Powered by

Rezension: Bioökonomie für Einsteiger

Trotz seiner Tragweite und Prominenz in politischen und wissenschaftlichen Strategien ist das Konzept der Bioökonomie in der Breite wenig bekannt und lediglich in begrenztem Maß Teil des öffentlichen Diskurses. Ein Grund hierfür ist unter anderem ein oftmals unklares Verständnis, sowie die schwierige Abgrenzung des Begriffs. Aus diesem Grund hat Joachim Pietzsch, etablierter Frankfurter Wissenschaftsjournalist, in Zusammenarbeit mit zahlreichen Experten beschlossen, die Grundlagen der Bioökonomie darzustellen.

Cover des Buches Bioökonomie für Einsteiger. © Springer-Verlag GmbH

Glossar

  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Das Genom ist die gesamte Erbsubstanz eines Organismus. Jede Zelle eines Organismus verfügt in Ihrem Zellkern über die komplette Erbinformation.
  • Transformation ist die natürliche Fähigkeit mancher Bakterienarten, freie DNA aus der Umgebung durch ihre Zellwand hindurch aufzunehmen. In der Gentechnik wird die Transformation häufig dazu benutzt, um rekombinante Plasmide, z. B. in E. coli, einzuschleusen. Hierbei handelt es sich um eine modifizierte Form der natürlichen Transformation.
  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.

Im Rahmen des im Mai 2017 erschienenen Buches „Bioökonomie für Einsteiger“ stellt Pietzsch den Kontext der Bioökonomie vor. Diesen sieht er durch den Hintergrund einer rund zwei Jahrhunderte andauernden Phase der Abhängigkeit fossiler Ressourcen und dem daraus resultierenden Klimawandel gegeben. Die Vielfältigkeit des Konzepts „Bioökonomie“ betont Pietzsch beispielhaft anhand von verschiedenen nationalen Bioökonomie-Strategien, die an jeweilige lokale Gegebenheiten anzupassen sind. Auch deswegen wird im Buch nicht von „der Bioökonomie“ gesprochen, sondern die Unbestimmtheit des Konzepts „einer Bioökonomie“ betont.

Von der Vielfältigkeit der Bioökonomie, …

Aufbauend auf dieser Einführung werden verschiedene Bereiche der Bioökonomie aus Sicht der jeweiligen Experten vorgestellt. Grundlegend setzt sich das Buch zunächst mit der Herkunft der Biomasse und der Nutzung dieser in Form von Energie und Materialien auseinander. Im zweiten Teil werden nachfolgend übergeordnete Themen, wie die Rolle der Volks-, bzw. Betriebswirtschaftslehre und Fragen der Nachhaltigkeit, beleuchtet.

… ihrer Grundlage, …

Hierbei wird die Vielfältigkeit des Konzepts „Bioökonomie“ sichtbar. So kann Biomasse aus diversen Bereichen, wie der Agrar-, Forst-, Fischerei- und Abfallwirtschaft, stammen. Zugehörige Grundlagen werden im Buch ebenso ausführlich beschrieben, wie mit der Biomassenutzung verbundene Fragen der Nahrungsmittelsicherheit. Entsprechend dem Prinzip des Nahrungsmittelvorrangs vieler Bioökonomie-Strategien wird diesem Thema weiter Raum gewährt. Erst anschließend werden weitere Möglichkeiten zur Nutzung von Biomasse, wie beispielsweise Treibstoffe und Chemikalien, diskutiert. Die Mannigfaltigkeit möglicher Produkte wird dabei ebenso dargestellt, wie grundlegende Umwandlungspfade. Zu letzteren gehören verschiedene Raffineriesysteme und die damit einhergehende potentielle Bedeutung der Biotechnologie. Hierfür werden sowohl aktuelle, fossilbasierte Prozesse und Technologien vorgestellt, gleichzeitig aber auch Prinzipen, die in dieser Form heutzutage noch nicht genutzt werden. So werden beispielsweise neben etablierten biotechnologischen Methoden ebenso Zukunftstechnologien, wie BioBricks oder synthetische Genome, präsentiert.

