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Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

Wissenschaft wird nicht nur von den Einrichtungen selbst kommuniziert, sondern von Spezialanbietern. Einer davon ist die Genius GmbH in Darmstadt. Die Fachagentur versteht sich als Transferexperte von Wissenschaft zur Öffentlichkeit mit Hilfe moderner Kommunikationstools. Wir sprachen mit der promovierten Biologin Kristina Sinemus, Geschäftsführerin, Mitgesellschafterin und Gründerin der Agentur.

Sie kommunizieren Wissenschaft, auch auf dem Feld der grünen Gentechnik. Welche Inhalte und für wen bringen Sie die Botschaften unter’s Volk?

Unser Spezialbereich ist es, vor allem Multiplikatoren anzusprechen und weniger den Verbraucher. In erster Linie sind es Multiplikatoren aus Politik und Fachmedien sowie Fachwissenschaftler. Wir kommunizieren auch für den Nachwuchswissenschaftler bis hin zum interessierten Laien, den ich nicht als Verbraucher definieren würde.

Sie müssen also nicht platt „herunterbrechen“, sondern können einen gewissen Anspruch bei der Vermittlung der Inhalte aufrechterhalten...

Ja, das ist ein Grundverständnis unser Arbeit: Wir wollen zielgruppengerecht kommunizieren. Aber wir wollen dabei nicht so sehr vereinfachen, dass wir Gefahr laufen, etwas an Wissenschaftlichkeit falsch zu transportieren. Das ist ab einem gewissen Punkt die Gefahr, wenn man anfängt, etwas zu bewerben. Wir sehen uns nicht als jemand, der Wissenschaft als Marke an den Normalverbraucher kommuniziert, sondern komplexe Themen so „aufbricht“, dass Multiplikatoren sie verstehen.

Ihre Spezialagentur lebt davon. Dennoch: Ist die Vermittlung grüner Gentechnik nicht verlorene Liebesmüh’?

Kommuniziert zielgruppengerecht, Dr. Kristina Sinemus. (Foto: Genius GmbH)
Aus meiner Sicht nicht. Es geht nicht um klassische Produktwerbung. Es geht vielmehr darum deutlich zu machen, dass wir in einem nachindustriellen Umfeld nach wie vor lernen müssen, mit Fortschritt und fortschrittlichen Technologien umzugehen. Denn sonst müssten wir ein völlig anderes Gesellschaftsbild entwerfen, wenn wir in einer Gesellschaft ohne technologischen Fortschritt leben wollten. Eine dieser Technologien ist die Biotechnologie, die grüne Gentechnik; eine andere ist die Nanotechnologie. All das sind komplexe Technologien, die in jedwedem Lebensfeld auch künftig für uns eine Rolle spielen werden. Das gilt auch dann, wenn Verbraucher beispielsweise Produkte ablehnen, die mit Hilfe von transgenem Mais hergestellt werden. Es ist nicht unser Ziel, ihnen dieses Produkt zu verkaufen. Unser Ziel ist es vielmehr, ihnen zu zeigen: Wir leben in einer komplex wissenschaftlichen Welt, die sie auch versuchen sollen ein Stück weit zu verstehen und ein Stück weit in ihre Lebenswelt einzubauen und darin möglicherweise eine Chance zu sehen und sei es nur im Sinne von Arbeitsplatzentwicklung.

In Ihrem Editorial „Talking with the public – challenging the public scare“ (Biotechnology Journal 2007, 2) beklagen Sie, dass wissenschaftliche Evidenz in der emotional geführten Debatte um GM-Pflanzen eine untergeordnete Rolle spiele. Was tun Sie als Kommunikationsprofis dagegen?

Wir versuchen, so aktuell und so kontextualisiert wie möglich zu informieren - in verschiedenen Medien, in Websites, aktuellen Broschüren, aber auch in unserem Umfeld. So zum Beispiel im Sponsoring von Schulaktivitäten, die sich mehr mit wissenschaftlichen Themen befassen. So haben wir in der Region ein Forschungslabor mitinitiiert, das in der Grundschule anschaulich Wissenschaft transparent machen möchte. Wir versuchen, diesen Kontext Gesellschaft – Wissenschaft, wo es nur geht, als Einzelpersonen wie auch als Unternehmen zu transportieren.

Sie fordern, den Austausch von Wissenschaft und Öffentlichkeit methodisch zu verstärken. Was meinen Sie damit?

Man sollte auf lange Frist versuchen, dies nicht nur in bilateralen, individuellen Gesprächen anzugehen, sondern man sollte darüber nachdenken, moderne Ansätze, auch Moderationsverfahren einzusetzen, um Wissenschaft in die Regionen zu bringen. Ich denke hierbei an Zukunftswerkstätten, Bürgerforen oder „Open Space“.

Kommen wir zu den Mediatoren, wie Sie Journalisten nennen: Welche Rolle spielen diese in der Debatte um grüne Gentechnik?

