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Mähabfall zu Biogas?

Es wächst ständig nach und wird bisher meist einfach nur liegen gelassen, entsorgt und höchstens teilweise kompostiert – dabei könnte grünes Restschnittgut zur Lösung des globalen Energieproblems beitragen und auch noch Geld einbringen. Aber Kommunen, die Grünabfälle nach dem Abmähen von Wegesrändern, Uferstreifen oder Sportplätzen in Biogas und damit in einen erneuerbaren Energieträger umwandeln wollen, stehen vor praktischen Problemen. Diese erfordern eine genaue Planung und Einschätzung des Potenzials. Dr. Chantal Ruppert-Winkel und ihr Team vom Zentrum für Erneuerbare Energien (ZEE) Freiburg haben in einem baden-württembergischen Beispiellandkreis die Faktoren erhoben, die bei einem solchen Vorhaben berücksichtigt werden sollten. Welche örtlichen Gegebenheiten sind ausschlaggebend, wenn eine Kommune ihre bisher vernachlässigten Biogasquellen in Strom und Wärme umwandeln will, und wann resultiert Profit?

Wann lohnt es sich, aus diesen zwei Grünstreifen Biogas zu produzieren? © Patric Schlager

Der Landkreis Schwäbisch-Hall hat ein ehrgeiziges Ziel und ist damit Beispiel für immer mehr Kommunen in Deutschland. In Zukunft will sich die Kommune komplett mit erneuerbaren Energien versorgen. Zunächst denkt man da an Windräder, Sonnenlichtkollektoren und Maisplantagen für die Biogasproduktion. Dabei lässt man etwas links am Wegesrand liegen, das nicht liegen gelassen werden sollte. Denn grünes Restschnittgut – bisher vor allem als „Mähabfall“ bekannt –, das neben Gehwegen, an Uferstreifen von Flüssen oder auf Fussballplätzen anfällt, könnte nach richtiger Behandlung in einer Fermentieranlage eine Quelle für Biogas sein – Biogas, das nicht in Konkurrenz zu Anbauflächen für Gemüse oder Getreide gewonnen wurde.

Warum also mähen und liegen lassen oder gar einsammeln, abtransportieren und teuer entsorgen? Warum nicht ein Konzept aufstellen, um mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? „Das Problem, auf das wir am Anfang unserer Untersuchung gestoßen sind, war, dass in jeder Gemeinde andere Bedingungen vorherrschen, die eine Abschätzung des tatsächlichen Potenzials von Restschnittgut als Biogasquelle erschweren“, sagt Dr. Chantal Ruppert-Winkel vom Zentrum für Erneuerbare Energien (ZEE) der Universität Freiburg.

Keine einfachen Antworten

Ruppert-Winkel und ihr Team haben zusammen mit Kooperationspartnern vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin und dem Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim zwischen 2009 und 2011 das Projekt „Dezentrale Mikro-Biogaserzeugung (Mikro-Biogas) – Entwicklung übertragbarer Konzepte zur nachhaltigen Erschließung biogener Rest- und Abfallstoffe für die Mikro-Biogasproduktion in Gemeinden und Landkreisen“ durchgeführt. Im Rahmen dieses durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) geförderten Projektes haben die Forscher das Potenzial von ungenutzten Grünflächen für die Biogasproduktion untersucht. Und haben dabei keine einfache Antwort, sondern vielmehr einen Katalog von Fragen als Ergebnis gewonnen. Aber genau dieser Fragenkatalog könnte ehrgeizigen Kommunen nun helfen, ihre Grünabfälle in Profit umzuwandeln – Profit nicht nur im wirtschaftlichen Sinne.

„Viele Gemeinden wollen im Zuge der Umstellung auf erneuerbare Energiequellen ganzheitliche Konzepte entwickeln, die nicht nur finanzielle, sondern auch ökologische Aspekte berücksichtigen sowie die Frage nach einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen beantworten sollen“, sagt Ruppert-Winkel. Und in diesem Zusammenhang müssen bei der energetischen Nutzung von Grünabfällen viele Faktoren bedacht werden, die nicht nur wirtschaftlich relevant sind. Ruppert-Winkel und ihr Team unterschieden deshalb klar zwischen verschiedenen Kosten- und Gewinndimensionen.

