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Universität Hohenheim: Starkes Bekenntnis zur Bioökonomie

Die Universität Hohenheim in Stuttgart veröffentlichte soeben ein Strategiepapier, das Bioökonomie zum Kernthema ihrer Forschung macht. Heike Laue sprach dazu mit dem Rektor der Universität, Prof. Dr. Stephan Dabbert.

Laut Ihrem Strategiepapier soll Bioökonomie künftig das Zentrum der Forschung an der Universität Hohenheim werden. Ist das nicht thematisch ein wenig eng für eine ganze Universität?

Prof. Dr. Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim © Universität Hohenheim / R. Pfisterer

Nein, denn Bioökonomie ist nicht nur eine große gesellschaftliche Herausforderung. Sie ist auch ein riesiger Themenkomplex, unter dem sich viele Wissenschaftsbereiche wiederfinden. Der Schwerpunkt Bioökonomie gibt uns sogar die Chance, viele vorhandene Forschungsaktivitäten zusammenzuführen. Wir verknüpfen damit unsere große Tradition in den Agrarwissenschaften, den starken Komplex der Biologie, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften wie auch die ganz zentralen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Das starke Bekenntnis zur Bioökonomie bedeutet natürlich nicht, dass sich die Universität nur noch ausschließlich diesem Thema widmet. Die Suche nach Antworten auf zentrale Fragen der Bioökonomie schafft Verbindungen, die wir fördern und ausbauen wollen.

Sie haben den Anspruch, das Thema sehr ganzheitlich aufzugreifen.

Wir beginnen mit der Grundlage der Bioökonomie, der Pflanze. Denn die Pflanze steht immer am Anfang der Produktion. Egal, ob es um Nahrung oder Tierfutter geht, oder ob wir künstliche Fasern in Kleidung ersetzen wollen. Egal, ob wir nachwachsende Rohstoffe als Ersatz für synthetische Rohstoffe suchen oder ob wir fossile Energieträger wie Erdöl, Gas und Kohle durch Brennstoffe und Treibstoffe auf Pflanzenbasis ersetzen.

Hier haben wir in Hohenheim über 30 Professuren, die sich im engeren oder weiteren Sinn mit Pflanzen beschäftigen – zum Beispiel wie die notwendigen Pflanzen gezüchtet und angebaut werden können. Gleichzeitig untersuchen sie, wie das nachhaltig und umweltfreundlich geschehen kann – mit Rücksicht auf Kulturräume, Biodiversität, Klima, Ressourcenschutz und Energieeffizienz.

Aber Bioökonomie ist mehr als Pflanzenbau.

Seit einem Jahr unterstützt Prof. Dr. Regina Birner von der Universität Hohenheim das Bundesministerium für Bildung und Forschung als Mitglied im Bioökonomierat. Das hochrangige Beratungsgremium unterstützt die Bundesregierung darin, Deutschland zu einer führenden Nation auf dem Gebiet der Bioökonomie zu machen. © Universität Hohenheim

Richtig, deshalb bündeln wir die verschiedenen Kompetenzen. Bei den Produkten und Methoden liegt ein starker Schwerpunkt auf den Lebensmittelwissenschaftlern, den Biologen und den Biotechnologen, bis hin zu den Ernährungsmedizinern. In diesem Bereich erforschen wir zum Beispiel auch den Einsatz von Mikroorganismen als Bioproduzenten von Enzymen und anderen wichtigen Industriestoffen.

Letztendlich müssen sich alle Prozesse der Bioökonomie an ihrer Effizienz im Vergleich zur erdölbasierten Wirtschaft messen. Und die ist vor allem von Preisen und Kosten sowie Markt- und Wettbewerbsstrukturen abhängig. Bei allen Überlegungen sind ökonomische Analysen des Systems Bioökonomie unverzichtbar – und das ist auch der dritte Bereich, in dem die Universität Hohenheim ausgesprochen stark aufgestellt ist.

Das klingt komplex.

