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Zur Lage der deutschen Biotechnologie

Die Branchenreports 2013 sind da. Ernst & Young, die Boston Consulting Group im Auftrag der Interessensgemeinschaft Biotechnologie des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen (vfa bio) und biotechnologie.de im Auftrag für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veröffentlichten vor Kurzem ihre Einschätzung zur Lage der deutschen Biotech-Branche im vergangenen Jahr. Diese entwickelte sich zwar im Großen und Ganzen positiv, dennoch muss zukünftig umgedacht werden.

biotechnologie.de - Rekordumsatz und Mitarbeiterplus

Positives gibt es zu berichten: Laut der Firmenumfrage 2013, die biotechnologie.de im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur Lage der Biotechnologie in Deutschland durchführte, entwickelten sich der Umsatz und die Mitarbeiterzahlen der deutschen Biotech-Unternehmen deutlich nach oben. Im Vergleich zum Vorjahr konnte eine Steigerung des Umsatzes von nahezu 11 % auf einen Rekord von 2,9 Mrd. Euro erzielt werden, berichtet biotechnologie.de. Auch die Anzahl der sogenannten dedizierten Unternehmen, deren Kerngeschäft hauptsächlich auf den biotechnologischen Bereich ausgerichtet ist, stieg von 552 auf 565 leicht an (20 Neugründungen). Des Weiteren konnte auch bei den Arbeitsplätzen in der kommerziellen Biotechnologie mit insgesamt 35.190 Beschäftigten ein Zuwachs von 4 % verzeichnet werden. Knapp die Hälfte der Mitarbeiter (17.430) waren dabei in den dedizierten Unternehmen beschäftigt, der andere Teil in den 128 „sonstigen biotechnologisch aktiven“ Unternehmen, für die Biotechnologie nur ein Segment des Geschäfts darstellt. Die Mehrheit der deutschen Biotech-Firmen ist sehr klein und zählt zwischen einem und 50 Mitarbeiter. Nur in 33 Unternehmen sind mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt, von denen sieben über 250 Beschäftigte zählen und damit nicht mehr unter die KMU-Definition fallen.

Schwierige Zeiten in der Wirkstoffentwicklung

Der Erhebung von biotechnologie.de zur Folge legten mit 48 % die meisten der dedizierten Biotech-Firmen ihren Tätigkeitsschwerpunkt weiterhin auf den Bereich der „roten“ Biotechnologie bzw. der Gesundheit. Dieses Segment war auch maßgeblich für die gesamte Umsatzsteigerung verantwortlich. Die Medikamentenentwicklung verzeichnete allerdings ein durchwachsenes Jahr 2012: Die Zahl der Wirkstoffe in der klinischen Erprobung (Phasen I-III) hat sich von 109 im Jahr 2011 auf 93 reduziert. Zur Neuzulassung am Markt wurde 2012 kein einziges Präparat gebracht. Das zweitwichtigste Arbeitsfeld der Branche ist der Dienstleistungs- und Zulieferersektor. 31,5 % der Unternehmen sind in mehreren Anwenderbranchen aktiv und produzieren im Auftrag anderer meist ohne eigene Entwicklungstätigkeit. Die Finanzierungssituation der Biotech-Firmen bleibt schwierig. Darauf deuten die insgesamt leicht gesunkenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) hin. Die dedizierten Unternehmen investierten 2012 mit 934 Mio. Euro rund 4 % weniger als noch im Vorjahr, wie der Report von biotechnologie.de bekannt gab.

Ernst & Young - Deutsche Biotech-Branche muss umdenken

Das Segment der Medikamentenentwicklung dominiert innerhalb der deutschen Biotech-Branche © Takeda Pharma

Auch der kürzlich veröffentlichten Branchenanalyse von Ernst & Young (E&Y) zufolge herrschen immer noch schwierige Zeiten für den Biotechnologie-Sektor. Die Ursache wird vor allem in der Medikamentenentwicklung gesehen, die aufgrund ihrer zunehmenden Komplexität stagniert. Für die Gesamtbranche wurden anhaltende Finanzierungsschwierigkeiten registriert.

Die Zahl der analysierten Unternehmen, die ihren Hauptsitz in Deutschland haben und sich im Kerngeschäft mit der Kommerzialisierung der modernen Biotechnologie beschäftigen, ist in der Erhebung von E&Y mit 403 Firmen im Vergleich zum Vorjahr (406) nahezu konstant geblieben. Ebenso zeigten sich deren Mitarbeiterzahlen (ca. 10.000) annähernd stabil.

Die Ernst & Young-Erhebung kommt zum gleichen Schluss wie biotechnologie.de: Es dominiert innerhalb der Branche die rote Biotechnologie, besonders das Feld der Medikamentenentwicklung. Und auch hier wird deutlich, dass der Trend immer mehr hin zu Dienstleistungsmodellen geht, bei welchen die Biotech-Unternehmen Technologieplattformen etablieren und für Kooperationspartner beispielsweise im Pharma- und Diagnostikbereich zur Verfügung stellen.

