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Aufklärung als Beitrag gegen Technikängste

Stichworte wie Gentechnologie lösen in der Öffentlichkeit nach wie vor Verunsicherung und Sorgen aus. Für den Molekular- und Mikrobiologen Dr. Jürgen Ruff auch eine Folge mangelnder oder irreführender Kommunikation, die teils zu einer unbegründeten Risikowahrnehmung führt. Michael Statnik von der Bioregion BioLAGO sprach mit dem Wissenschaftler, der als Geschäftsführer von „LifeScience – Education Consulting & Services (LECS)“ wie auch als Kommunalpolitiker die Ängste der Menschen vor modernen Technologien durch Wissensvermittlung abzubauen versucht.

Dr. Jürgen Ruff © privat

Herr Dr. Ruff, wie kommt es in unserer Gesellschaft zur Entstehung von unbestimmten Ängsten gerade vor neuen Technologien wie der Gentechnik?

Zuerst ist es natürlich eine ganz normale Reaktion, dass man bei neuen Dingen oder Techniken, die man nicht aus dem Alltagsgeschehen kennt, Unsicherheiten, Misstrauen oder eben auch Ängste zeigt. Das war bei der Entwicklung der Eisenbahn, wo es ja beispielsweise zahlreiche Warnungen vor den Gefahren der „hohen“ Geschwindigkeit für die menschliche Gesundheit gab, nicht anders als heute, eben zum Beispiel bei der Gentechnik. Jahrzehnte später lacht man darüber. Das zeigt aber auch, dass viele dieser nicht rational begründbaren Ängste eben in Unsicherheit und mangelndem Wissen über das Neue wurzeln. Damit ist dies jedoch auch ein Ansatzpunkt zum Abbau solcher irrationalen Ängste.

Seit einiger Zeit gelten in Deutschland neue gesetzliche Bestimmungen zur Kennzeichnung von Lebensmitteln, die ohne Gentechnik erzeugt wurden: Finden Sie das wichtig?

Grundsätzlich sind Kennzeichnungen auf Lebensmitteln, die den Verbrauchern mehr Information über Produktinhalte bieten und damit eine bewusste Kaufentscheidung ermöglichen, zu begrüßen, da dadurch die Wahlfreiheit erhöht wird. Im Falle der neuen freiwilligen Kennzeichnungsmöglichkeit „ohne Gentechnik“ war das Motiv wohl eher, auf immer noch stark vorhandene Ängste der Verbraucher vor allem vor der „Grünen Gentechnik“ zu reagieren. Denn schon seit 2004 müssen Nahrungs- und Futtermittel, die gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) enthalten, verpflichtend gekennzeichnet werden. Nicht jedoch z.B., wenn es sich um Tierprodukte handelt, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden. Dies macht Sinn, denn die Tiere sind ja nicht gentechnisch verändert. Die neue Kennzeichnung schließt nun diese vermeintliche Lücke, indem sie nur dann verwendet werden darf, wenn auch das Füttern mit GVOs ausgeschlossen werden kann.

Ist dieser vom Gesetzgeber gewählte Weg der Aufklärung der Richtige?

Da der Großteil des gentechnisch veränderten Tierfutters aus Amerika (vor allem aus den USA und Argentinien) kommt, richtet sich die neue deutsche Verordnung in erster Linie gegen die nach ökologischen Gesichtspunkten oft sicherlich bedenklichen Anbaumethoden in diesen Ländern. Ob es nicht effizientere Formen der Einflussnahme als diesen doch sehr indirekten Weg zu ökologischeren Anbaumethoden gibt, sei hier dahingestellt. Aus Wissenschaftlersicht halte ich es jedoch für sehr bedenklich, dass dafür Ängste vor einer neuen Technologie insgesamt zumindest instrumentalisiert wenn nicht gar verstärkt werden, wo doch gerade mehr Aufklärung und differenzierte Betrachtungen nötig wären, um einer in Teilen der Bevölkerung durchaus vorhandenen Technikfeindlichkeit zu begegnen.

Findet eine nicht dramatisierende, aber auch nicht verharmlosende Risikobewertung hinsichtlich Gentechnik wichtig: Dr. Jürgen Ruff. © Michael Statnik

Löst man mit derartigen Etiketten unter Umständen nicht etwa zusätzliche Irritationen aus?

Eigentlich bringt eine solche pauschale Kennzeichnung nur dem Verbraucher eine bessere Auswahlmöglichkeit, der - z.B. aus weltanschaulichen Gründen - grundsätzlich gegen gentechnische Veränderungen am Erbgut ist. Allen anderen bewusst kaufenden Verbrauchern, die wissen wollen, ob das Lebensmittel gesund ist oder welche Stoffe es enthält, nützt es erst mal gar nichts, nur auf die Nichtanwendung einer Technik zu verweisen. Dagegen könnte diese Kennzeichnung aber den Anschein erwecken, als wären Produkte ohne sie schädlich oder gar gefährlich für den Verbraucher und das würde dann eher Angst erzeugen als sie abzubauen. An irgendwelchen tatsächlichen Risiken ändert sie gar nichts, es werden ja dadurch nicht mal welche konkret benannt, geschweige denn nachgewiesen.

Aus welchen Gründen kann man aus Ihrer Sicht nach gut 35 Jahren Erfahrung mit Gentechnik der Verantwortung von Genetikern vertrauen?

