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Mit dem berufsbegleitenden Master „Bioprozesstechnik“ gegen den Fachkräftemangel

Zum Sommersemester 2015 bot die Hochschule Esslingen zum ersten Mal den berufsbegleitenden Master-Studiengang „Bioprozesstechnik“ an. Dieser soll Bachelor- oder Diplom-Absolventen technischer Studiengänge ansprechen, die seit Abschluss des Erststudiums in der Regel mindestens ein Jahr Berufserfahrung gesammelt haben und sich auf dem Gebiet der Bioprozesstechnik weiterqualifizieren wollen.

„Die Anforderungen an die Bioprozesstechnik in der Praxis nehmen ständig zu und sind mittlerweile so komplex geworden, dass in den grundständigen Studiengängen nicht mehr das gesamte Spektrum des relevanten Wissens abzudecken ist. [...]Eine Umfrage bei Firmen der Biotech-Branche zeigt den zunehmenden Bedarf an Absolventen im bioprozesstechnischen Bereich. Gerade hier soll der Weiterbildungsstudiengang Bioprozesstechnik einsetzen", erklärt Prof. Dr.-Ing. Richard Biener, Leiter des neuen Studienganges. Initiiert wurde die Einführung dieses Studienangebotes 2011 durch den Industriebeirat des Bachelor-Studiengangs Biotechnologie: Dessen Mitglieder äußerten einen Bedarf für die Weiterbildungsmöglichkeit, woraufhin ein Industriebeirat eigens für die Bioprozesstechnik eingerichtet wurde. In enger Zusammenarbeit von Hochschule und Beirat entstand dann das Konzept des Studienganges Bioprozesstechnik. Gefördert wird der Aufbau des Studienangebotes vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg im Rahmen des Ausbauprogramms „Master 2016".

Glossar

  • Antikörper sind körpereigene Proteine (Immunglobuline), die im Verlauf einer Immunantwort von den B-Lymphozyten gebildet werden. Sie erkennen in den Körper eingedrungene Fremdstoffe (z. B. Bakterien) und helfen im Rahmen einer umfassenden Immunantwort, diese zu bekämpfen.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Gentechnik ist ein Sammelbegriff für verschiedene molekularbiologische Techniken. Sie ermöglicht, DNA-Stücke unterschiedlicher Herkunft neu zu kombinieren, in geeigneten Wirtszellen zu vermehren und zu exprimieren.
  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Monoklonale Antikörper sind strukturell identische Antikörper, die daher auch über die exakt gleiche Bindungsstelle für ein Antigen verfügen.
  • Ein Bioreaktor ist ein geschlossenes System, in dem mikrobielle Umsetzungen organischer Substanzen unter kontrollierten Bedingungen stattfinden und gemessen werden können.
  • Die Computertomographie (CT) ist ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Strukturen im Körperinneren. Dabei werden Röntgenaufnahmen aus verschiedenen Richtungen gemacht und anschließend rechnerbasiert ausgewertet, um ein dreidimensionales Bild zu erhalten.
  • L-Lysin ist eine basische und essentielle Aminosäure.
  • Substrataufarbeitung

Fachliche, persönliche und berufliche Weiterbildung

Die Bioprozesstechnik bildet die Schnittstelle zwischen Verfahrenstechnik und Biotechnologie ab. In Bioreaktoren wie diesem werden dabei Zellen kultiviert, die z.B. pharmazeutische Wirkstoffe produzieren. © BIOPRO/Bächtle

Der bundesweit einzigartige Masterstudiengang liegt inhaltlich an der Schnittstelle zwischen Verfahrenstechnik und Biotechnologie. Es ist erklärter Anspruch, die gesamte Prozesskette der Wertstoffherstellung von der gentechnischen Optimierung der Zelle über die Zellkultivierung in Bioreaktoren (Upstream Processing) bis zur Aufarbeitung der biotechnologischen Produkte (Downstream Processing) abzubilden. Die in den Lehrveranstaltungen erworbenen theoretischen Grundlagen werden in Blockpraktika direkt angewendet. Durch das besondere berufsbegleitende Studienkonzept wird zudem ein enger Austausch mit der Praxis im Unternehmen gewährleistet.

Exemplarisch werden einige industriell bedeutende Bioprozesse wie die biotechnologische Herstellung von Lysin oder von monoklonalen Antikörpern durchgeführt, ergänzt durch die dazugehörige Analytik und Aufarbeitung. Da der Studiengang nicht nur der rein fachlichen, sondern auch der persönlichen und beruflichen Weiterbildung dienen soll, ist in die angebotenen Module bereits die Vermittlung vielseitiger Schlüsselqualifikationen integriert: Qualitäts- und Innovationsmanagement, rechtliche Grundlagen, Prozessdatenanalyse, Kostenrechnung, Marketing und Kommunikation sind nur einige der dadurch geförderten Kompetenzen. Das Gesamtpaket aus Fachwissen, Schlüsselqualifikationen, Praxis und der interdisziplinären Erfahrung soll den Absolventen des Masters of Engineering (M. Eng.) Bioprozesstechnik auch dazu dienen, sich für Führungspositionen zu qualifizieren.

