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Die Natur ist kein Selbstbedienungsladen für den Menschen

Die Vorräte unserer fossilen Rohstoffe neigen sich dem Ende zu. Sparsamkeit ist angebracht, aber auch die Suche nach Alternativen ist gefragt. Ebenso zwingen Klimawandel und globales Bevölkerungswachstum unsere auf Nutzung fossiler Rohstoffe ausgerichtete Wirtschaft, sich umzuorientieren: hin zu einer biobasierten Wirtschaft, der Bioökonomie. Diese „Nach-dem-Öl-Ökonomie“ setzt ebenso auf nachwachsende Rohstoffe wie auch auf neue Technologien. Prof. Dr. Eve-Marie Engels ist als Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik in den Biowissenschaften und Mitglied des Strategiekreises Bioökonomie des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg Expertin auf dem Gebiet. Im Gespräch mit Dr. Petra Neis-Beeckmann erläutert die Wissenschaftlerin ihre Sicht von Bioökonomie. Sie plädiert für mehr Schonung und einen wesentlich nachhaltigeren Umgang mit der Natur.

Was ist Ihr persönliches Verständnis vom Begriff „Bioökonomie“?

Prof. Dr. Eve-Marie Engels ist Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik in den Biowissenschaften und Mitglied des Strategiekreises Bioökonomie des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. © Christa Zebisch

Unter „Bioökonomie“ verstehe ich persönlich die Bündelung verschiedener Anliegen und Initiativen, von denen jede für sich schon bedeutend ist und verfolgt werden sollte. Wir werden gegenwärtig mit ganz unterschiedlichen Problemen konfrontiert, die alle hochbrisant sind und die es auch vor der Prägung des Begriffs schon gab. „Bioökonomie“ ist ein griffiger Ausdruck dafür, allerdings dadurch auch missverständlich. Er weckt ganz unterschiedliche Assoziationen, und es besteht die Gefahr, dass damit alles und letztlich nichts Konkretes bezeichnet wird. Nach einer allgemeinen Definition, die in der Literatur zu finden ist, versteht man darunter die Bemühung, von einer erdölbasierten zu einer biobasierten Wirtschaft zu kommen.

Geht es der Bioökonomie also hauptsächlich um Alternativen zu fossilen Rohstoffen?

Nein, letztlich geht es um weit mehr als dies. Es geht um eine konzertierte Änderung unseres gesamten Umgangs mit der Natur: mehr Schonung und nachhaltige Nutzung im Dienste der außermenschlichen Natur – der Tiere und Pflanzen – und im Dienste der Menschen, die ja auch Teil der Natur sind. In diesem Zusammenhang sind „Biodiversität“ und „Nachhaltigkeit“ zentrale Begriffe. „Biodiversität“ bezeichnet die Vielfalt der lebendigen Natur, die es zu erhalten gilt. Der Begriff ist also positiv konnotiert und beinhaltet einen Appell an uns. „Nachhaltigkeit“ steht für eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der gegenwärtigen Generation Rechnung trägt, ohne die Möglichkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen (Brundtland-Bericht). Damit sind vor allem auch die Bedürfnisse der Armen gemeint. Nachhaltigkeit beinhaltet also immer ein Gleichgewicht zwischen Nutzung und Erneuerung der Natur.

Im Begriff „Bioökonomie“ sind die Elemente „Bios“ und „Ökonomie“ enthalten, „Bios“ für das Leben. Und mit „Ökonomie“ verbindet man häufig die Idee des wirtschaftlichen Wachstums. Der Begriff beinhaltet aber auch die Bedeutung von Sparsamkeit und sorgsamer, schonender Nutzung natürlicher Ressourcen, weil diese nicht unbegrenzt sind. Dies hatte schon Hans Carl von Carlowitz 1713, also vor genau dreihundert Jahren, mit seinem Buch Sylvicultura oeconomica im Auge.