Der Zwang zur Vereinfachung wird der Wissenschaft nicht immer gerecht. (Foto: Pixelio.de)
Aus meiner Sicht spielen sie eine entscheidende Rolle. Allerdings muss man innerhalb der Medien unterscheiden. Zum einen sind da Fachjournalisten, die Fachthemen ins Fachpublikum transportieren. Zum anderen sind da Tagesjournalisten. Hier ist das Anspruchs- und Erwartungsniveau von beiden Seiten ganz unterschiedlich. Es wird immer dann schwierig, wenn ein Tagesjournalist eine sehr spezifische, eine hochkomplexe wissenschaftliche Aktivität schnell zu seinem Verbraucherpublikum transportieren soll. Da besteht eine große Gefahr, dass man in Headlines möglicherweise das Thema nicht ganz optimal transportiert.

Ein versierter Journalist wird sich schwerlich mit Ihrer ihm zugeteilten Rolle zufrieden geben. Er wird zu jedem Experten die Gegenmeinung einholen, wird die Wissenschaft als Teilbereich des gesellschaftlichen Ganzen wahrnehmen und bestenfalls die Positionen im Interessengeflecht identifizieren…

Aus meiner Sicht ist das der Minimalanspruch. Ich fände es besser, wenn Sie darüber hinausgingen.

Was heißt das?

Sie sollten eine aktivere Rolle spielen, mehr tun als nur Interessen und Bekundungen nebeneinander stellen, sondern in ihrem beruflichen Umfeld versuchen, für die Themen auch durchaus Begeisterung zu schaffen.

Wissenschaftssoziologen haben herausgefunden, dass mehr Verständnis wissenschaftlicher Zusammenhänge nicht deren Akzeptanz wachsen lässt. Was müssen Sie als Kommunikations-Experten darüber hinaus tun?

Ja oder Nein ist nicht die Frage für Genius.
Die Agentur will für Technologien sensibilisieren. (Fotos: Pixelio.de)
Grundsätzlich sehen wir uns nicht als Akzeptanzbeschaffer für irgendeine Technologie. Aus meiner Sicht ist das Verständnis für diese komplexen Zusammenhänge im gesamtgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext entscheidend. Ich will keinen Verbraucher zur Akzeptanz von gentechnisch veränderten Lebensmitteln bekommen, sondern ich möchte sensibilisieren für eine aus meiner Sicht innovative Technologie, die uns langfristig in der Gesellschaft begleiten wird.

Kommen wir zu Ihren Auftraggebern aus der Wissenschaft. Was können/müssen Sie für diese tun?

Wir können selbst so eine Art Mediator sein. Ich meine schon, dass wir relativ gut „beide Seiten“ (Wissenschaft und Gesellschaft, d. Red.) sehen und dann Brücken bauen können. Wir versuchen Brücken zu bauen, damit A und B miteinander in Kontakt kommen und Verständnis füreinander bekommen.

Sie sind zehn Jahre im Geschäft. Hat sich das kritisch aufgeklärte Verhältnis der Öffentlichkeit zur Wissenschaft geändert und wenn ja, inwiefern?

Ich weiß nicht, ob „ändern“ das richtige Wort dafür ist. Es ist ein Stück Entwicklungsprozess über die Jahre gewesen und wird auch weiter ein solcher sein. Ich bin davon überzeugt, dass Gesellschaft und Politik immer mehr begreifen, dass Technologie ein integraler Bestandteil unserer Lebenswelt geworden ist, und dass wir nicht umhinkommen, uns damit zu befassen.

Können Sie sich erklären, warum die rote Biotechnologie weitgehend akzeptiert ist, nicht aber die grüne Biotechnologie?

Aus meiner Sicht ist das ein relativ simpler Zusammenhang. Denn der Kosten-Nutzen-Effekt bei der roten Biotechnologie liegt deutlich auf der Hand. Ein Beispiel ist das Insulin. Mit der Nutzung des gentechnisch veränderten Insulins haben die Patienten einen gesundheitlichen Vorteil. Das haben wir bei der grünen Gentechnik schlichtweg nicht. Wir haben bisher keinen für den Verbraucher unmittelbar erkennbaren Vorteil.

Sie schreiben: „Die Frage ist nicht, ob Gesellschaften neue Technologien wollen – es gibt schlicht die wirtschaftliche Notwendigkeit für sie“. Ist die deutsche Öffentlichkeit auch Ihrer Meinung? Stichwort: Risikokommunikation und Technikfolgenabschätzung. Es begann ja mit der kritischen Diskussion um die Nutzung der Atomkraft und setzt sich mit der grünen Gentechnik fort…

Den Vergleich mit der Atomkraft finde ich unglücklich. Nichtsdestotrotz ist die Frage richtig, ob die Gesellschaft in der Technikweiterentwicklung mitgeht. Ich glaube, dass das eine Einzelperson gar nicht entscheiden kann, sondern dass das eine gesellschaftliche Entwicklung ist in eine bestimmte Richtung. Plato und Aristoteles haben Wissenschaft und Gesellschaft noch als Eins betrachtet. Von diesem holistischen Ansatz haben wir uns entfernt. Ich glaube, dass wir versuchen sollten, dieses wieder mehr zusammenzubringen.
Wenn wir es nicht schaffen, neue Technologien mit einer sinnvollen und notwendigen Risikobegleitung und -kommunikation und Technikfolgenabschätzung zu verknüpfen, dann ist das ein verfehlter Ansatz.

Die Fragen stellte Walter Pytlik, BioRegion Ulm, 15.07.2008.
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