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Auf Rot folgt Weiß: Zweiter Biotech-Studiengang an der Hochschule Biberach

Die Biberacher Hochschule bietet zum Wintersemester 2011/2012 zwei neue Bachelor-Studiengänge an: Energiewirtschaft und Industrielle Biotechnologie. Dies kündigte die Hochschulleitung kurz vor Ostern an. Bis zuletzt war um die Finanzierung des 12,5 Mio. Euro teuren Studiengangs Industrielle Biotechnologie (IBT) gerungen worden.

Jetzt aber stehen die ersten Termine fest: Die Bewerbungsfrist für die je 36 Studienplätze endet am 15. Juli, Auswahlgespräche für die angehenden Bio-Ingenieure werden am 1. und 2. August geführt. Auch die Ausschreibungen für das Lehrpersonal laufen bereits. Klar ist auch, dass vor dem Gebäude der Pharmazeutischen Biotechnologie auf städtischem Grund ein weiteres, halb so großes Lehr-und Laborgebäude hochgezogen wird. In dieses werden die Studierenden der Industriellen Biotechnologie im dritten Semester (Wintersemester 2012/13) einziehen.

Dort wo Vertreter der Hochschule Biberach stehen, soll zum WS 2012/13 das neue Laborgebäude stehen. V.l.: Prof. Martin Schubert, Prof. Norbert Büchter, Prof. Ute Traub-Eberhard, Prof. Eckhard Klett, Prof. Jürgen Hannemann und Prof. Thomas Vogel. © Pytlik

Pro Jahr will die Biberacher Hochschule 36 Studienplätze anbieten. Ein Technologiezentrum, das immer wieder zusammen mit den Planungen für den Studiengang Industrielle Biotechnologie genannt wurde, scheint nach Lage der Dinge schwierig umzusetzen. Die oberschwäbische Hochschule schärft damit nach eigener Einschätzung ihr Profil; lange Jahre galt die kleine FH als exzellente Bau-FH. Spätestens 2006, als die Hochschule mit maßgeblicher Hilfe der regionalen Industrie den Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie ins Leben gerufen hatte, sorgte die Hochschule für bundesweite Beachtung. Mit dem zweiten Biotech-Studiengang „investieren wir in die Zukunft", formulierte Rektor Thomas Vogel, der diesen als Ergänzung, nicht als bloße Erweiterung des bestehenden verstanden wissen will und als geeignete Antwort auf den Ingenieurmangel (und den doppelten Abijahrgang) bezeichnete.

Beschwerliche, aber erfolgreiche Drittmittel-Einwerbung

Anders als der zweite neue Studiengang Energiewirtschaft muss die mit 22.000 Euro beinahe doppelt so teure, weil laborintensive Ausbildung mit Drittmitteln gestemmt werden, erläuterte Norbert Büchter, Prorektor für Studium und Internationale Angelegenheiten. Martin Schubert, stellvertretender Vorsitzender des Hochschulrates und Jürgen Hannemann, Dekan der Fakultät für Pharmazeutische Biotechnologie, betonten, dass die Idee für einen zweiten Biotech-Studiengang bereits 2006 gereift sei und von allen Beteiligten stets mit (wegen vorhersehbarer Finanzierungsprobleme) „kritischem Wohlwollen“, aber einmütig begleitet worden sei. Kreis (2,5 Mio. Euro) und Stadt Biberach (stellt Erbbaugrundstück), die Kreissparkasse, die IHK Ulm (0,25 Mio. Euro und Industrieunternehmen aus Stadt und Region (deutlich über 0,25 Mio. Euro) sowie ein Stiftungslehrstuhl des Energieversorgers EnBW (1 Mio. Euro) sorgten mit den Mitteln von Bund und Land (7,7 Mio. Euro) nach monatelangem Ringen in letzter Minute für die Machbarkeit.

