stehe Biomasse viel zu wenig auf der politischen Agenda. Sehr großes Potenzial sieht Köttner vor allem im Bereich Biomethan-basierte Mobilität. Diese müsse jedoch diversifizierter gedacht werden anstatt nur den individuellen Nahverkehr einzubeziehen. „Gerade im Fernverkehr brauchen wir nachhaltige Lösungen. Kraftstoffe der 2. Generation wie Biomethan aus regionaler Biomasse stellen hier eine nachhaltige Lösung dar, die stärker in den Fokus der Politik rücken muss“, meint Köttner.

Bioökonomie mittels umgekehrter Kaskadennutzung

Wie eine solche Lösung genau aussehen könnte, erklärt er an einem anschaulichen Beispiel: „Bevor sich der Verbrennungsmotor durchsetzte, wurden ca. 35 % der landwirtschaftlichen Erzeugnisse für Kraftstoffe – nämlich die Pferdefütterung – verwendet. Würde Biomasse auch heute in ähnlichem Maße zur Herstellung von Kraftstoffen wie Biomethan verwendet, hätte das nicht nur unter Umweltgesichtspunkten Vorteile.“ Auch Überproduktionen in der Landwirtschaft würden abgebaut und billige Exporte mit ihren vernichtenden Auswirkungen auf die fragile Lage der Landwirtschaft in den entsprechenden Entwicklungsländern würden vermieden. Köttners Vision wäre hier die sogenannte „Umgekehrte Kaskadennutzung“.

Statt wie bisher die stoffliche Nutzung der Biomasse der energetischen Nutzung voranzustellen (z.B. zunächst Nährstoffrückgewinnung aus Klärschlamm und dann Vergärung des Restes in einer Biogasanlage), müsse die Energiegewinnung im Vordergrund stehen. „Denn am Ende der Kaskade ist nicht mehr genug übrig, als dass sich die Vergärung in einer Biogasanlage noch lohnen würde“, kritisiert der IBBK-Chef. Mehr Sinn mache beispielsweise die Vergärung von Biomasse in der BGA mit angeschlossener Aufbereitung zu Biomethan und im zweiten Schritt die Nutzung des Gärrestes zur Umwandlung in biobasierte Produkte oder zur Nährstoffrückgewinnung. Dies sei nicht nur effizienter, sondern entspräche auch dem Bioökonomie-Gedanken. Doch um dies zu erreichen, müsse zunächst eine nationale Strategie zur Nutzung von Biomasse her. Zumindest auf Landesebene wird bereits an einem solchen Papier gearbeitet: In Baden-Württemberg soll 2019 die Landesstrategie „Nachhaltige Bioökonomie“ veröffentlicht werden3, an deren Ausarbeitung auch das IBBK beteiligt ist.

Literatur

(1) Statista (2017): Anzahl der Biogasanlagen in Deutschland in den Jahren 1992 bis 2017. Online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167671/umfrage/anzahl-der-biogasanlagen-in-deutschland-seit-1992/

(2) Fachverband Biogas e.V. (2018): Branchenzahlen 2017 und Prognose der Branchenentwicklung 2018. Online unter: https://www.biogas.org/edcom/webfvb.nsf/id/DE_Branchenzahlen/$file/18-05-25_Biogas_Branchenzahlen-2017_Prognose-2018_end.pdf

(3) Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (2017): Land plant Strategie für eine nachhaltige Bioökonomie. Online unter: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/landesstrategie-fuer-eine-nachhaltige-biooekonomie/

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/das-internationale-biogas-und-bioenergie-kompetenzzentrum-ibbk-und-seine-rolle-in-der-biooekonomie-baden-wuerttemberg/