Powered by

Wege zu einer naturverträglichen Energiewende

An der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR) startet in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Rainer Luick ein neues Forschungsprojekt. Es beschäftigt sich mit der Rolle des Kleinprivatwaldes im Kontext der Energieholzversorgung. Das Projekt reiht sich ein in eine lange Reihe von Forschungsarbeiten auf dem Weg zu einer naturverträglichen Energiewende.

Prof. Dr. Rainer Luick, der an der Universität Freiburg und der University of Michigan Biologie studiert hat und lange Jahre Leiter des Instituts für Landschaftsökologie und Naturschutz in Singen war, ist seit 2000 an der HFR tätig. Ein Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit liegt im Bereich der naturverträglichen Bioenergienutzung.

Bioökonomie-Bewegung eventuell noch zu früh?

Prof. Dr. Rainer Luick, Hochschule für Forstwissenschaft Rottenburg © privat

Während die Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung bereits seit vielen Jahren im Fokus von Forschung und industrieller Umsetzung steht, ist die ganzheitliche Herangehensweise in Form einer zu entwickelnden Bioökonomie erst seit wenigen Jahren ein Thema. In Bezug auf die Chancen und Risiken dieser noch relativ jungen Bioökonomie sieht Luick durchaus denselben Zwang wie bei der Begründung für eine Energiewende. "Wenn wir keine fossilen Rohstoffe mehr haben, müssen wir auf biobasierte umsteigen."

Allerdings ist er davon überzeugt, dass die Nach-Erdölzeit noch von einer Nutzung der Kohle als Rohstoff beispielweise für die Kunststoffindustrie abgelöst wird, da die Synthese über Kohle leichter sein wird als von Biomasse ausgehend. Vor diesem Hintergrund erscheint es Luick eventuell noch etwas verfrüht eine Bioökonomie anzustoßen. Momentan sieht er nur in extremen Nischen eine ernsthafte Marktrelevanz für biobasierte Produkte. Aber wenn man sich schon für eine Bioökonomie-Strategie entscheide, dann solle diese auch auf eine längere Zeit und umfassend angelegt sein.

Nachhaltige Holznutzung in Deutschland bereits nahezu ausgeschöpft

Ein Privatwaldbesitzer bündelt sein Restholz. © Rainer Luick

Für eine zukünftige Bioökonomie ist die nachhaltige und naturverträgliche Bereitstellung von genügend Rohstoffen unerlässliche Voraussetzung. Eine mögliche Biomasse im waldreichen Deutschland könnte Holz sein. Aber gibt es denn überhaupt genügend Holz in Deutschland bzw. in Baden-Württemberg für eine zukünftig weiter zunehmende stoffliche und energetische Nutzung? "Da haben sich in den letzten zehn Jahren tatsächlich die Einschätzungen massiv geändert. Vor zehn Jahren war die offizielle Meinung noch, wir haben unendliche Ressourcen im Wald. Wobei es regionale Unterschiede gibt, und dies auch in Bezug auf die Besitzverhältnisse," so Luicks Einschätzung. Vor diesem Hintergrund beginnt in seiner Forschungsgruppe an der HFR aktuell ein vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördertes Forschungsprojekt, das sich mit den Aspekten der Energieholznutzung im Kleinprivatwald befasst.

"In diesem Segment gibt es sowohl extensiv wie übernutzte, als auch schon seit langer Zeit gar nicht genutzte Waldparzellen". Luicks Team versucht nun besser zu erfassen, ob tatsächlich bereits die gesamten Ressourcen an Waldholz genutzt werden, die aus Biodiversitätsgesichtspunkten möglich sind. So zeigen die Ergebnisse der vor Kurzem vorgelegten Bundeswaldinventur (1), dass in der Bilanz im Grunde schon fast alle verfügbaren Ressourcen in unseren Wäldern genutzt werden. Der errechneten theoretischen jährlichen Nutzungsmenge von 75,7 Mio. Vorratsfestmetern (Vfm) stehen tatsächlich genutzte 76 Mio. Vfm im Durchschnitt zwischen den Jahren 2002 bis 2012 gegenüber.

