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Blinde Passagiere verändern Ökosystem des Bodensees

Der Bodensee stellt ein einzigartiges Ökosystem dar und bietet einen besonderen Lebensraum für eine Vielfalt an Bewohnern – von Haubentauchern über Felchen bis hin zu Großmuscheln. Doch der See wird zunehmend von gebietsfremden Wassertierarten, sogenannten aquatischen Neozoen (griech.: neue Tiere) besiedelt. Die Tiere werden unter anderem durch Menschen eingeschleppt und bringen Veränderungen im Ökosystem und somit Risiken mit sich. Das Institut für Seenforschung (ISF) in Langenargen untersucht die Ausbreitung der Neozoen im Bodensee, um Folgen abschätzen und Maßnahmen entwickeln zu können. So konnten in den vergangenen Jahren bereits vier neue Tierarten im Bodensee entdeckt werden.

Dr. Herbert Löffler ist Forscher am Institut für Seenforschung in Langenargen © privat

Tiere wandern, um neue Lebensräume zu erschließen oder ungünstigen Lebensbedingungen zu entkommen. In der Regel werden sie dabei von natürlichen Barrieren wie Ozeanen oder Gebirgen aufgehalten.

Das Institut für Seenforschung mit Sitz in Langenargen überwacht und dokumentiert die Lebensgemeinschaften des Bodensees, der eine Fläche von knapp 540 Quadratmetern umfasst und an die drei Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz grenzt, wissenschaftlich. Im Fall des Bodensees wurden einige der neuen Tiere, wie zum Beispiel der Höckerflohkrebs, laut Untersuchungen des ISF unter anderem vermutlich über das Oberrheingebiet eingeschleppt. „Der an der deutsch-schweizerischen Grenze gelegene Rheinfall in Schaffhausen, Europas größter Wasserfall, stellt ursprünglich eine natürliche Grenze für die Einwanderung sämtlicher Arten in den Bodensee dar“, so Dr. Herbert Löffler vom ISF. Nur durch die bewusste und unbewusste Mithilfe des Menschen gelingt es den Tieren, eine solche Barriere zu überschreiten. "Die Tiere haften beispielsweise außen an Schiffen oder befinden sich im Bilgenwasser und können so verschleppt werden“, so Löffler.


Auch durch unsachgemäße Aquarienhaltung oder Entkommen aus Zuchten oder Zoos gelangen Neutiere in den Bodensee. Zudem wurden zur Ertragssteigerung in der Vergangenheit bewusst Fisch- und Krebsbesätze durchgeführt. Viele der aquatischen Neozoen im Bodensee scheinen sich unauffällig in den neuen Lebensraum einzugliedern, und es sind noch nicht genügend Informationen über die Arten und ihre Auswirkungen bekannt.

„Am Bodensee ist früher oder später mit allen invasiven Arten zu rechnen, die im Ober- und Hochrhein, aber auch in anderen Voralpenseen vorkommen“, so der Seenforscher. „Zweimal jährlich führt das ISF an zehn ausgewählten Probenahmestellen semiquantitative Untersuchungen durch, bei denen Tiere auf einer bestimmten Fläche abgesammelt und bestimmt werden. Dadurch kann einerseits die Ausbreitungsdynamik bereits vorhandener Neozoen verfolgt werden, zudem dienen die Untersuchungen als ‚Frühwarnsystem‘, um neue Arten möglichst bald zu identifizieren“, erklärt Löffler.

Bereits in den vergangenen Jahren konnten durch das INTERREG-Forschungsprojekt ANEBO (Aquatische Neozoen im Bodensee), das vom Institut für Seenforschung koordiniert und von der Europäischen Gemeinschaft gefördert wurde, grenzüberschreitende Forschungen zu aquatischen Neutieren im Bodensee durchgeführt und Grundlagen erarbeitet werden. So wurden zahlreiche Aspekte der Ausbreitung von neuen Tierarten beobachtet.