Wieviel Restschnittgut fällt an, das in Biogas umgewandelt werden kann? Handelt es sich um gedüngtes Grün von Sportplätzen oder Parkanlagen, das häufig gemäht wird, wenig verholzt ist und dadurch viel verwertbare, energiereiche Biomasse liefert? Oder ist es eher schwer zugängliches Ufergrün, das verholzt und damit energieärmer ist und außerdem vielen Vogel- oder Insektenarten Brutplätze sichert? Handelt es sich gar um Material, das an Autobahnen wächst und damit Schadstoffe aufgenommen hat, deren Gärreste nicht mehr in Verkehr gebracht werden dürfen?

Eine Frage der Gesetzgebung?

Eine Gemeinde, die Restschnittgut in Biogas umwandeln will, muss zunächst prüfen, welche Art von Profit ihr wichtig ist. © Dr. Chantal Ruppert-Winkel

„Alle diese Kosten- und Nutzen-Faktoren müssen zunächst einmal gegeneinander abgewogen werden, und das ist oft mühsam“, sagt Ruppert-Winkel. Neben solchen Aspekten kommen organisatorische Probleme hinzu, wie etwa die Planung des Aufsammelns und des Transports zu einer Biogasanlage beziehungsweise zu Fermentern. Damit werden auch geografische Vor-Ort-Bedingungen wichtig: Gibt es unter Umständen bereits einen Landwirt, der eine Biogasanlage betreibt? Wie groß ist die Entfernung zur Biogasanlage? Ist ein Wärmeabnehmer in der Nähe, oder muss auch die Wärme über Leitungen abtransportiert werden? Soll unaufbereitetes Biogas in Biogasleitungen zu einem zentralen Blockheizkraftwerk transportiert werden? All das muss am Ende in die Rechnung aufgenommen werden.

Grob betrachtet hängt die wirtschaftliche Rentabilität vor allem von der Menge der Biomasse ab, die als Restschnittgut anfällt. Ist diese gering, so können die positiven Einflüsse kurzer Transportwege, optimaler Kraftwärme-Kopplung oder anderer Einflussgrößen wenig am „Outcome“ ändern. Aber nimmt man ökologische oder gesellschaftliche Gewinnaspekte, wie die Reduktion von Treibhausgasen, hinzu, dann kann auch eine finanzielle Nullrechnung profitabel sein.

Und das Gewicht eines ganz bestimmten Faktors sollte auch dem BMU zu denken geben. „Ein wesentlicher Punkt, der die Rentabilität eines Restschnittgut-Biogas-Konzepts bestimmt, ist die Gesetzgebung“, sagt Ruppert-Winkel. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der Bundesregierung regelt zum Beispiel, in welcher Höhe verschiedene Konzepte der Energiegewinnung aus erneuerbaren Energiequellen vom Bund gefördert werden. Während der Projektlaufzeit haben sich die Rahmenbedingungen in Form des EEGs sowie des Marktanreizprogramms (MAP) mehrfach geändert.

„Die Veränderungen haben dazu geführt, dass nahezu keines der von uns untersuchten Konzepte mehr gewinnbringend ist“, sagt Ruppert-Winkel. Beispielsweise werden seit Anfang des Jahres 2011 Biogasleitungen nach dem MAP nicht länger gefördert. Zudem hat sich das Bonussystem des EEGs verändert. Die Erstellung eines Konzepts zur Energieversorgung kostet eine Gemeinde viel Zeit und Geld und ist auf große Zeiträume ausgelegt. Wenn sich die Gesetzgebung von Jahr zu Jahr ändert, dann sind innovative Konzepte schwierig auf den Weg zu bringen.

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