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Lateinamerikas neue Ölquelle entspringt auf einem Baum

Eine Palme namens Acrocomia beschäftigt derzeit einen großen Kreis von Wissenschaftlern und Geldgebern. Die kommenden Jahre sollen zeigen, was in ihr steckt. Wenn der bisher wenig beachtete Baum leistet, was seine Interessenten von ihm erwarten, kann Lateinamerika bald von einer nachhaltigen Ölquelle profitieren.

Zwischen Mexiko und dem Norden Argentiniens gedeiht eine Palme mit dem lateinischen Namen Acrocomia totai Mart. Obwohl bekannt ist, dass diese ölhaltige Pflanze vielseitig verwendbar ist, hat sie bislang nur wenig Beachtung gefunden. Wissenschaftlich gesehen gibt es jedenfalls nichts, was für ihre Kultivierung verwertbar wäre. Doch „wenn man sich für regenerative Energien interessiert, ist es ein Muss, sich mit Acrocomia zu beschäftigen“, sagt Dr. Dieter Oberländer.

Prof. Karlheinz Köller (links) vom Hohenheimer Institut für Verfahrenstechnik in der Pflanzenproduktion und Dr. Dieter Oberländer (rechts), Projektleiter im Steinbeis Transferzentrum an der Universität Hohenheim. Ein Pilotprojekt mit dem Ziel, die Verwendungsmöglichkeiten von Acrocomia ökonomisch und technisch zu bewerten führte Köller und Oberländer gemeinsam nach Lateinamerika. (Foto: Oberländer)
Was die bis zu fünfzehn Meter hohe Palme mit den gefiederten Blättern zu einem energetischen Muss macht, ist ihre Frucht. In riesigen Trauben hängen die golfballgroßen Acrocomia-Früchte dicht an den Stamm gelehnt von der Baumkrone herab. Wird die grün-braune Außenschale aufgebrochen, kommt das gelbliche, faserige Fruchtfleisch zum Vorschein, die so genannte Pulpa. Sie beherbergt den Samen, der von einer extrem harten Nussschale umschlossen ist. Dass diese Frucht das Potenzial besitzt, zum Beispiel Paraguay von 80 Prozent seiner Treibstoffimporte unabhängig zu machen, davon ist Oberländer überzeugt.

Schälen, knacken, pressen – wie das Öl zu Tage kommt

Bis zur Importunabhängigkeit ist es noch ein weiter Weg. Kleinbauern lesen die reifen, herabgefallenen Früchte von wild wachsenden Palmen auf und bringen sie zu einer Sammelstation. Ist die zusammengetragene Ernte so groß, dass sie einen Lastwagen füllt, werden die Früchte in Fabriken geliefert, wo die Außenschale entfernt, die Pulpa abgetrennt und die Nuss geknackt wird. Nun folgt der interessante Teil: das Pressen des Samens und der Pulpa, denn hierin schlummert der exportwürdige Rohstoff Öl. 1.200 Dollar werden derzeit für eine Tonne Kernöl bezahlt, 350 Dollar für eine Tonne Pulpaöl. Verwendung finden die Öle in Lebensmitteln, Seife oder Kosmetik. Nur hier und da wird aus dem weniger wertvollen Pulpaöl in überaus einfachen Formen Biodiesel produziert – Benutzung auf eigene Gefahr. Doch in diesem Produkt sieht Oberländer die eigentliche Quelle des Erfolgs.

Mit einem Anteil von zehn Prozent Pulpaöl und fünf Prozent Kernöl an der Frucht ist der Ölgehalt der Acrocomia verglichen mit anderen Energiepflanzen relativ gering. Es ist der Flächenertrag, der das Rennen macht. Durchschnittlich 20 Tonnen Früchte lassen sich von einem Hektar Palmen holen, sagt Oberländer, das macht drei Tonnen Ölertrag je Hektar. Nur die Afrikanische Ölpalme kann das mit einem Ölertrag von 3,5 bis 4,5 Tonnen je Hektar überbieten. Aber diese ist bereits domestiziert und ihr Ertrag wurde verzehnfacht; inzwischen wird sie in großem Stil angebaut. Bei Acrocomia kann davon noch keine Rede sein. „Wenn es uns gelingt, den Ertrag von Acrocomia zu verdoppeln, kann sie die Afrikanische Ölpalme erheblich überbieten“, prophezeit Oberländer.

