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Emcid Biotech GmbH: Moose als Goldmine

Als erste Landpflanzen mussten sie sich physiologisch an allerlei Feindliches anpassen – Moose sind eine Quelle für Moleküle, die zum Beispiel gegen Mikroorganismen, Austrocknung und andere Stressfaktoren helfen. Das Potenzial der Grünlinge für die Pharma-, Agrar-, Lebensmittel- oder Kosmetikindustrie ist indes so vielfältig wie unerschlossen. Die Emcid Biotech GmbH aus Freiburg entwickelt eine Plattform für die Identifizierung, Erschließung und industrielle Nutzung von Naturstoffen und Enzymen aus niederen Pflanzen mit besonderem Fokus auf die ersten grünen Landgänger. Die Firmengründer haben sich das gut überlegt, bringen Erfahrung mit und wachen über einen besonderen Schatz.

Dieses Unternehmen ist in der hier beschriebenen Form nicht mehr am Markt aktiv.

Moose sind auf den ersten Blick eher unscheinbar, haben es aber in sich. © Emcid Biotech GmbH

Vor rund 450 Millionen Jahren besiedelten die sogenannten Bryophyten das Land. Heute kennen Biologen etwa 25.000 Moosarten, die von der Wüste bis zur Arktis in ziemlich jedem Lebensraum zu finden sind. Moose sind trotz ihres scheinbar primitiven Äußeren Überlebenskünstler; es kommt wie so oft auf die inneren Werte an. Ihre Nachkommen, die heutigen Blütenpflanzen, haben mannigfaltige Organanpassungen wie etwa Luftwurzeln, Speicherknollen oder verholzte Sprosse entwickelt und sich in spezielle Nischen der Ökosysteme eingenistet. Die Anpassung an Hitze, Kälte, Bakterien oder Übersalzung geschah bei den bodennah lebenden Moospflänzchen dagegen eher auf der physiologischen Ebene, mit einer daraus resultierenden ökologischen Offenheit. „Das Potenzial für Naturstoffe aus Moosen sehen wir in sehr vielen Bereichen der feinchemischen Industrie“, sagt Dr. Gilbert Gorr, Gründer und einer der zwei Geschäftsführer der Emcid Biotech GmbH aus Freiburg. „Allein die mikrobiellen Eigenschaften von Moosextrakten können zum Beispiel der Lebensmittel- oder Kosmetikindustrie von großem Nutzen sein.“

Das Herzstück des Unternehmens

Andreas Kranzusch (links) und Dr. Gilbert Gorr (rechts) von der Emcid Biotech GmbH © Emcid Biotech GmbH

Die Emcid GmbH entstand zunächst als bloße Idee in den Köpfen von Gorr und seinem Kollegen Andreas Kranzusch. Beide arbeiteten bis 2009 bei einem Freiburger Unternehmen, das sich auf die biotechnologische Nutzung des Kleinen Blasenmützenmooses (Physcomitrella patens) spezialisiert. Gorr, der auf dem Gebiet der Moosbiologie promoviert hatte, erkannte das Potenzial, das auch in den anderen Moosarten steckt. Zusammen mit dem kaufmännischen Experten Kranzusch entwickelte er ein Geschäftsmodell, das durch viele Vorgespräche mit der Industrie validiert ist. „Wir begannen mit einer gründlichen Sondierung des Marktes als Vorbereitung“, sagt Kranzusch. „Wir wollten sicher sein, dass wir etwas Substanzielles anbieten, bevor wir in den Wettbewerb eintreten.“ Dass das Angebot der Emcid Substanz hat, stellte von Anfang an auch das Herzstück des Unternehmens sicher, eine Sammlung sogenannter axenischer Kulturen von rund 25 Moosarten, die Gorr von einem emeritierten Professor geerbt hatte und die ständig erweitert wird.