Die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei. Unser Strategiepapier trägt auch den Titel „Bioökonomie 2020 – Komplexe Systeme verstehen und gestalten“. Denn bei der Bioökonomie geht es bei aller Innovationsfreudigkeit um mehr, als um neue Produkte auf Pflanzenbasis. Als Wissenschaftler haben wir den Anspruch, dass unsere Forschung auch der Sicherung der Welternährung und dem Schutz von Klima, Ressourcen und Umwelt dienen soll.

Haben Sie ein Beispiel für so ein Forschungsprojekt?

Zusammen mit fünf Partner-Universitäten in Europa, Nord- und Südamerika betreibt die Universität Hohenheim ein internationales Netzwerk für Studierende, Doktoranden und Forscher zum Thema Bioökonomie. Der DAAD fördert den Austausch mit 900.000 Euro für rund 80 Stipendien für Studien- und Forschungsaufenthalte oder Dozenturen. © Universität Hohenheim

Nehmen wir den Bereich der nachwachsenden Rohstoffe: In Hohenheim läuft derzeit Europas größter Feldversuch, der alle verschiedenen neuen Energiepflanzen systematisch miteinander vergleicht. Dabei geht es nicht nur um die Energieausbeute. Unsere Forscher erstellen Ökobilanzen, bewerten die Artenvielfalt, messen Treibhausgase und entwickeln Standards für künftige Energiepflanzen. Ein anderes Beispiel ist unsere Arbeitsgruppe "Regionaler Klimawandel" mit rund zehn beteiligten Professuren. Hier arbeiten Meteorologen mit Pflanzenforschern und Sozialwissenschaftlern zusammen und erstellen Prognosen, wie sich Änderungen in der Landwirtschaft und Klimaänderungen wechselseitig beeinflussen.

In Teilen wird die Bioökonomie aber auch durchaus kritisch gesehen. Das Argument der Kritiker: Solange 800 Millionen Menschen weltweit hungern, sollten Pflanzen ausschließlich zur Nahrungsmittelproduktion verwendet werden.

Derzeit konzipiert die Universität Hohenheim einen Master-Studiengang Bioökonomie. Ab Herbst 2014 soll es dazu 15 neue Studienplätze geben. Hinzu kommt eine Professur, gefördert aus dem Masterprogramm 2016 des Landes Baden-Württemberg. © Universität Hohenheim
Die Zeiten, als wir Agrarüberschüsse hatten, sind vorbei. Biomasse ist heute ein knappes Gut geworden. In Hohenheim ist Welternährung eines der traditionell besonders wichtigen Themen, zu dem wir mit Wissenschaftlern auf allen Kontinenten zusammenarbeiten. Besonders aktiv sind gleich zwei unserer Forschungszentren, das Tropenzentrum und das Food Security Center mit über 100 Mitarbeitern. Dennoch hat die Bioökonomie den Anspruch, ein biobasiertes Wirtschaftssystem zu sein, das die Welt ausreichend und gesund ernährt und mit hochwertigen Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen versorgt. Hier gibt es viel Forschungsbedarf, und zu diesem Thema wird der Diskurs auch an der Universität Hohenheim mit Leidenschaft geführt. Aber das ist gut so, denn nur der Diskurs bringt letztlich Erkenntnis.

Die Universität Hohenheim ist nicht allein mit ihrem Plan, das Thema Bioökonomie intensiv zu bearbeiten. Gerade in Baden-Württemberg engagiert sich eine Vielzahl von Forschungseinrichtungen in diesem Thema.

Es ist ein Verdienst von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, dass sie das Thema Bioökonomie als wichtiges Thema für Baden-Württemberg erkannt hat. Unter Federführung des Strategiekreises Bioökonomie wurde sehr viel an Kompetenz, die im Land vorhanden ist, zusammengeführt. Nun will das Ministerium Bioökonomieforschung landesweit mit 12 Millionen Euro fördern. Wir sehen uns als einen wichtigen Baustein in einer sehr reichhaltigen Forschungslandschaft, über die wir sehr froh sind. Denn einer so großen Herausforderung wie der Bioenergie lässt sich nur mit dieser Vielfalt, einem Netz von Kooperationen und dem wissenschaftlichen Wettbewerb gerecht werden.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/universitaet-hohenheim-starkes-bekenntnis-zur-biooekonomie