Die Biotechnologie und das Energieproblem

Mit dem neuen Studiengang Energiewirtschaft deckt die Hochschule nunmehr die gesamte Wertschöpfungskette des Produktes Energie von der Erzeugung bis zur Nutzung ab, sagte Eckhard Klett, Dekan der Fakultät Betriebswirtschaft (Bau und Immobilien). Der Studiengang richtet sich an Studienanfänger, die eine „ökonomisch fundierte Ausbildung in einer der Zukunftsbranchen der kommenden Jahrzehnte anstreben“. Beide neuen Studiengänge ergänzen bestehende Angebote; BWL, Gebäudeklimatik und Energiesysteme im Fall der Energiewirtschaft; pharmazeutische Biotechnologie im Fall der Industriellen Biotechnologie.

Arbeiten im Labor wie hier im Gebäude der roten Biotechnologie gehört auch für den neuen Studiengang Industrielle Biotechnologie zur vornehmen Pflicht. © Pytlik

Beide Neuzugänge haben, darauf verwies Hannemann indirekt, mehr als eine bloße zeitliche Gemeinsamkeit. Denn die Industrielle Biotechnologie verstehe sich als „Problemlöser für zentrale globale Menschheitsprobleme wie Abfall, Rohstoffe und Energie". Hannemann nannte ausdrücklich Prozesse der Biotransformation, bei denen Rohstoffe beziehungsweise Abfallstoffe zu Energieträgern wie Biogas oder Bioethanol umgewandelt werden würden. Der Studiengang, darauf wies Studiendekanin Ute Traub-Eberhard hin, führe nicht von ungefähr den Untertitel „Energie- und Wertstofferzeugung".

Ingenieure für die Bioökonomie

Das Berufsbild des zweiten Biotech-Studiengangs orientiert sich an einem Leitbild, das inzwischen als Bioökonomie nachhaltige Antworten auf knappe Umwelt-Ressourcen sucht. Absolventen des neuen Biberacher Studiengangs sollen als Ingenieure notwendige verfahrenstechnische und biotechnologische Kenntnisse verknüpfen und interdisziplinär anwenden können. Biberachs Bio-Ingenieure sollen nicht nur Bioprozesse zur Erzeugung von Energieträgern und Wertstoffen verstehen und anwenden, sondern auch das nötige Know-how in Anlagenbau, Mess- und Regeltechnik mitbringen.

Freuen sich über zweiten Biotech-Studiengang (v.l.) Hochschulrektor Thomas Vogel, Studiendekanin Ute Traub-Eberhard und Dekan Jürgen Hannemann. © Pytlik

Das siebensemestrige Studium setzt Schwerpunkte in Verfahrenstechnik, technischer Mikrobiologie und Chemie. Die Biberacher Absolventen sollen zu Spezialisten für den Einsatz biotechnologischer Verfahren ausgebildet werden, um Biomasse für die stoffliche (Cellulosefasern, Biopolymere) und die energetische Verwertung oder Veredelung bereitzustellen.

Mit diesem Know-how eröffnen sich für die Biberacher Ingenieure Möglichkeiten in unterschiedlichen Branchen wie Chemie (vor allem Feinchemie), Papier, Lebensmittel, Kosmetik, Zellstoff oder Textil. Auch integrierte Bioraffinerien, in deren Pilotanlagen die ersten Testläufe für das Post-Erdölzeitalter angefahren werden, könnten für die Biberacher Absolventen ein Betätigungsfeld werden.

Auf der Website der Hochschule haben die Biberacher schon ein Zitat der einflussreichen Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie eingestellt, die lobte, was die Hochschule schon lange plante und das schneller umzusetzen war als der Druck von Werbematerial. Inzwischen dürfte der Dekan der Fakultät für Pharmazeutische Biotechnologie Jürgen Hannemann sich an das Versprechen von Thomas Hirth erinnert haben und es einlösen. Der Leiter des Stuttgarter Fraunhofer Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik hatte als Festredner beim Biberacher Neujahresempfang 2011 die Zusammenarbeit angeboten.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/auf-rot-folgt-weiss-zweiter-biotech-studiengang-an-der-hochschule-biberach