zum Inhalt springen
Powered by

ForCare – Risiko- und Nutzenbewertung von Umweltchemikalien

Pflanzenschutzmittel, Wandfarben, Feinstäube aus dem Laserdrucker – viel zu wenig wissen wir über die gesundheitlichen Auswirkungen von Chemikalien in alltäglichen Produkten und in unserer Umwelt. In den letzten Jahren hat die EU einige neue Richtlinien für Grenzwerte von toxikologisch relevanten Stoffen in Lebensmitteln oder anderen Erzeugnissen erlassen. Unter anderem nach einer Kampagne von Greenpeace gegen Pestizide im Essen. Wissenschaftliche Hintergründe für diese Kampagne hat auch das Freiburger Fachbüro für Toxikologie und nachhaltige Entwicklung ForCare von Wolfgang Reuter erarbeitet. Der Biologe und Toxikologe unterstützt die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Chemie, indem er Projekte im Bereich zwischen Toxikologie, der Nutzung von Chemikalien und nachhaltiger Entwicklung bearbeitet. Trotz neuer Impulse vonseiten der EU sieht Reuter weiteren Handlungsbedarf, vor allem im Bereich der Vorsorge.

Chemische Stoffe spielen für den Umwelt- und Gesundheitsschutz eine wichtige Rolle. © Hey Paul/State College, PA, USA

Chemische Stoffe spielen für den Umwelt- und Gesundheitsschutz eine wichtige Rolle. Viele von ihnen, wie etwa Bindemittel, können sogar helfen, giftige Substanzen aus der Umwelt oder in Produktionsprozessen zu entfernen. Auch in allgemein sehr umweltfreundlichen Technologien, etwa beim Bau von Windkraftwerken, kommen chemische Substanzen zum Einsatz. „Das ist aber immer nur dann positiv, wenn die Auswirkungen der Chemikalien gut bekannt sind und der Einsatz unter entsprechend gesicherten Bedingungen stattfindet“, sagt Reuter. Der Biologe und Toxikologe hat sich auf die Bewertung der toxikologischen und ökologischen Auswirkungen von Chemikalien spezialisiert und bearbeitet hauptsächlich Aufträge von Behörden, Umweltverbänden und Nichtregierungsorganisationen. Vor drei Jahren hat er zum Beispiel eine Studie für Greenpeace durchgeführt, in der es um Grenzwerte von Pestiziden ging. Jeder Hersteller muss diese gesetzlich festgelegten Grenzwerte beachten, aber Reuter zeigte, dass die Grenzwerte oftmals zu hoch angesetzt waren. „Im Abgleich mit Daten aus Tierversuchen, in denen die toxikologische Wirkung verschiedener Pestizide untersucht wurde, sind die erlaubten Mengen an Pestiziden in Nahrungsmitteln in vielen Fällen noch heute nicht sicher“, sagt er.

Seine Arbeit besteht nicht darin, Laborversuche durchzuführen. Er bekommt die experimentellen Daten von seinen Auftraggebern oder direkt aus der Literatur. „Ich bin eine Art Übersetzer von puren Zahlen in verständlichere Sprache“, sagt Reuter. „Gerade in der Toxikologie sind die Zusammenhänge oft so komplex, dass es sehr hilfreich sein kann, wenn sie für Politiker, Umweltaktivisten oder den Zeitungsleser möglichst anschaulich dargestellt sind.“ In den letzten Jahren hat Reuter mehrere Studien und Stellungnahmen zu Grenzwerten von Pestiziden erarbeitet und unter anderem festgestellt, dass bestimmte gefährliche Eigenschaften bei der Zulassung von Pestiziden gar nicht untersucht werden. Dazu gehören die hormongiftigen Wirkungen oder Wirkungen auf das Nervensystem des Menschen. Wenn diese toxikologischen Grenzwerte zu hoch liegen, weil bestimmte Folgen beim Testen übersehen worden sind, dann werden auch die erlaubten Höchstmengen in einem Lebensmittel zu hoch festgesetzt und es kann beim Verzehr zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Konsumenten kommen. Die Aktivitäten von Greenpeace und anderen Auftraggebern von ForCare haben in der EU dazu beigetragen, dass Grenzwerte verschärft und einige Pestizide verboten wurden; auch die neue EU-Zulassungsrichtlinie für Pestizide, die ab Juni 2011 in Kraft tritt, wurde durch das Engagement der Umweltverbände deutlich verbessert.


