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Rezension: Global Gardening

Christiane Grefe beleuchtet in ihrem im Februar 2016 erschienenen Buch „Global Gardening, Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft“ viele Facetten der Bioökonomie. So werden nicht nur die aktuellsten Entwicklungen auf politischer Ebene vorgestellt, auch die wichtigsten technologischen Ansätze und eine Analyse alternativer Konzepte werden diskutiert. Daraus abgeleitet liefert die Autorin eine Sammlung an kritischen Punkten, die ihrer Meinung nach von der Politik weltweit aufgegriffen und gelöst werden sollten.

Cover des Buches Global Gardening © Verlag Antje Kunstmann GmbH

Die renommierte Journalistin Christiane Grefe, aktuell für DIE ZEIT tätig, verfolgt die Entwicklung des Begriffs „Bioökonomie“ bereits seit den 1980er Jahren. Zunächst von US-amerikanischen Ökonomen geprägt, um eine auf Sonnenenergie basierende ökologische Wirtschaftsform zu beschreiben, wandelte sich die Interpretation des Begriffs seit Mitte der 2000er Jahre hin zu einer „Green Economy“, die biogene Ressourcen nutzt, so Grefe. Vor dem Hintergrund der aktuell rasanten Entwicklung der Bioökonomie sowohl in Deutschland und der EU als auch weltweit bietet die Autorin mit ihrem Buch einen umfassenden Überblick zum aktuellen Stand der Bioökonomie.

Grefe spannt in ihrem Werk den Bogen, ausgehend von der politischen Geschichte der Bioökonomie über die Vorstellung diverser technologischer Entwicklungen hin zur Beantwortung der Frage, warum die Bioökonomie trotz des billigen Öls zukünftig ein Thema sein wird. Aber auch kritische Fragen an die Bioökonomie fehlen nicht, genausowenig wie die Beschreibung der Probleme, die sich für die Entwicklungsländer daraus ergeben können.

Von den Technologie-Anbietern...

Während der mehrjährigen umfangreichen Recherche hat die Autorin weltweit alle relevanten Akteure besucht. So beschreibt sie beispielsweise einen Besuch in der Produktion der Firma Novozymes, einem großen Biotechnologieunternehmen in Dänemark. Neben europäischen Vorreitern in der Bioökonomie wie dem dänischen Enzymhersteller Novozymes werden auch wichtige deutsche Akteure vorgestellt: etwa die Unternehmen ORGANOBALANCE, BRAIN oder Clariant oder die Forschungseinrichtungen Fraunhofer-CBP in Leuna oder die bioliq®-Anlage des KIT in Karlsruhe. Interessant zu lesen ist auch der Besuch von Grefe bei dem nicht gerade journalistenaffinen Unternehmen Monsanto, dem laut Grefe "weltgrößten Saatgut- und Biotechnologie-Konzern". Zu Wort kommt deren Vorstandsvize und Technologiechef Robert Fraley, der die aktuellen Entwicklungsarbeiten zu Acker-Drohnen und Precision Farming erläutert und laut Grefe "das bioökonomische Mantra: Mehr mit Weniger" repetiert. Aktuell heiß diskutierte technologische Entwicklungen wie Smart Breeding, Synthetische Biologie oder CRISPR werden vorgestellt und kritisch beleuchtet.

Glossar

  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.

...zu den Rohstofflieferanten

Grefe ist aber nicht nur in die Labore der Biotech-Unternehmen gegangen, sie hat auch diejenigen besucht, die ganz am Anfang der Bioökonomie stehen – die Bauern. Und sie beleuchtet dabei Fehlentwicklungen in der Vergangenheit, wie die Jatropha-zu-Biosprit-Euphorie mit groß angelegtem Anbau in Afrika, der letztendlich aber aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit wieder aufgegeben wurde. Aber auch positive Ansätze auf lokaler Ebene werden vorgestellt, zum Beispiel ein Projekt des deutschen Bundesforschungsministeriums in Kenia mit dem Ziel, mit vielfältigen Lösungen und unter Einbeziehung der Kleinbauern vor Ort gegen Armut und Nahrungsknappheit vorzugehen. "Ein großes Bioökonomie-Forschungsprojekt für kleine Lösungen" lautet treffend die Überschrift zu diesem Kapitel.

Bioökonomie – intelligent oder ökologische Sackgasse?

Dass die Autorin den Aktivitäten rund um die Bioökonomie durchaus skeptisch bis kritisch gegenüber steht, lässt sich an vielen Stellen des Buches herauslesen. Ein ganzes Kapitel, "Dasselbe in Grün?", stellt kritische Fragen an die Bioökonomie wie "Neue Konkurrenz für Kleinbauern?" oder "Wissen die modernen Alchemisten, was sie tun?" Zu Beginn des Buches spricht Grefe von Begriffsgrabbing und erläutert, was der Begriff Bioökonomie ursprünglich bedeutet hat. An anderer Stelle weist sie darauf hin, dass sich die "Mainstream-Wissenschaftler und Mainstream-Bioökonomen mit der Wirtschaftstheorie der Selbstbegrenzung bis heute schwer tun". Im Kapitel "Ressourcenschonend oder ressourcenblind?" wird darauf eingegangen, dass selbst in der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung zwei gegensätzliche Strömungen aktiv sind. So plädiere Ralf Fücks in seinem Buch "Intelligent wachsen" für ein grünes Wachstum, während Barbara Unmüßig in ihrem Buch "Kritik der grünen Ökonomie" das Projekt Bioökonomie in eine "ökologische Sackgasse" steuern sieht.

Der flüssig und angenehm zu lesende Schreibstil der erfahrenen Journalistin und die kleinteilige Strukturierung machen es dem Leser leicht, das Buch auch als Lektüre für zwischendurch in die Hand zu nehmen. Aufgelockert und bereichert wird das Sachbuch durch das Stilmittel Streitgespräch. Renommierte Experten jeweils gegensätzlicher Positionen nehmen Stellung zu Themen wie Synthetische Biologie, Chancen und Risiken der Bioökonomie, Zukunft der globalen Landwirtschaft oder Zukunft der Chemie – Bioraffinerien versus Chancen dezentraler Vielfalt.

Ein Wunsch der Autorin ist es, dass nicht nur die Politik, Wissenschaft und Industrie vieles aushandeln in Bezug auf die Entwicklung der Bioökonomie, sondern dass auch andere gesellschaftliche Gruppen mit Einfluss nehmen können. Hierzu müssen diese aber auch ausreichend informiert sein, damit sie auf Augenhöhe mitdiskutieren können. "Global Gardening" kann hier sehr gut als Einstiegshilfe in die komplexe Materie Bioökonomie genutzt werden. Und dann kann der einzelne Leser vielleicht die Fragestellungen von Christiane Grefe "Welchen Pfad der Bioökonomie wollen wir wählen?" und "Ist grünes Wachstum die Lösung?" etwas besser fundiert beantworten. Inwieweit zusätzlich Ansätze aus den alternativen Formen des nachhaltigen Wirtschaftens wie Kreislaufwirtschaft, Suffizienzwirtschaft oder Share Economy hinzukommen und integriert werden müssen, wird die Zukunft zeigen.

Jeder, der an der Bioökonomie interessiert ist – sei es Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer oder Bürger –, sollte das Buch lesen und dann mitstreiten im Kampf um die beste Lösung hin auf dem Weg zu einer weltweiten nachhaltigen Bioökonomie.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/rezension-global-gardening/