Lange wurde angenommen, dass die Natur ein unerschöpfliches Reservoir, ein Selbstbedienungsladen für den Menschen ist, in dem man allerdings nicht einmal bezahlen muss. Wir kaufen inzwischen alle in solchen Läden ein. Zum Schluss kommt man jedoch an die Kasse und muss zahlen, was man im Einkaufswagen hat. In Bezug auf unseren Umgang mit der Natur haben wir die Kasse aber vergessen. Nun bekommen wir die Rechnung für unsere Maßlosigkeit. Die Rechnung ist das, was wir überall in den Medien hören, wenn wir von der globalen Erwärmung, dem Anstieg der Weltmeere, dem Schmelzen der Pole usw. hören. Wir leben in einer Zeit, in der die Informationsmöglichkeiten unbegrenzt sind: Wir wissen, was auf uns zukommt. Aber es gibt leider noch keine allgemeine Bereitschaft, dieses Wissen in Handeln umzusetzen.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es geht also um wesentlich mehr als um Alternativen zu fossilen Rohstoffen.

Welche Bereiche sind also noch Schwerpunkte in der Bioökonomie?

Nach Ansicht von Prof. Dr. Engels sind bioethische Gesichtspunkte die normative Perspektive, aus der alle anderen Maßnahmen zu betrachten sind. © Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

In der „Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030. Unser Weg zu einer bio-basierten Wirtschaft“ und im Abschlussbericht des Strategiekreises Bioökonomie des MWK Baden-Württemberg werden fünf Handlungsfelder genannt: Weltweite Ernährung sichern, Agrarproduktion nachhaltig gestalten, gesunde und sichere Lebensmittel produzieren, nachwachsende Rohstoffe industriell nutzen sowie Energieträger auf Basis von Biomasse ausbauen. Es geht also um globale Herausforderungen auf gesellschaftlichem, ökonomischem und ökologischem Gebiet.

Im Rahmen dieser Ziele sind konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Dies kommt auch Natur- und Tierschutzzielen entgegen, die viele Menschen bewegen. So würde der Verzicht auf Massentierhaltung, welche durch übermäßigen Fleischkonsum in den Industrienationen gefördert wird, zu einer Verringerung der Treibhausgase und damit zu einer Verbesserung des Klimas mit allen positiven Folgen führen. Die Felder, auf denen großflächig Tierfutter für die Massentierhaltung angebaut wird, könnten für die Erzeugung von Getreide und Früchten zur Ernährung, auch von Menschen in Ländern der Dritten Welt, genutzt werden.

Aber es geht natürlich auch um wirtschaftliche Aspekte, um die Ankurbelung der Wirtschaft in bestimmten Bereichen, um einen Anreiz für Investitionen, die zugleich nachhaltig im Sinne von Umwelt- und Naturschutz und ökonomisch lukrativ sind. Allerdings darf dabei das Wohl der Betroffenen nicht aus dem Auge verloren werden. Daher sind bei allen bioökonomischen Aktivitäten stets die ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte zu berücksichtigen. Andernfalls wird unter dem Deckmantel des Naturschutzes und der Nachhaltigkeit der Ausverkauf der Natur weiter betrieben.

Wie kommen Sie persönlich als Philosophin zur Bioökonomie?

Ich habe einen Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Tübingen – den einzigen in Deutschland, der mit dieser Denomination in einem Fachbereich Biologie und einer Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät angesiedelt ist – und beschäftige mich daher mit ethischen Fragen, die den Umgang des Menschen mit der lebendigen Natur betreffen. Dies sind gerade auch die Themen der interdisziplinären anwendungsbezogenen Ethik, die an meinem Lehrstuhl bearbeitet werden. Wir stehen heute angesichts des globalen Klimawandels, der Umweltzerstörung, der Massentierhaltung und anderer Auswüchse unseres maßlosen und rücksichtslosen Umgangs mit der Natur vor der Notwendigkeit, radikal umzudenken und unsere bisherige Lebensweise, insbesondere die der letzten 60 bis 70 Jahre, infrage zu stellen und zu ändern. Zu den von mir behandelten Themen gehört auch unsere moralische Einstellung zur Natur – etwa, ob wir die Natur als Eigenwert oder nur als Instrument zur Erfüllung unserer Bedürfnisse betrachten.

Welche ethischen Aspekte hat die Bioökonomie, wo ist die Schnittmenge zur Bioethik?