Wolfgang Reuter, ForCare © privat

Zur Person Wolfgang Reuter
Schon in der Schule wusste Wolfgang Reuter, dass er sich im Umweltbereich engagieren will, wo es seiner Ansicht nach viele Unzulänglichkeiten gab. Er studierte Biologie und später Toxikologie, weil er sich besonders für die Vielfalt der Chemikalien und ihrer Wirkungen interessierte. Seit 1995 arbeitete er, noch während des Studiums in Aachen, als freier Mitarbeiter für Greenpeace. Zwischen 2002 und 2004 war er fester Mitarbeiter des Öko-Institutes in Freiburg. „Dann fundamentierte ich meine frühere selbstständige Tätigkeit mit der Gründung des Fachbüros für Toxikologie und nachhaltige Entwicklung ForCare in Freiburg“, resümiert er.


Mangelnde Vorsorge

Vorbereitung eines Flugzeuges, mit dem Pestizide über Feldfrüchte versprüht werden sollen. © Wikipedia

Reuter erstellt auch Bewertungen zu anderen Chemikalien wie etwa zu Azofarbstoffen in Textilien, die allergen oder krebserregend wirken können, oder zu Schwermetallen in Böden. Neben solchen auf die toxikologische Wirkung und Grenzwerte beschränkten Projekten geht es aber auch um die Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens durch Analysen und Bewertungen im Bereich Umwelt, Wirtschaft und Soziales sowie Vorschläge zu Umsetzungsstrategien und Realisierung von Projekten und Produkten, die der Intention der nachhaltigen Entwicklung folgen. Trotz der öffentlichen Omnipräsenz des Begriffs Nachhaltigkeit in den letzten Jahren sieht Reuter Mängel in der Umsetzung, denn vor allem das Prinzip der Vorsorge komme noch immer zu kurz.

Ein Beispiel aus dem Bereich der Landwirtschaft: Es werden immer noch mit einem sehr hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand neue synthetisch-organische Pestizide entwickelt. Ein nachhaltiger Ansatz wäre, Pflanzenschutzkonzepte zu entwickeln, die auf Chemikalien verzichten und sich stattdessen auf effektive Methoden fokussieren, zum Beispiel den Einsatz von Räubern, Fressfeinden oder biologischen Lockstoffen. „Hätte man in den letzten Jahrzehnten in die biologische Landwirtschaft nur einen Teil der Forschungsgelder investiert, die die konventionelle Landwirtschaft erhalten hat, wäre der Öko-Anbau heute mit Sicherheit schon viel erfolgreicher“, sagt Reuter.

Reuter setzt hinzu: „Hätten die Behörden schon beim Aufkommen der ersten Studien über die Auswirkung von Chemikalien auf den Hormonhaushalt die Grenzwerte herabgesetzt oder Verbote ausgesprochen, dann hätte man viele Schäden verhindern können.“ Als Beispiel nennt er die Reinigungsmittel aus der Gruppe der Alkylphenole, die Jahrzehnte lang in die Umwelt gelangten und dort Hormonsysteme von Tieren schädigten, unter anderem Schnecken zu Zwittern oder unfruchtbar machten. Wie sich Chemikalien auf den Menschen auswirken, ist oft schwer zu beurteilen, weil Ergebnisse aus dem Reagenzglas oder aus Tierversuchen auf den Menschen übertragen werden müssen, was immer noch große Schwierigkeiten bereitet.

Man weiß heute nicht, wo genau die Ursache der zunehmenden Unfruchtbarkeit europäischer Männer liegt. Viele Stoffe sind auch zu wenig untersucht. Laut Reuter sollte aber der begründete Verdacht gesundheitlicher oder ökologischer Schäden reichen, damit die Politik die Grenzwerte verschärft oder den Einsatz der Stoffe ganz verbietet - nicht zuletzt auch, um die Suche nach Alternativen zu verstärken. Seiner Ansicht nach sind aber gerade Entscheidungsprozesse auf der politischen Ebene noch zu stark durch die Industrie beeinflusst und zu intransparent. „Grenzwerte für Chemikalien in Produkten oder in der Landwirtschaft werden in der Regel auf der Grundlage von Studien festgelegt, die ausschliesslich von den Herstellern selbst stammen“, sagt er.

Und dass Handlungsbedarf besteht, obwohl sich vieles geändert hat, zeigt das Beispiel der neuen Pestizidrichtlinie der EU. „Obwohl einige Zulassungsgrundsätze verschärft wurden, sind nicht alle notwendigen Themen berücksichtigt“, sagt Reuter. „So werden Pflanzenschutzmittel, die das Gehirn schädigen oder ein Allergie auslösendes Potenzial aufweisen, noch immer nicht ausreichend getestet.“

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/forcare-risiko-und-nutzenbewertung-von-umweltchemikalien