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Biobasierte Faserverbundwerkstoffe wachsen gegen den Trend

Der zweite Biowerkstoffkongress des nova-Instituts fand vom 26. bis 27. Oktober 2009 in Stuttgart, eingebettet in die internationale AVK-Jahrestagung, im Rahmen der Composites Europe statt. Gleich zu Beginn der Tagung wurde die spezielle Rolle der biobasierten Faserverbünde deutlich: Ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung der unterschiedlichen Teilbranchen innerhalb der Industrievereinigung verstärkte Kunststoffe e.V. (AVK) zeigte, dass einzig der naturfaserverarbeitende Industriezweig im Wachstum begriffen ist. Das Vortragsprogramm verdeutlichte eindrücklich, dass biobasierte Werkstoffe den Kinderschuhen entwachsen sind, zunehmend industriellen Einsatz finden sowie vielfältige und innovative Verwendungsmöglichkeiten eröffnen.

Zum Veranstaltungsauftakt präsentierte Dr. Elmar Witten, Geschäftsführer der AVK, die aktuellen Branchentrends und erläuterte die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Composites-Markt. Obwohl Verbundwerkstoffe materialeffiziente Leichtbauweisen ermöglichen und Firmen somit wettbewerbsrelevante Vorteile bringen können, machte sein Überblick über das Marktgeschehen der letzten Monate und Jahre deutlich, dass sich die Branche dennoch nicht von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung abkoppeln konnte. Nichtsdestotrotz schaffte es ein Teilbereich sich gegen den Trend zu stemmen. Gegenüber allen anderen Bereichen, die aufgrund der Wirtschaftskrise allesamt zweistellige Einbußen von bis zu minus 40 Prozent zu verkraften hatten, brachte der Einsatz von Naturfasern im selben Zeitraum ein deutliches Wirtschaftsplus von gut 20 Prozent.

So verwunderte es auch nicht, dass der gesamte Biowerkstoffkongress von dieser positiven Marktentwicklung geprägt war und einen optimistisch stimmenden Überblick über den immer breiter werdenden Einsatz von biobasierten Materialien vermitteln konnte. Neben der Vorstellung diverser Materialneuentwicklungen und Konzepte für die Erschließung neuer Produktbereiche spiegelten auch die vorgestellten Abwandlungen bekannter Biopolymere und deren erweiterte Einsatzmöglichkeiten die starke Dynamik und den hohen Innovationsgrad der Branche wider.

Biowerkstoff des Jahres

Innovationspreis Biowerkstoff des Jahres 2009 © nova-Institut

Genau diese Innovationsbereitschaft soll durch den kongresseigenen Innovationspreis gewürdigt und sichtbar werden. Um den in diesem Jahr von der Coperion GmbH aus Stuttgart gesponserten "Biowerkstoff des Jahres" hatten sich 15 Unternehmen beworben. Die drei interessantesten Einreichungen wurden im Vorfeld von einer Jury bestimmt und auf dem Kongress dem Publikum vorgestellt. Als Sieger ging aus der Wahl des Publikums die STAEDTLER Mars GmbH & Co. KG (Nürnberg) mit ihrer „Neuerfindung des Bleistifts“ - dem ersten co-extrudierten Bleistift aus WOPEX®, einem Holz-Plastik-Werkstoff - hervor. Auf dem zweiten und dritten Platz folgten die alesco GmbH & Co. KG (Langerwehe) mit ihrer Schrumpffolie BIOSHRINK® und die Firma well ausstellungssystem GmbH (Hannover) mit kraftplex®, einem "Holzblech" auf Cellulosebasis. Als Besonderheit wurde dieses Jahr von der Jury ein Sonderpreis Forschung & Entwicklung für Meriplast®, ein elastomeres Biopolymer aus Weizenprotein der belgischen Firma SYRAL Belgium N.V., vergeben.


Herausforderungen auf dem Weg zur Bioökonomie

Trotz vieler positiver Entwicklungen steht die Biowerkstoffbranche vor Hürden, die nicht einfach durch Erfindungsreichtum oder unternehmerischen Wagemut übersprungen werden können. Obwohl die Substitution von erdölbasierten Kunststoffen in einigen Produktkategorien oder Branchen schon nachweislich Einzug gehalten hat, besteht für viele Materialien - selbst bei deutlichen Umweltvorteilen - eine starke Markteintrittsbarriere. Diese will man durch die „Lead Market Initiative for Bio-based Products" der EU-Kommission versuchen herabzusetzen, wie Dietrich Wittmeyer von der European Renewable Ressources & Materials Association (ERRMA, Brüssel) in seinem Vortrag ausführte.

Die Problematik, dass Endanwender nicht bereit sind, höhere Preise für biobasierte Materialien mit ansonsten gleichen Materialeigenschaften wie erdölbasierte Werkstoffe zu akzeptieren, wurde von mehreren Vortragenden aufgegriffen und diskutiert. Einzige Lösung für dieses Dilemma sieht Leander Bergmann von der Akro-Plastik GmbH darin, nicht mit bestehenden Kunststoffen mit ähnlichen Eigenschaften zu konkurrieren, sondern durch geeignete Compoundierung die Vorteile des jeweiligen Biokunststoffs weiter zu stärken und Produktnischen zu besetzen. Michael Carus, Geschäftsführer des nova-Instituts, gab aber auch zu bedenken, dass in Zukunft die Ressourcensicherung „eine Überlebensfrage für die Industrie“ darstellen wird. Hierfür wird eine Diversifizierung der Rohstoffe und damit zwangsläufig ein verstärkter Einsatz von biobasierten Werkstoffen vonnöten sein. Unter diesem Gesichtspunkt werden wahrscheinlich auch höhere Preise akzeptabel werden. Ebenfalls sei für die Prognose der zukünftigen Preisentwicklung biobasierter Werkstoffe zu beachten, dass noch ein beachtliches Steigerungspotenzial der Rohstoffeffizienz vorhanden ist (diese beinhaltet neben dem Materialeinsatz auch die Energie- und Prozesseffizienz). Eine kontinuierlich verbesserte Rohstoffeffizienz wird sich direkt in Form günstigerer Preise auswirken und den heute bestehenden Preisnachteil biobasierter Materialien nachhaltig und deutlich schrumpfen lassen.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/biobasierte-faserverbundwerkstoffe-wachsen-gegen-den-trend