Die Bioökonomie beinhaltet eine ganze Reihe sowohl allgemeiner ethischer als auch spezieller bioethischer Aspekte. Dabei geht es beispielsweise um die Frage des moralisch vertretbaren Umgangs mit der Natur, um Fragen der Gerechtigkeit, um Konsumverhalten, um die Ernährung, häufig Überernährung der Menschen in den Industrienationen im Vergleich zu den Menschen in Ländern der Dritten Welt.

Der Philosoph Hans Jonas hat bereits 1979 in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ eine neue Ethik gefordert, weil die Verheißung der modernen Technik in Drohung umgeschlagen sei. Mit der Technik wollten wir die Natur beherrschen, nun hat die Technik Macht über uns gewonnen. Sie hat eine Eigendynamik entwickelt, die wir in den Griff bekommen müssen - ein großes Problem.

Welchen Stellenwert haben bioethische Gesichtspunkte gegenüber wirtschaftlichen und technologischen Überlegungen?

Bioethische und generell ethische Gesichtspunkte sind für mich die normative Perspektive, aus der wir wirtschaftliche und technologische Maßnahmen zu betrachten, auszuwählen und zu steuern haben.

Was sind die negativen Seiten?

Die Herstellung von Ethanol aus den Abfallprodukt Stroh ist ein Ansatz, das Problem "Tank oder Teller" zu entschärfen. © Uschi Dreiucker/Pixelio.de

Im Dienste bioökonomischer Maßnahmen können neue Probleme erzeugt bzw. alte Probleme verschärft werden. So kann die Herstellung von Biokraftstoffen dazu führen, dass der Anbau der zu ihrer Produktion notwendigen Rohstoffe mit einer großflächigen Zerstörung der Natur verbunden ist, wie das Beispiel der Abholzung tropischer Regenwälder zeigt. Dadurch werden Pflanzen und Tiere von unschätzbarem Wert vernichtet. Verwiesen sei auch auf die mit dem Stichwort „Tank oder Teller?“ angesprochene Flächenkonkurrenz. Der Wechsel von einer erdöl- zu einer biobasierten Wirtschaft darf also nicht zu einer weiteren Naturzerstörung und zu einer Verfestigung oder gar Vertiefung der Kluft zwischen armen und reichen Ländern führen.

Wo liegt der Gewinn bei Wirtschaft und Industrie - ist dieser rein finanziell?

Durch die Bioökonomie im recht verstandenen Sinne kann auch die Industrie neue Zweige entwickeln, die einen schonenderen Umgang mit der Natur fördern. Dies kann auch wirtschaftlich lukrativ sein. Ein Beispiel aus der Gastronomie: Restaurants mit einem reichen oder ausschließlichen vegetarischen und veganen Angebot können einen Gewinn in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht bedeuten.

Wo liegt der Vorteil für den „egoistischen“ Verbraucher - gibt es Positives für ihn persönlich?

Die Verbraucher sind heute sensibler geworden. Wir erleben eine Bewegung hin zu einem schonenden Umgang mit der Natur. Es gibt einen destruktiven Egoismus, andererseits aber auch einen konstruktiven Egoismus oder gar eine Kooperation mit der Natur: Immer mehr Verbraucher haben auch das Wohl der Natur beim Einkauf gesunder Produkte im Auge.

Wann wird die Bioökonomie Ihrer Ansicht nach in den ganz normalen Alltag Einzug halten können?

Das kann ich nicht abschätzen, aber es wird nicht von heute auf morgen passieren.

Wie würde unser Leben in der Bioökonomie der Zukunft idealerweise aussehen?

Zum Beispiel weitgehend vegetarisch, auf jeden Fall viel weniger Fleisch, weniger Autoverkehr und eine Verringerung der Kluft zwischen den Industrienationen und den Ländern der Dritten Welt.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
  • Die Vielfalt von auf der Erde vorkommenden Lebewesen und den unterschiedlich vorkommenden Ökosystemen wird als Biodiversität bezeichnet. Biodiversitätsforschung beschäftigt sich mit dem Einfluss der in einem speziellen Ökosystem vorkommenden Lebewesen auf die Umwelt.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/die-natur-ist-kein-selbstbedienungsladen-fuer-den-menschen/