„Eine solche Biobank aus isolierten Arten ohne die in der Natur immer anhänglichen bakteriellen Parasiten aufzubauen, kostet viel Arbeit. Wir besitzen eine der größten Sammlungen weltweit“, sagt Gorr. Und das ist eine wahre Goldmine, denn die Stoffwechselwege der einmal isolierten Moose können im Vergleich zu anderen Pflanzengruppen relativ einfach „angezapft“ werden. Weil sie als Generalisten ein breites Spektrum an Umweltbedingungen tolerieren, sind Bryophyten anspruchslos, was ihre Haltung in Kultur anbelangt. In der Klimakammer in den Laboren der Emcid Biotech GmbH, die für konstante Luft-, Licht- und Feuchtigkeitsbedingungen sorgt, können alle 25 Arten problemlos nebeneinander in ihren Kolben schlummern, keine stellt Sonderansprüche. Mithilfe ihrer zellbiologischen Expertise können die Freiburger Unternehmer außerdem relativ schnell Extrakte aus einer bestimmten Art herstellen und sie zum Beispiel auf ihre antimikrobielle Aktivität hin testen, wie das von vielen der momentanen Industriekunden gewünscht wird.

Offen für alles von einem festen Boden aus

„Unser Angebot ergibt sich immer aus den individuellen Kundeninteressen“, sagt Gorr. „Das fängt bei der Herstellung eines Extrakts aus einer bestimmten Art an, das die von dem jeweiligen Unternehmen gewünschten biochemischen Eigenschaften aufweist, und kann bis zur Isolierung, Charakterisierung und biotechnologischen Optimierung einzelner Moleküle oder Molekülkombinationen gehen, die sehr spezifische chemische Anwendungen erlauben.“ Bisher stammen die Kunden der Emcid Biotech GmbH überwiegend aus dem Bereich der Lebensmittel- und der Kosmetikindustrie. Aber Gorr und Kranzusch sind offen für andere Potenziale, wie etwa die Fähigkeit mancher Moosarten, Schwermetalle aus belastetem Boden zu entfernen und dauerhaft zu binden. „Wir sehen durchaus die biologische Landwirtschaft, die Umwelttechnologie oder auch die Pharmaindustrie als mögliche Partner für die Zukunft an“, sagt Kranzusch. „In erster Linie ist dann aber wichtig, dass wir jeweils das passende solide Geschäftsmodell finden, damit alles auf festem Boden bleibt.“

Denn bisher finanziert sich das Unternehmen aus den Umsätzen; und damit sind keine großen Projekte wie etwa die Entwicklung eines antimikrobiellen Wirkstoffes möglich. Gespräche mit Investoren sind daher bereits im Gange. „Einer unserer entscheidenden Vorteile, der uns immer wieder von der Industrie bestätigt wird, ist, dass wir eine Quelle für Naturstoffe haben, die wir zellbiologisch genau kontrollieren können“, sagt Gorr. „Es hilft einer Firma nicht, in einem Extrakt aus der Natur eine interessante Substanz zu finden, wenn sie diesen Extrakt nicht in immer der gleichen standardisierten Form und in großen Mengen nachgeliefert bekommt, und genau das wollen wir leisten.“ Die Emcid GmbH hat momentan vier Mitarbeiter. Aber in den nächsten Jahren werden die Moos-Generalisten unter Umständen wachsen. In alle erdenklichen industriellen Habitate hinein, wie ihre Grünlinge.

Glossar

  • Bakterien sind mikroskopisch kleine, einzellige Lebewesen, die zu den Prokaryoten gehören.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein Stück markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.
  • Als Ökosystem wird das Zusammenleben zwischen den Lebewesen in ihrer Umwelt bezeichnet.

Glossar

  • Bakterien sind mikroskopisch kleine, einzellige Lebewesen, die zu den Prokaryoten gehören.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein Stück markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.
  • Biochemie ist die Lehre von den chemischen Vorgängen in Lebewesen und liegt damit im Grenzbereich zwischen Chemie, Biologie und Physiologie.
  • Validierung oder Validation ist der Prozess der Prüfung einer These oder eines Lösungsansatzes in Bezug auf das zu lösende Problem.
  • Die Zytologie oder auch Zellbiologie ist eine Disziplin der Biowissenschaften, in der mit Hilfe mikroskopischer und molekularbiologischer Methoden die Zelle erforscht wird, um biologische Vorgänge auf zellulärer Ebene zu verstehen und aufzuklären.
  • Physiologie ist die Lehre von den biochemischen und physikalischen Vorgängen in Zellen, Geweben und Organen der Lebewesen.
  • Als Ökosystem wird das Zusammenleben zwischen den Lebewesen in ihrer Umwelt bezeichnet.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/emcid-biotech-gmbh-moose-als-goldmine/