Potenzial von Landschaftspflegematerial vermutlich überschätzt

Landschaftspflegematerial an einer Sammelstelle © Rainer Luick

In einem weiteren Projekt widmet sich Luick der Fragestellung, wie groß der Beitrag von Landschaftspflegematerial als erneuerbare Energiequelle tatsächlich sein kann. "In allen Energieszenarien, wie auch in der aktuellen EEG Novelle, wird davon ausgegangen, dass wir noch erhebliche Potenziale an Biomassereststoffen haben, die wir bislang noch nicht ausschöpfen. Einen erheblichen Anteil an diesen Reststoffen hat das sogenannte Landschaftspflegematerial, das zum Beispiel bei der Pflege von Bäumen und Gebüsch entlang von Straßen, Fließgewässern oder auch aus Hecken in der freien Landschaft stammt. Man kann zum Beispiel über spezielle Luftbildauswertungen Standorte und auch Mengen bilanzieren. Aber das sind nur theoretische Potenziale. Wir wollen nun untersuchen, wie die tatsächlichen Aufkommenswege sind und was hiervon tatsächlich schon genutzt wird."

Luick geht davon aus, dass bereits sehr viel mehr genutzt wird als gedacht. Und vor allem muss seiner Meinung nach bedacht werden, dass man auch dem Naturschutz Rechnung tragen muss. Gerade Hecken haben hier eine hohe Bedeutung und gehen als wichtige Landschaftselemente immer stärker verloren. Denn im Grunde gibt es nicht zu viel, sondern im Allgemeinen viel zu wenige Landschaftselemente in unseren vielfach schon übernutzten Agrarlandschaften. So verlangen andere Strategien auf Landesebene sogar verstärkte Initiativen für mehr Biotopvernetzung; auf EU-Ebene ist dies als Green-Infrastructure ein wichtiges Thema. "Der entscheidende Punkt bei all diesen Betrachtungen wird meines Erachtens nach der wirtschaftliche Aspekt sein. Vermutlich ist es viel zu teuer, die vergleichsweise geringen Mengen mit einer geringen Energiedichte aus der Landschaftspflege zu bündeln, zu transportieren, vorzuhalten oder zu häckseln. In der Regel funktioniert dies nur, wenn die Kosten hierfür, zum Beispiel über Programme wie aus der baden-württembergischen Landschaftspflegerichtlinie, schon abgedeckt sind."

KUPs nicht so erfolgreich wie prognostiziert

Eine weitere denkbare Biomasse-Option im Holzbereich ist die Neuanlage von Kurzumtriebsplantagen (KUP) auf landwirtschaftlichen Flächen. "In den gültigen Szenarien zur Energiewende stehen die über KUPs produzierten Biomassemengen immer noch mit rund 1 Mio. Hektar Fläche in den Bilanzen. Doch die Realität ist eine andere. In den Boomjahren dieser Thematik, die gerade einmal fünf Jahre zurückliegt, hatten wir bundesweit einmal maximal 6.000 Hektar; diese wurden überwiegend im Kontext von Forschungsprojekten angelegt. Aktuell geht es gerade zurück in Richtung von 4.000 Hektar. Der Landwirt betrachtet eben auch die Opportunitätskosten, das heißt die jährliche relative Höherwertigkeit eines Produktes und die Flexibilität zum jährlichen Handeln. Denn eine KUP-Fläche ist für 20 Jahre belegt, und ob die Erlöse über diesen langen Zeitraum sicher sind und ob die Kulturen wirklich die prognostizierten Erträge erbringen, das kann nicht garantiert werden."