Problemlösung durch interdisziplinäre Teamarbeit

Studiengangsleiter Prof. Dr.-Ing. Richard Biener © Hochschule Esslingen

In einem berufsbegleitenden Masterstudiengang treffen Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und mit individuellen beruflichen Laufbahnen zusammen. Biener sieht darin einen der größten Vorteile eines solchen Studiums: „Die berufliche Erfahrung, die alle Kandidaten mitbringen, erlaubt einen ganz anderen Informationsaustausch als in einem Anfangssemester, bestehend aus Schulabgängern. Es besteht nicht nur die Möglichkeit, Kollegen aus benachbarten Arbeitsbereichen kennenzulernen, sondern sich bei aktuellen Problemen auszutauschen und neue Netzwerke für die gesamte Berufslaufbahn aufzubauen."

Die Lehre übernehmen Professoren der Hochschule Esslingen und Fachexperten aus der Industrie und Wissenschaft, die die Relevanz der Studieninhalte einschätzen und vermitteln können. Der Einstieg in die Lehrveranstaltungen soll trotz unterschiedlicher Grundkenntnisse erleichtert werden: Die Studenten haben direkt nach der Einschreibung die Möglichkeit, auf einer Online-Lernplattform Vorkurse in mathematisch-technischen Themengebieten zu belegen.

Weiterbildung als Mittel gegen den Fachkräftemangel

Biener und die Mitglieder des Industriebeirats betrachten die berufsbegleitende Weiterbildung auch als geeignetes Mittel gegen den Fachkräftemangel, von dem sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber profitieren: „Ein berufsbegleitendes Studium ist die optimale Möglichkeit für ein Unternehmen, herausragende Mitarbeiter zu fördern, für spätere Führungspositionen zu qualifizieren und damit auch zukünftig an das Unternehmen zu binden. Für den Mitarbeiter bedeutet eine Unterstützung des Unternehmens bei dieser Art der Weiterbildung eine Anerkennung der bisher erbrachten Leistungen und den offenkundigen Plan, diesen Mitarbeiter zu halten und innerhalb der Unternehmensstruktur höher zu positionieren." 
An den Studiengebühren von insgesamt 18.000 Euro beteiligen sich die Arbeitgeber deshalb oft.

Berufsbegleitend Bioprozesstechnik an der Hochschule Esslingen studieren

Online-Lehre ermöglicht es den Studenten, die Inhalte orts- und zeitunabhängig im Internet zu erarbeiten. © Hochschule Esslingen

Berufsbegleitend zu studieren ist natürlich auch mit einem nicht unerheblichen Arbeits- und Zeitaufwand verbunden. Insgesamt umfasst der Master of Engineering Bioprozesstechnik an der Hochschule Esslingen 90 ECTS-Punkte (European Credit Transfer System) und jeder ECTS-Punkt entspricht 25 bis 30 Stunden Arbeitsaufwand.

Um eine möglichst flexible Gestaltung des Studiums zu ermöglichen, werden beim hier praktizierten „Blended Learning" Online- und Präsenzlehre kombiniert: Zusätzlich zu e-Learning-Modulen, die zeit- und ortsunabhängig belegt werden, gibt es auch Präsenzveranstaltungen wie Vorlesungen, Workshops, Laborübungen, Exkursionen, Prüfungen und Seminare, die sich auf durchschnittlich 12 bis 15 Präsenztage pro Semester summieren. „Der Aufbau des Studiengangs mit reduzierten Präsenzzeiten, die fast ausschließlich am Wochenende stattfinden, ermöglicht es auch Kandidaten von weiter weg, an diesem Programm teilzunehmen", so die Studiengangsmanagerin Dr. Antje Lohmüller.

Bis zum Abschluss mit dem Master of Engineering ist eine Studiendauer von fünf Semestern vorgesehen. Davon sind vier Semester für die Theorie mit durchschnittlich 15 ECTS-Punkten und ein Semester für die Durchführung einer Masterarbeit mit 30 ECTS-Punkten eingeplant. Eine individuelle Gestaltung des Studiums ist jedoch möglich: Das Studium kann bei Bedarf und nach Absprache unterbrochen oder verlängert werden. Zukünftig wird es auch möglich sein, die Module des Studienganges unabhängig vom Erwerb eines Master-Titels zu absolvieren und mit einem Weiterbildungszertifikat der Hochschule abzuschließen.

Die ersten Studenten, die im Sommersemester 2015 im berufsbegleitenden Masterstudiengang Bioprozesstechnik eingeschrieben sind, kommen aus Fachbereichen wie Pharmazeutische Biotechnologie und Umweltverfahrenstechnik. Sie loben vor allem die gute Organisation und die Möglichkeit, sich mit Vorkursen auf die Lehrveranstaltungen vorzubereiten. Bis zum 31. Januar eines Jahres ist die Anmeldung für das im März beginnende Sommersemester möglich.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/mit-dem-berufsbegleitenden-master-bioprozesstechnik-gegen-den-fachkraeftemangel/