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Gegen Kampagnen ist kein Kraut gewachsen

Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2000 gestartete Initiative "Wissenschaftsjahre" soll das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arbeit von Wissenschaftlern nachhaltig verbessern. Doch in Bezug auf die Grüne Gentechnik trägt das Bemühen nur wenig Früchte - die wiederholte Zerstörung von Versuchsflächen mit gentechnisch veränderten Pflanzen lässt das zumindest vermuten. Der Nürtinger Agrarwissenschaftler Professor Dr. Andreas Schier macht sich nun Gedanken über das Warum.

Jeder Wissenschaftler träumt davon, seinen Namen irgendwann einmal in einem der bekannten Fachjournale lesen zu können. Für Professor Dr. Andreas Schier von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen ging dieser Traum vor kurzem in Erfüllung. Die renommierte Fachzeitschrift „Nature“ widmete ihm in ihrer Mai-Ausgabe fast eine komplette Seite – sogar mit Bild. Freuen konnte sich der Agrarwissenschaftler Schier darüber allerdings nicht. Denn in dem Artikel ging es nicht um eine Würdigung seiner wissenschaftlichen Arbeit, sondern um das jähe Ende seiner Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Maispflanzen. Schier hat seine Forschung nämlich nicht ganz freiwillig eingestellt. Vielmehr wurde ihm dieser Schritt von der eigenen Hochschulleitung nahe gelegt, nachdem die Besetzung seiner Versuchsflächen durch Gentechnikgegner landesweit ein riesiges Medienecho hervorgerufen hatte.
Prof. Dr. Andreas Schier musste sich dem Druck der Öffentlichkeit beugen. (Foto: Prof.Schier/ HfWU)
„Wenn es nach mir ginge, würde ich sofort wieder anfangen“, so Schier, der von Sinn und Nutzen der Grünen Gentechnik fest überzeugt ist. Schließlich gehe es darum, die Pflanzen nicht nur gegenüber Schädlingen resistenter zu machen, sondern auch an die veränderten Klimabedingungen anzupassen. „Im Frühjahr haben wir inzwischen schon deutlich höhere Temperaturen und wesentlich weniger Niederschläge zu verzeichnen. Das ist dem Wachstum der Pflanzen nicht dienlich“, weiß Schier. Eine der wichtigsten Aufgaben der Grünen Gentechnik sei es deshalb, Pflanzen zu züchten, die diese neuen Bedingungen besser tolerieren. Vor allem der Wasserverbrauch wird zu einem immer entscheidenderen Faktor. „In einer gesättigten Gesellschaft, in der es bislang keinen Mangel gibt, interessiert sich natürlich kaum einer für diese Probleme – aber das wird sich in Zukunft drastisch ändern“, ist Schier überzeugt.

Spektakuläre Aktionen beeinflussen das öffentliche Meinungsklima

Doch wenn Schiers Forschungsarbeiten von solcher gesellschaftlicher Relevanz sind, warum stoßen sie in der Öffentlichkeit dann auf so große Widerstände? Den Vorwurf mangelnder Transparenz möchte sich der Wissenschaftler jedenfalls nicht gefallen lassen. „Über meine Arbeiten habe ich in der Vergangenheit bereits unzählige Male gesprochen – auf Podiumsdiskussionen, mit Journalisten und auch mit den Bürgern, die mich auf dem Versuchsfeld angesprochen haben“, sagt Schier. „Zudem gibt es im Internet sehr informative Portale zur Grünen Gentechnik, die von der Bundesregierung finanziert werden“, weiß Schier, „aber was nützen diese Informationen, wenn sie keiner hören oder lesen will.“ Das öffentliche Meinungsklima werde stattdessen von einer Gruppe Aktivisten beherrscht, die in der Bevölkerung lautstark und sehr gekonnt Ängste schüre.