Naturverträgliche Energiewende gelingt nur ohne zu starke Biomasseorientierung

Kann die Energiewende komplett naturverträglich gelingen? "Ich sehe das eher kritisch," so Luick. "Am gesamten deutschen Energieverbrauch haben die Erneuerbaren derzeit einen Anteil von ca. 13 Prozent. Dies ist zwar ein enormer Anstieg seit 1999, wo die Energiewende bei ungefähr 2 Prozent gestartet ist. Aber es liegt immer noch ein weiter Weg vor uns, bis wir einmal sagen können, die Hälfte ist geschafft. Und die Energiewende wird bislang nicht von den wirklich innovativen Technologien getragen, sondern die 13 Prozent basieren wiederum zu rund 70 Prozent auf Biomasse. Das ist vor allem Holz und zu einem kleineren Anteil noch die Anbaubiomasse, die in Biogasanlagen verwertet wird. Gerade letzteres Konzept war anfangs ja nicht aus dem Wunsch nach einer Energiewende entstanden, sondern war ein Hilfsprogramm für die Landwirtschaft. Als die Preise schlecht waren, hat man die Landwirte motiviert, nachwachsende Rohstoffe anzubauen." Für Luick hat dies auch viel mit falschen politischen Weichenstellungen zu tun, indem etwa die tatsächlich energetisch effizienten Technologien verteufelt wurden. Richtig findet Luick daher, dass mit der jüngsten Novelle des EEG die Förderung agrarischer Biomassenutzung deutlich zurückgefahren wurde. Auch auf EU-Ebene wurde kürzlich umgesteuert, weil erkannt wurde, dass die aus Biomasse gewonnenen Treibstoffe teilweise verheerende ökologische Auswirkungen bewirken. "Also richtig ist für mich durchaus ein weiterer Ausbau von Wind und von Photovoltaik und auch von thermischen Anlagen zur Warmwasserproduktion, wie dies zum Beispiel sehr erfolgreich in Dänemark erfolgt. Dieses Handlungsfeld hat Deutschland im Grunde bislang vollkommen verschlafen, es galt technologisch wohl als zu simpel."

Ein entscheidendes Problem, das sowohl in der Energiewende- als auch der Bioökonomie-Debatte vollkommen ausgeblendet werde, sei die Frage des Konsums. "Bisher herrscht in der Bevölkerung ja noch der Eindruck vor, dass der bisherige Energiekonsum eins zu eins durch die Erneuerbaren ersetzt werden kann, denn es ist Tatsache, dass wir bislang im Grunde noch keine signifikante Energieeinsparung erleben und beim Strom der Verbrauch sogar zunimmt," so Luick. "So wird aber die Energiewende nicht funktionieren. Denn selbst wenn wir heute auf die Hälfte unseres jetzigen Energiekonsums verzichten würden, würde das einen enormen Ausbau von allen erneuerbaren Energien notwendig machen. Vor diesem Hintergrund will ich auch die Biomasse nicht komplett in Abrede stellen. Es gibt Einsatzgebiete, wo sie durchaus Sinn macht, vor allem, wenn Biomasse nicht in Konkurrenz mit höherwertigen Wertschöpfungen steht."

"Grundsätzlich muss diskutiert werden - und es braucht dafür einen breiten gesellschaftlichen Konsens - dass sich auch eine natur- und landschaftsverträgliche Energiewende in der Landschaft widerspiegeln wird. Ziel muss aber sein, negative Auswirkungen der erneuerbaren Energien auf Natur und Landschaft so gering wie möglich zu halten. Dies wird nur gelingen, wenn mit der Energiewende auch eine deutliche Reduktion des Energieverbrauchs durch deutliche Steigerungen der technischen Effizienz und noch wichtiger durch massive Energieeinsparungen parallel geht", so das Fazit von Luick.

(1) BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) (2014): Der Wald in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur. www.bml.de. 52 S.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/wege-zu-einer-naturvertraeglichen-energiewende/