Muscheln und Krebse aus klimaverwandten Gebieten

Große Höckerflohkrebse (Dikerogammarus villosus) zählen zu den neu zugewanderten Bewohnern des Bodensees. © Institut für Seenforschung

Ein Großteil der aquatischen Neozoen im Bodensee stammt ursprünglich aus klimatisch ähnlichen Gebieten wie beispielsweise Osteuropa oder Nordamerika und gelangt durch Wanderung über das Oberrheingebiet in den See. Infolge des Klimawandels werden sich laut Prognose des ISF in Zukunft zwangsläufig auch Tiere aus wärmeren Regionen am Bodensee ansiedeln und fortpflanzen können. Durch Massenvermehrung und aggressives Fressverhalten bergen Neutiere ökologische Risiken.

Ein bekanntes Beispiel für die Ausbreitung einer fremden Tierart im Bodensee ist die Wander- oder Zebramuschel (Dreissena polymorpha), die in den 60er-Jahren eingeschleppt wurde und sich rasend schnell ausbreitete. „Die Muschel hat große Folgen für das Ökosystem des Sees und kann zu Verstopfungen von Rohren und anderen Problemen führen, die hohe Kosten mit sich ziehen würden“, äußert sich der Biologe bedenklich.

In den letzten Jahren wurden vier neue Arten im Bodensee entdeckt: der Höckerflohkrebs, die grobgerippte Körbchenmuschel, die Donau-Schwebegarnele und der aufrechte Flohkrebs. Die sich am schnellsten verbreitende Art ist momentan die Schwebegarnele (Limnomysis benedeni). „An manchen Stellen des Bodensees kommt die Garnele in riesigen Schwärmen vor. Sie ist bereits ein einflussreiches Glied der Nahrungskette im Bodensee und verzehrt Detritus, wird selbst aber auch von Fischen gefressen“, erläutert Löffler.

Nahrungskonkurrenz für die „Einheimischen“

Der Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) hat sich innerhalb von nur fünf Jahren über den gesamten Bodensee ausgebreitet. Er hat sich in seinem neuen Lebensraum rasch etabliert. Der Krebs verdrängt heimische kleinere Flohkrebse und andere Kleinlebewesen. „Die Neozoen stellen eine Nahrungs- und Platzkonkurrenz für einheimische Tierarten dar, auch die Übertragung von Krankheiten ist nicht auszuschließen“, so der Forscher über die Risiken der neuen Tiere. Dadurch wird die angestammte Tierwelt verdrängt und einheimische Biozönosen werden geschwächt. Langfristige Folgen sind laut dem Biologen noch nicht bekannt. Doch es besteht die Gefahr, dass sich die Bestände einheimischer Wassertierarten drastisch verschieben.

Die Verbreitung des Höckerflohkrebs am Bodensee (Stand 04/2013) © Institut für Seenforschung

Artenwanderung - Segen oder Fluch?

Neue Arten stellen im Allgemeinen eine Bereicherung für das Ökosystem des Bodensees dar. So kam es zum Beispiel während der Eiszeit in Europa zu einem erheblichen Artenrückgang. „Dieser kann durch neu zuwandernde Arten wieder aufgefüllt werden“, so Löffler. Allerdings erfolgt die Artenausbreitung, unter anderem durch kaum einschränkbaren Waren- und Tierhandel und zahlreiche neue Ausbreitungsmöglichkeiten, in einem unkontrollierbar hohen Tempo. „Sobald sich eine fremde Art angesiedelt hat, ist dieser Vorgang nicht mehr rückgängig zu machen“, erklärt der Biologe des ISF.

Zur Prävention sind laut ISF Maßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung gebietsfremder Arten notwendig. Unter anderem sollten Boote nach der Auswasserung gründlich gereinigt und getrocknet werden; dies gilt ebenso für Tauch- und Angelausrüstung. Problematische Arten aus dem Tier- und Pflanzenhandel müssen zudem ausreichend deklariert sein, und Käufer sollten über deren Gefahrenpotenzial informiert werden. „Außerdem bedarf es eines Angebots für sachgerechte Entsorgung und Rücknahme für private Halter“, fügt der Seenforscher hinzu. Wie Löffler bemerkt, sollen des Weiteren Informationsmaßnahmen und Schulungen des ISF dazu beitragen, die Gefahren durch Einschleppung zu minimieren.

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