Große Vorhaben wollen finanziert werden

Dr. Dieter Oberländer ist von Haus aus Volkswirt. Wann und wie sein Interesse an Acrocomia geweckt wurde, kann er gar nicht mehr genau sagen. Es muss wohl durch seine freundschaftlichen Kontakte zu Professoren der Universität Hohenheim und sein Berufsleben beim Automobilhersteller Daimler gekommen sein, für den er 15 Jahre in Argentinien, in Paraguay und auf Costa Rica verbracht hat. Als Projektleiter im Steinbeis Transferzentrum für Agrar-, Umwelt- und Energietechnik an der Universität Hohenheim bringt sich Oberländer dabei ein, die Nutzung von Acrocomia als Rohstoff für die Biodieselproduktion zu etablieren. „Unser Ziel ist es, die Region so weit es geht von fossiler Energieversorgung unabhängig zu machen“, erklärt er und nennt dafür folgende Motive: „Um Devisenersparnisse zu erzielen, aus Umweltgesichtspunkten, und um die Landwirtschaft, die heute völlig vom Energieimport abhängig ist, in Zeiten von Lieferengpässen aufrecht zu erhalten.“ Ein löbliches Vorhaben. Doch wer finanziert das? Venture Capital heißt die Lösung. Firmen, die in Acrocomia eine große Zukunft sehen, wollen sich am Erfolg beteiligen und dafür Vorschuss leisten. Außerdem könnten Entwicklungsgelder fließen, wenn Kleinbauern in die Projektarbeit einbezogen werden.
Fruchtstand einer vitalen Acrocomia-Pflanze auf Trinidad. (Foto: Oberländer)
Das sieht das Konzept auch vor. Zwei Versuchsplantagen sollen im nächsten Jahr in Lateinamerika entstehen, 2.000 Hektar in Argentinien, 1.000 Hektar in Paraguay. Kleine Landwirte haben die Möglichkeit, im Vertragsanbau jeweils einen bis zwei Hektar zu bewirtschaften und im Auftrag der Forschung mit verschiedenen Reihenabständen, variierenden Düngergaben oder dem Anbau von Zwischenfrüchten zu experimentieren.

Forschungsbedarf gibt es auf jedem Gebiet. Entsprechend groß ist der Kreis wissenschaftlicher Kooperationspartner. Da ist als erstes die Universität Hohenheim zu nennen. Saatgutforscher, Verfahrenstechniker, Tropenwissenschaftler und Umweltmanager optimieren den Acrocomia-Anbau, entwickeln die Erntetechnik und prüfen die Umwelt- und Energieeffizienz der Palme. Die Universität Stuttgart ist in die Optimierung einer Verarbeitungsanlage eingebunden. Als Partner vor Ort treten die Katholische Universität in Paraguay sowie die Nationale Universität Formosa in Argentinien auf.

Das Zukunftsmodell ist dezentral

Die Wissenschaftler planen, Acrocomia in einem Umkreis von 50 Kilometern um eine Fabrik herum anzubauen. Die Früchte dezentral zu verarbeiten, ist für Oberländer ein wichtiger Aspekt, denn „Transportkosten töten alles“, weiß der Volkswirt. Um weitere Kosten zu sparen, wird in Plantagen zukünftig hauptsächlich maschinell geerntet. Nach dem Pressvorgang von Pulpa und Samen werden die gewonnenen Öle per Lastwagen zur nächsten Biodieselfabrik transportiert. Derzeit können in einer Fabrik jährlich 3.000 Tonnen Biodieselrohstoff produziert werden. 1,2 Millionen Tonnen Diesel benötigt Paraguay, um importunabhängig zu sein.

Und wie steht es mit der Konkurrenz der Nahrungsmittelproduktion um die Anbauflächen? „Kein Problem“, sagt Oberländer, „mit der Palme werden ja auch Nahrungsmittel hergestellt.“ Zum einen direkt durch den Einsatz des Kernöls in der Lebensmittelindustrie, zum anderen indirekt in der Viehhaltung. Denn was nach dem Auspressen der Früchte übrig bleibt, der sogenannte Presskuchen oder Expeller, dient als Futter und wird in der Tierproduktion zu Nahrungsmitteln veredelt. Und noch einen Vorteil sieht Oberländer: „Wenn wir Acrocomia-Plantagen anpflanzen, ist das eine Aufforstungstätigkeit.“ Denn abzuholzen gebe es in dieser Region kaum noch etwas. Wie die Umweltbilanz tatsächlich aussieht und wie viel fossiler Dieselrohstoff durch Acrocomia wirklich ersetzt werden kann, wird die Forschung in den nächsten Jahren herausfinden.

Quelle: BioRegio STERN Management GmbH (km) - 15.10.08
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/lateinamerikas-neue-lquelle-entspringt-auf-einem-baum