Finanzierungslage bleibt angespannt

Zwar konnte gemäß den Angaben von Ernst & Young der Umsatz der deutschen Biotech-Unternehmen 2012 geringfügig um 4 % auf 1,13 Mrd. Euro gesteigert werden, allerdings seien auch die Verluste der Branche von 419 Mio. Euro auf 490 Mio. Euro um 17 % angestiegen, verursacht hauptsächlich durch börsennotierte Unternehmen im Bereich der Therapeutikaentwicklung.

Ernst & Young berichtet ebenso wie biotechnologie.de, dass die Finanzierungslage der Branche weiterhin angespannt bleibt und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung leicht rückläufig waren. Im Jahr 2012 konnten kaum Fortschritte bei der Medikamentenentwicklung verbucht werden. Mit 128 Wirkstoffen befanden sich deutlich weniger in der klinischen Prüfung als noch 2011 (145). Desgleichen erlangte kein Produkt die Marktreife.

Boston Consulting Group - Steigender medizinischer Bedarf für Biopharmazeutika

Arzneimittel in Blisterverpackungen © Takeda Pharma

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) analysierte im Auftrag der vfa bio die Lage der medizinischen Biotechnologie und untersuchte die Aktivitäten kleiner und mittelständischer Firmen wie auch großer Arzneimittelhersteller einschließlich der Tochtergesellschaften internationaler Pharma- und Biotechfirmen in Deutschland.

Wie die BCG-Studie schildert, sind die Anzahl der in der medizinischen Biotechnologie tätigen Unternehmen und deren Beschäftigtenzahlen verglichen mit dem Vorjahr nahezu konstant geblieben. In 385 Firmen waren 2012 rund 36.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Einschätzung der Boston Consulting Group nach entwickelte sich der Markt für Biopharmazeutika, also gentechnisch hergestellter Medikamente, in Deutschland im Jahr 2012 positiv. Während der Gesamtpharmamarkt nur einen Zuwachs von gut 2 % verzeichnen konnte, stiegen die Umsätze mit Biopharmazeutika um etwa 11 % auf rund 6 Mrd. Euro. Dies entspricht über einem Fünftel Marktanteil und ist Indikator für den steigenden medizinischen Bedarf und die wachsende Relevanz von Biopharmazeutika für die Therapie von Krankheiten, vor allem im Bereich Autoimmunkrankheiten und Krebs.

Trotz positiver Entwicklung ist ein Umdenken erforderlich

Alles in allem ging es der deutschen Biotechnologie-Branche 2012 wieder besser als noch im Vorjahr 2011. Umsätze und Mitarbeiterzahlen sind leicht gestiegen, insbesondere im Bereich der medizinischen Biotechnologie und auf dem Markt der Biopharmazeutika. Hier konnten die größten Umsatzsteigerungen verzeichnet werden. Dennoch war es ein durchwachsenes Jahr, auch in der Medikamentenentwicklung: keine neuen Wirkstoffzulassungen für den Markt, und auch die Anzahl der in der klinischen Erprobung befindlichen Produkte ist zurückgegangen, wie Ernst & Young und biotechnologie.de gleichermaßen feststellten. Auch der Rückgang der Ausgaben für Forschung und Entwicklung verdeutlichen die immer noch angespannte Finanzierungssituation vieler Biotech-Unternehmen, und nur einige wenige Firmen haben Zugang zu Kapital.

Neben der roten Biotechnologie erlangen aber auch die weiße und grüne Biotechnologie, die sich unter dem Begriff der Bioökonomie zusammenfassen lassen, zunehmende Bedeutung innerhalb der Branche. Wobei dieser Sektor, der hauptsächlich von Großunternehmen dominiert wird, nahezu konstant geblieben ist im Vergleich zum Vorjahr. Aber es zeigt sich: Ein Strukturwandel weg von der erdölbasierten hin zu einer auf biologischen Ressourcen fußenden Ökonomie hat eingesetzt.

Plattformtechnologien sind Chancen für die Branche

Dr. Siegfried Bialojan, Leiter des Life-Science-Industriezentrums bei Ernst & Young und Autor der Studie, zieht sein Résumé: „Die deutsche Biotech-Branche ist nach wie vor innovativ und forschungsstark; die immer teurere und riskantere Entwicklung eines Wirkstoffs bis zur Marktreife übersteigt allerdings die Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten der meisten, vorwiegend kleinen Unternehmen. Ausbleibende Erfolge haben deshalb bereits zu einer insgesamt negativen Bewertung des Biotech-Sektors geführt. Die Branche sollte sich deshalb mehr auf ihre eigentlichen Stärken besinnen und sich als Ideenschmiede und strategischer Zulieferer von Innovationen – in Form neuer Technologieplattformen oder daraus generierter Produktkandidaten – positionieren.“

Weitere Informationen zu den Branchenreports finden Sie unter den Links oben rechts.

Quellen:

"Die deutsche Biotechnologie-Branche 2013", biotechnologie.de, April 2013
Deutscher Biotech-Report 2013: „Umdenken… weiter denken, breiter denken", Ernst & Young, April 2013
Medizinische Biotechnologie 2013: "Biopharmazeutika: Wirtschaftsdaten und Nutzen
für Patienten im demografischen Wandel", Boston Consulting Group/vfa bio, Mai 2013

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/zur-lage-der-deutschen-biotechnologie/