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Landesregierung beschließt neues Klimaschutzkonzept 2020PLUS

Umweltministerin Tanja Gönner will nach den Reaktorunfällen in Japan beim Ausbau der erneuerbaren Energien aufs Tempo drücken und einen gesellschaftlichen Diskurs über die Energieversorgung der Zukunft einleiten. Potenziale sieht sie zumBeispiel bei der Windkraft, die nach einem neuen Konzept von 0,3 Terrawattstunden im Jahr 2005 auf bis zu 20 Terrawattstunden ausgebaut werden soll.

Umweltministerin Tanja Gönner

"Wir müssen noch einen Zahn zulegen, wenn wir beim Klimaschutz nicht zurückfallen und den Übergang weg von der Kernenergie hin zu den Erneuerbaren beschleunigen wollen“, erklärte die Ministerin nach dem  Beschluss des Ministerrats in Stuttgart vom 22. März 2011. Das rund 200 Seiten umfassende Konzept sei nach Japan und der Abschaltung der beiden Kernkraftwerke Neckarwestheim I und Philippsburg 1 zwar nicht Makulatur, weil es sehr ehrgeizige Vorgaben beinhalte. „Allerdings muss in der weiteren Umsetzung nachjustiert werden, um die Ziele erreichen zu können, wenn es zu einer früheren Abschaltung von Kernkraftwerken kommt“, kündigte Gönner an. Werde nur die in einem Kernkraftwerksblock erzeugte Elektrizität durch Kohlestrom ersetzt, steige der CO2-Ausstoß um rund sieben Millionen Tonnen. „Der CO2-Ausstoß würde damit in Baden-Württemberg um etwa zehn Prozent steigen.“ Die Folge von Japan dürfe jetzt aber nicht sein, es sich einfach zu machen und bei den Klimazielen Abstriche vornehmen, so Gönner. „Wir müssen vielmehr gemeinsam den Weg gehen, die Anstrengungen zum Klimaschutz zu verstärken.“

Neue und intelligente Stromnetze werden benötigt

Ein Schlüssel liege neben einer erhöhten Energieeffizienz im beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien, die allerdings in zentralen Bereichen bereits heute an erste Grenzen stießen, so Gönner. „Neue Wasserkraftanlagen können wegen der verschärften gewässerökologischen Anforderungen nur noch in begrenztem Umfang zugebaut werden. Bei Energiepflanzen sehen wir mit Sorge, wenn große Monokulturen beispielsweise von Mais entstehen und sowohl die Artenvielfalt bedroht wie auch in der Konkurrenz landwirtschaftliche Erzeugung verdrängt wird.“ Bei der Stromproduktion durch Erdwärme stehe man noch am Anfang. Nur eine einzige Pilotanlage in Bruchsal sei bislang in Betrieb. „Die technischen Herausforderungen sind groß.“ Potenziale gebe es dagegen noch bei der Windkraft, die nach dem neuen Konzept von 0,3 Terrawattstunden im Jahr 2005 auf bis zu 20 Terrawattstunden ausgebaut werden solle. Ein dazu im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellter und bundesweit einzigartiger Windatlas zeige die am besten geeigneten Standorte auf. „Die Weichen sind gestellt, in diesem Sektor mit großen Schritten voranzukommen.“ Große Widerstände gebe es dagegen beim notwendigen Ausbau der Energieinfrastruktur. „Wir brauchen neue und intelligente Stromnetze um Windstrom von den Küsten ins Land zu bringen und die zunehmend dezentrale Erzeugung mit den Verbrauchern zu verbinden.“ Außerdem müssten neue Energiespeicher wie das im Südschwarzwald geplante Pumpspeicherwerk gebaut werden, um den stark fluktuierenden Wind- und Sonnenstrom dann zur Verfügung zu stellen, wenn er auch gebraucht wird.

Grundkonsens in der Gesellschaft schaffen

Aus Mikroalgenbiomasse lässt sich ohne aufwändige Aufarbeitung Biogas erzeugen © Fotolia

In einem breit angelegten gesellschaftlichen Diskurs sollen nach den Vorstellungen Gönners gangbare und von den Menschen akzeptierte Wege gefunden werden, den Ausbau der erneuerbaren Energien, die bundesweit wie auch in Baden-Württemberg gut 17 Prozent zur Stromerzeugung beisteuerten, nun schneller voranzutreiben. Eine große Mehrheit der Bevölkerung sei zwar dafür zu gewinnen, lieber heute als morgen möglichst vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen, so Gönner. „Wenn es aber dann konkret wird und entschieden werden muss ob in der Nachbarschaft eine Biogasanlage gebaut oder auch vor der eigenen Haustür eine neue Stromtrasse verlegt wird, entstehen die Schwierigkeiten.“ Über einen offenen und transparenten Dialog müsse deshalb angestrebt werden, einen gesellschaftlichen Grundkonsens herzustellen.

Auch über die mit dem Ausbau erneuerbaren Energien verbundenen Auswirkungen auf Landschaft und Umwelt müsse offen informiert werden, so Gönner. „Die Fakten müssen alle auf den Tisch und dann müssen in der notwendigen Transparenz das Für und Wider und mögliche Alternativen abgewogen werden“, so Gönner. Man dürfe Sorgen, Befürchtungen und Widerstände in der Bevölkerung nicht ausblenden, sondern müsse sie vielmehr ernst nehmen. „Ich bin deshalb sehr skeptisch, wenn jetzt Forderungen laut werden, die Planungsverfahren müssten generell beschleunigt werden. Erst wenn es gelingt, einen Grundkonsens und eine positive und konstruktive Grundhaltung zu schaffen, wird man darüber reden können, ob Verfahren verkürzt werden können“, so Gönner.

2050 nur noch 2 Tonnen Treibhausgase pro Kopf

Bundesweit liege der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 derzeit bei jährlich über zehn Tonnen und soll nach den Plänen der Bundesregierung bis 2020 auf rund neun Tonnen vermindert werden. „In den kommenden zehn Jahren wollen wir in Baden-Württemberg von derzeit noch rund sieben Tonnen pro Einwohner die Klimabelastung auf unter sechs Tonnen vermindern und so unserer Spitzenstellung ausbauen“, erklärte Gönner. Als Hochtechnologieregion müsse das Land seiner besonderen Verantwortung gerecht werden und weiterhin Schrittmacher bei der Entwicklung moderner klimaschonender Umwelttechnologien und deren Einführung sein. Bis 2050 sollen pro Kopf in Baden-Württemberg sogar nur noch zwei Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase entstehen und damit 80 Prozent weniger als 1990. „Das Klimaschutzkonzept 2020PLUS ebnet den Weg in eine klimaneutrale Zukunft“, so Umweltministerin Gönner. „Wenn auch die Brücke der Kernenergie verkürzt wird, wollen wir daran festhalten.“

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