Zum ersten Mal in der Geschichte der Entwicklung neuer Technologien haben sich ganz am Anfang, 1972, die beteiligten Wissenschaftler selbst ein Moratorium auferlegt, um zunächst über die möglichen Gefahren der neuen Techniken nachzudenken und zu diskutieren, bevor man sich dann 1975 bei der Konferenz von Asilomar freiwillig Sicherheitsrichtlinien auferlegte, die eine gefahrlose Anwendung ermöglichen sollten. Diese vorsorgende, verantwortungsbewusste Haltung bestimmte dann auch in aller Welt entsprechende Gesetzgebungsinitiativen, auch das deutsche Gentechnikgesetz von 1990, das immer wieder dem Stand neuer Erkenntnisse angepasst wird.

Hat es in den letzten Jahren eine Veränderung in der Risikowahrnehmung und im Umgang mit Risiken in Bezug auf die Gentechnik gegeben?

In vielen Bereichen wie z.B. bei der Herstellung von Medikamenten oder beim sogenannten genetischen Fingerabdruck in der Forensik ist die Gentechnik zu einer akzeptierten gängigen Methode geworden, die kaum mehr kritisch hinterfragt, sondern eher als nützlich angesehen wird. Ganz anders bei der „Grünen Gentechnik“: Immer wiederkehrende Kampagnen dagegen zeigen, dass es da stets noch ein hohes Angstmobilisierungspotenzial gibt – und das, obwohl die mit Hilfe dieser Technik hergestellten Nahrungsmittel zu den am besten kontrollierten überhaupt gehören. Möglicherweise liegt dies daran, dass man glaubt, man könne hier eventuell vorhandene, „gefühlte“, Risiken nicht selbst bestimmen, was zumindest psychologisch gesehen eine andere Situation darstellt als die bewusste Einnahme von Medikamenten oder die gewollte Anwendung eines Vaterschaftstests.

Wie können Forscher und Unternehmer für eine bessere Akzeptanz der Gentechnik sorgen?

Ja, sicherlich sind Aufklärung und Transparenz über das, was da in den Labors geschieht, eine Bringschuld der Akteure. Dabei sollte jedoch nicht missionarisch oder kampagnenartig vorgegangen werden. Vielmehr dürfen Sorgen der Bürger nicht einfach beiseite gewischt, sondern müssen als konkret vorhanden ernst genommen werden. Dann kann man auch direkt darauf eingehen, mit Vorträgen, Infoveranstaltungen, Interviews oder auch mal mit richtigen Experimenten Wissenschaft im Wortsinn begreifbar machen wie mit dem baden-württembergischen BioLab on Tour. Wer selbst einmal Erbgut z.B. aus Tomaten isoliert hat, hat gleich einen ganz anderen Bezug dazu als jemand, der nur mal in der Tagespresse einen womöglich reißerischen Artikel über „DNA-Manipulation“ gelesen hat.

Inwiefern kann Risikoforschung zur Reduzierung von Ängsten beitragen?

Bei der Risikoforschung, wie sie heute z.B. vom neutralen Bundesinstitut für Risikobewertung betrieben wird, geht es darum, mit einem wissenschaftlichen Ansatz mögliche Risiken früh zu erkennen, die Folgen abzuschätzen und dann die Öffentlichkeit über mögliche identifizierte und bewertete Risiken von Lebensmitteln, Stoffen und Produkten aufzuklären; also nichts zu dramatisieren und auch nichts zu verharmlosen. Dazu gehörte die Aufklärung über Acrylamid in Back- und Fritierwaren ebenso wie die kontinuierliche Information über die Zulassung genetisch veränderter Lebens- und Futtermittel. Sicherlich stärkt eine solche von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Informationspolitik langfristig das Vertrauen der Verbraucher und vermindert damit Ängste, die durch Unsicherheiten und Misstrauen entstehen.

Wie versuchen Sie als Experte bzw. LECS, durch Aufklärung Ängste und Misstrauen gegenüber der Gentechnologie abzubauen?

In öffentlichen Vorträgen, populärwissenschaftlichen Artikeln und nicht zuletzt Erwachsenenbildungsseminaren versuche ich als Molekular- und Mikrobiologe durch Vermittlung von Information aus neutraler aber wissenschaftlicher Position den Zuhörern oder Lesern ein besseres Verständnis und eine differenziertere Betrachtung der Themen zu ermöglichen und unbestimmte Ängste durch eine begründete Meinung, die ja immer noch kritisch sein kann, zu ersetzen.
Als Vorstandsmitglied des Vereins BioLAGO nutze ich auch mein Mandat im Konstanzer Gemeinderat, um auf kommunalpolitischer Ebene die Aufmerksamkeit für moderne Technologien, die zugehörigen hochwertigen Arbeitsplätze und für Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu erhöhen.

LECS DR. RUFF
Innerhalb seiner drei Tätigkeitsfelder naturwissenschaftliche Bildung, Beratung und Dienstleistungen, die auch den – neudeutschen - Firmennamen „LifeScience – Education Consulting & Services“ prägen, ergab sich für Dr. Jürgen Ruff in den letzten Jahren eine deutliche Fokussierung auf die Pharmabranche mit vielfältigen Recherchen, Beratungsleistungen und auch Serviceaufträgen. Letztere vor allem in den Bereichen Publikationen, Datenbanken und Internetkommunikation. Seine Lehrtätigkeiten umfassen zur Zeit dagegen vor allem Vorträge zu spezifischen Themen der Lebenswissenschaften.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/aufklaerung-als-beitrag-gegen-technikaengste