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Die Kluft im Wertschöpfungsprozess

Im deutschen Vergleich braucht sich die Universität Freiburg mit der Zahl ihrer angemeldeten und lizenzierten Patente nicht zu verstecken. Aber genügt es, eine Idee einfach nur gewerberechtlich zu sichern und an ein Unternehmen zu verkaufen? „Nein“, sagt Prof. Dr. Bernhard Arnolds von der Zentralstelle für Forschungsförderung und Technologietransfer der Universität Freiburg. „Denn das allein bringt noch kein Geld.“ Eine dringliche Aufgabe der europäischen Regierungen ist es, Maßnahmen zur Schließung der Lücke in der Kette von der Erfindung zur Innovation zu ergreifen. Nur so bleiben Hochschulen und Industrie international wettbewerbsfähig.

Nur eines von vielen Beispielen für eine erfolgreich aus der Universität Freiburg heraus gegründete Biotech-Firma: Die GeneScan Europe AG bietet für die Lebensmittel- und Futtermittel produzierende Industrie Tests auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO) an. © GeneScan Europe AG

„Was sind die Produkte, die eine Universität anzubieten hat?“, fragt Prof. Dr. Bernhard Arnolds von der Zentralstelle für Forschungsförderung und Technologietransfer der Universität Freiburg (ZFT). „Neben exzellent ausgebildeten Studienabgängern und den drittmittelfinanzierten Forschungskollaborationen mit der Industrie sind es die Erfindungen und die damit verbundenen Ausgründungen von Firmen.“ In diesem Bereich hat die Universität Freiburg gute Zahlen vorzuweisen: In den letzten zehn Jahren entwuchsen aus etwa 300 Projekten 90 Firmen, von denen bis heute nur neun nicht mehr in der alten Form existieren. Im gleichen Zeitraum meldete die ZFT rund 1.200 Patente an, davon wurden rund 600 an Unternehmen auslizensiert. Die meisten stammten dabei aus den Bereichen der Medizin, Medizintechnik, Materialforschung und Biotechnologie und standen damit im Kontext der Life Sciences. „Aber damit wird man noch lange nicht reich“, sagt Arnolds. „Das bloße Herumspielen mit Patenten ist Schnee von gestern.“

Ein Canyon und andere Schwierigkeiten

Ein Beispiel für eine vielversprechende Innovation: Dieses an der Universitätsklinik Freiburg zusammen mit dem Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) entworfene Sensor-Implantat mit dem Namen Vitamon dient zur dauerhaften Langzeitüberwachung wichtiger Vitalparameter wie Puls, Pulsform, Blutdruck oder Sauerstoffsättigung. © Philipp Bingger, Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK)

Die Einnahmen aus ihrer Patentvermarktung liegen bei der Universität Freiburg zur Zeit etwa im siebenstelligen Bereich. Damit dürfte sie einen deutschen Spitzenplatz belegen und braucht sich auch in der ganzen EU nicht zu verstecken. Im Vergleich kommen aber zum Beispiel bei „Partners Healthcare“, einem Zusammenschluss mehrer Kliniken aus Boston, zwei Nullstellen dazu. Sind die europäischen Wissenschaftler also allesamt schlechter oder weniger innovativ als die amerikanischen? Keinesfalls. Das Problem liegt nach Arnolds an einer Lücke, ja an einer richtigen Kluft im Entstehungsprozess eines Produkts. Die Erfindung - also die erste Idee eines Forschers - ist nämlich nur der Startpunkt in der gesamten Wertschöpfungskette. Diese Kette endet bei den Unternehmen, die eine marktreife Anwendung anzubieten haben und damit viel Geld verdienen können. Arnolds vergleicht das ganze Problem mit einem Canyon. Auf der einen Seite dieses Canyons galoppiert ein Wissenschaftler heran und verkündet fahneschwenkend seine Idee. Auf der anderen Seite kommt ein Gesandter der Industrie angeritten und ruft: "Wir haben Kapital und suchen etwas mit kommerziellem Potenzial!" Aber die beiden werden nicht zueinander finden, denn weit und breit ist keine Hängebrücke in Sicht.

Ein Beispiel aus der Krebsforschung mag dies verdeutlichen: Onkologen, die eine krebshemmende Substanz entdeckt haben, testen diese in Zellkulturen und Tierversuchen. Das Mittel funktioniert in diesen Systemen und sie melden es zum Patent an. Im Glücksfall kauft ein Unternehmen die Lizenz. Hier hört der Aufstieg des potenziellen Medikaments jedoch in den allermeisten Fällen auf, und die Hochschule wie auch die Wissenschaftler verdienen nur mager. Das liegt daran, dass ein in Zellkultur und in Tierexperimenten getestetes Mittel für ein Pharmaunternehmen noch nichts wert ist. Das entscheidende ist eine erfolgreiche Pilotstudie an menschlichen Patienten. Diese kostet zum einen viel Geld. Zum anderen - und das wiegt noch schwerer - befindet sich das einzelne Projekt innerhalb des Unternehmens in einer Konkurrenzsituation mit anderen Projekten. Im Ergebnis wird das Vorhaben durchgeführt, das den höchsten Reifegrad und die größte Marktnähe aufweist.

Die in diesem Sinne meist frühen beziehungsweise unreifen Projekte aus der Wissenschaft, zumal aus dem Grundlagenbereich, haben hier naturgegeben das Nachsehen. Berücksichtigt man dann noch, dass ein Medikament etwa fünfzehn Jahre von seiner Geburt bis zu seiner Marktzulassung braucht, sind bei der heutigen Patentlebenszeit von 20 Jahren auch die Gewinnaussichten zu gering. Das Mittel endet irgendwo im Keller des Unternehmens und verstaubt.

Vermittelnde Einrichtungen der Zukunft

„In Europa gibt es einen entscheidenden Unterschied zu Amerika“, sagt Arnolds. „Hier werden die Erfindungen nicht so aufgearbeitet, dass sie schnellen und sicheren Wert versprechen.“ Es mangelt also an produktorientierter Entwicklung. Der europäische Forscher glaubt, mit dem Fund einer Substanz oder eines Verfahren sei es getan. In Amerika fängt die Arbeit an diesem Punkt stattdessen erst an. Die Lösung laut Arnolds: Es müssen Einrichtungen geschaffen werden, die mit den Hochschulen zusammenarbeiten und die eine marktnahe Forschung vorantreiben. In solchen Einrichtungen muss ein betriebswirtschaftliches Know-how versammelt sein, das Risiken und Chancen einer Erfindung gegeneinander abwägen kann. Diese Einrichtungen brauchen staatliches oder privates Kapital, das sie in die Entwicklung von Prototypen einspeisen können. Ein entsprechendes Konzept hat Arnolds zusammen mit seinen Mitarbeitern von der ZFT jetzt ausgearbeitet. Die Antragsphase läuft gerade.

„Ganz allmählich setzt jetzt auch in der Politik ein Umdenken ein“, sagt Arnolds. „In den europäischen wie in den deutschen Debatten taucht in letzter Zeit zum Beispiel immer öfter das Stichwort translationale Forschung auf.“ Seiner Ansicht nach sollte Europa sich aber beeilen. Noch hat es einen Wissensvorsprung gegenüber Ländern wie Indien oder China. Aber dort drängen immer mehr Erfinder auf den Markt, und die sind immer besser ausgebildet und haben genauso viele gute Ideen wie ihre europäischen Kollegen.

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