Dass deren Kampagne auf fruchtbaren Boden falle, liegt nach Meinung Schiers auch an dem idealisierten Bild, das viele Menschen von Landwirtschaft hätten. „Gerade in der Werbung wird da eine heile Welt inszeniert“, so der Nürtinger Agrarwissenschaftler. Dabei sei ein Bauernhof heute ein Hightech-Betrieb, wo 500 PS-starke Traktoren durch die Felder pflügen. „Das will im Grunde genommen aber keiner so genau wissen“, sagt Schier. Nicht zuletzt deshalb eigne sich die Grüne Gentechnik hervorragend als Opfer einer Kampagne – ganz im Gegensatz zur Roten Gentechnik, bei der es vor allem um verbesserte medizinische Therapien geht. „Gegen gentechnisch hergestelltes Insulin könnten sie heute keine Kampagne mehr starten – inzwischen gibt es einfach zu viele Menschen, die um die Vorteile wissen und dieses Produkt unbedingt haben möchten“, so Schier.
Gentechnikgegner zerstörten wiederholt die Felder mit gentechnisch verändertem Mais. (Foto: Prof.Schier/ HfWU)
Aber wenn es nicht an der mangelnden Gesprächsbereitschaft liegt, dass Schier und seine Mitstreiter so wenig Gehör finden, sind die Gründe dann in der Art und Weise der Kommunikation zu suchen? Der Wissenschaftler ist skeptisch: „Wir haben diesbezüglich sicherlich nicht immer alles richtig gemacht, aber selbst wenn wir perfekt gewesen wären, diese Fundamentalkritiker kann man nicht überzeugen.“ Auch eine ausgeklügelte Kommunikationsstrategie von Seiten der Wissenschaft könne gegen eine solche Kampagne nichts ausrichten. „Für die Aktivisten ist das eine Art Ideologie – diese Leute erreichen sie mit Sachargumenten nicht“, sagt Schier.

Kompliziertes Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Politik und Medien

Zudem schlagen sich auch die Medien oft mehr oder weniger unverblümt auf die Seite der Gentechnikgegner. So sei den Feldbesetzern in der Nürtinger Lokalpresse eine ganze Seite gewidmet worden. „Eine spontane Studenten-Initiative, die gegen die illegale Feldbesetzung protestierte, war der Redaktion dagegen nur eine kleine Spalte wert. Das ist ziemlich entlarvend“, findet Schier. Offensichtlich lassen sich mit den Gentechnikgegnern größere Schlagzeilen produzieren als mit den Befürwortern.

Dabei ist Schier der Überzeugung, dass das mediale Meinungsklima das Stimmungsbild in der Bevölkerung alles andere als exakt widerspiegelt. „Wenn ein gentechnisch verändertes Produkt heute im Supermarkt zehn Cent billiger wäre, dann würde die überwiegende Mehrheit das auch kaufen“, ist sich Schier sicher. Er selbst habe kürzlich auf einem Fest Kekse angeboten, die aus gentechnisch veränderten Maispflanzen hergestellt waren – und diese als solche auch gekennzeichnet. „Am Schluss waren trotzdem alle Kekse gegessen, den meisten Leuten ist das nämlich egal“, so sein Fazit.

Schier erhofft sich in der öffentlichen Diskussion deshalb ein Machtwort von Seiten der Politik, um der Kampagne den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Oettinger oder Frau Merkel während der Besetzungsaktion Flagge gezeigt und sich eindeutig von den Zerstörungen distanziert hätten – aber da war nur Schweigen im Walde“, so Schier. Immerhin sei die Grüne Gentechnik eine wichtige Zukunftstechnologie, die als solche auch im Koalitionsvertrag verankert sei. Viele Politiker urteilten jedoch nicht nach Sachlage, sondern nach dem angeblichen Meinungstrend, findet Schier. Letzten Endes hat der Wissenschaftler für dieses Verhalten aber sogar ein wenig Verständnis: „Demnächst ist wieder Wahlkampf und mit einem öffentlichen Bekenntnis zur Grünen Gentechnik können sie in Deutschland momentan keinen Blumentopf gewinnen.“

sb – 25.07.2008
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen zum Beitrag:
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt
Prof. Dr. sc.agr. Andreas Schier
Neckarsteige 6 – 10
72622 Nürtingen
Tel.: 07022 201-326E-Mail: andreas.schier@hfwu.de

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Gentechnik ist ein Sammelbegriff für verschiedene molekularbiologische Techniken. Sie ermöglicht, DNA-Stücke unterschiedlicher Herkunft neu zu kombinieren, in geeigneten Wirtszellen zu vermehren und zu exprimieren.
  • Insulin ist ein Hormon, das in den ß-Zellen der Langerhans’schen Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und die Senkung des Blutzuckerspiegels bewirkt. Zuckerkranken (Diabetikern) fehlt dieses Hormon.
  • Grüne Gentechnik ist die Bezeichung für die Anwendung gentechnischer Verfahren in der Pflanzenzüchtung und deren Nutzung in der Landwirtschaft. Bei der Grünen Gentechnik gibt es im Wesentlichen drei Anwendungsfelder.: 1. Veränderung der agronomischen Eigenschaften der Pflanzen wie beispielsweise die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge, Herbizide, Trockenheit oder Kälte. 2. Erhöhung der qualitativen Eigenschaften von Pflanzen beziehungsweise Nahrungsmitteln, also zum Beispiel den Proteinanteil oder Vitamingehalt. 3. „molecular farming“, also der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen als „Biofabriken“ zur kostengünstigen Herstellung von Enzymen und therapeutisch wirksamen Stoffen.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/gegen-kampagnen-ist-kein-kraut-gewachsen/