… den Voraussetzungen, …

Ob diese Potenziale ausgeschöpft werden, ist auch von anderen Faktoren, wie volkswirtschaftlichen Aspekten, abhängig. Aus Sichtweise der Innovationsökonomie stellt die Bioökonomie ein neues Innovationssystem dar, welches bedeutende Neuerungen ermöglichen kann. Im Gegensatz zu bislang üblichen ergebnisoffenen Systemen, ist diese allerdings als gerichtete Transformation hin zu einer notwendigen nachhaltigeren Entwicklung zu verstehen. Hiervon abgesehen besteht eine weitere Besonderheit von Bioökonomie-Konzepten in der Fokussierung auf die Schaffung neuer, sowie die effiziente Verknüpfung bestehender Wertschöpfungsketten. Als allgemeine Grundvoraussetzung für den Erfolg dieser Wertschöpfungsketten gilt dabei die Sicherstellung der Marktakzeptanz, beziehungsweise der Wettbewerbsfähigkeit biobasierter Produkte. Möglichkeiten und Rahmenbedingungen hierfür werden deshalb im Kontext der betriebswirtschaftlichen Bedeutung in einem eigenen Kapitel besprochen.

… und der Kontroverse

Der Buchautor Joachim Pietzsch arbeitet seit 2006 als freier Wissenschaftsjournalist und Kommunikationsberater. © Joachim Pietzsch

Bioökonomische Konzepte sind oftmals Gegenstand kontroverser Diskussionen. Auch deswegen setzen sich zwei abschließende Kapitel durchaus kritisch mit den einhergehenden Ideen und Implikationen auseinander. So werden die ökologischen Grundlagen einer nachhaltigen Bioökonomie ausgehend von Ressourcenfragen untersucht und limitierende Bedingungen, wie Land- und Nährstoffverfügbarkeit, analysiert. Anhand dessen werden resultierende Zielkonflikte, sowie die Notwendigkeit starker globaler Governance aufgezeigt. Darüber hinaus diskutiert Prof. Dr. Armin Grunwald abschließend die bioökonomischen Ideen im Hinblick auf die Zielsetzung der Förderung, beziehungsweise Erreichung von Nachhaltigkeit, und bedient sich hierfür einer umfassenderen philosophischen Perspektive.

Insgesamt bedürfen die Inhalte weiterer Diskussionen – sind sie natürlich durch die Sichtweisen der Experten geprägt. So könnten sich neoklassische Ökonomen beispielsweise an der im Kapitel „Die Bioökonomie unter dem Blickwinkel der Innovationsökonomik“ eingeführten neo-schumpeterianischen Sichtweise auf die Bioökonomie stören. Dadurch bietet das Buch allerdings ebenso zahlreiche Gedankenanstöße. Ganz besonders gilt dies für den Beitrag von Grunwald, der die Perspektiven der Bioökonomie vor dem Hintergrund von Postwachstumstheorie und Ökomodernismus untersucht.

Obwohl im Buch eine beeindruckende Vielfalt an Themen und Disziplinen aufgezeigt wird, schaffen es die Autoren wichtige Konzepte und Begrifflichkeiten der jeweiligen Fachgebiete verständlich zu erklären. Hierbei hilfreich sind auch zahlreiche Exkursboxen, die auf anschauliche Weise weitere Aspekte der Themen beleuchten und weiterführende Informationen liefern. Letztlich bleibt als einziger Wermutstropfen das Fehlen eines Nachwortes des Herausgebers, um die verschiedenen Beiträge abschließend in eine gemeinsame Perspektive zu setzen.

Bioökonomie, ein komplexes Thema – Experten klären auf

Aus baden-württembergischer Sicht ist besonders der hohe Anteil an Mitautoren aus dem Südwesten erwähnenswert. Diesem kommt im Hinblick auf die Anzahl der Experten des Feldes eine bedeutende Rolle zu und so sind ein Drittel der Autoren Angehörige der Universitäten in Hohenheim, Freiburg und Karlsruhe.

Insgesamt betrachtet ist das Buch ein hervorragendes Angebot für Menschen, die sich mit dem Thema und den Konzepten der „Bioökonomie“ beschäftigen möchten. Es verhilft dem Leser einen Überblick über dieses komplexe Thema zu erhalten. Wichtige Konzepte und Begriffe aus den verschiedenen Bereichen der Bioökonomie werden dargestellt und darüber hinaus bietet das Buch eine Vielzahl an Diskussionsanregungen.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/rezension-biooekonomie-fuer-einsteiger/