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Weichenstellung für die Zukunft der Biotechnologie

Mit einem Auftaktkongress unter dem Motto „Nächste Generation biotechnologischer Verfahren – Biotechnologie 2020+“ hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) am 8. Juli 2010 in Berlin einen Strategieprozess eingeleitet, in dem Biotechnologie und Ingenieurswissenschaften gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft entwickeln sollen. Das BMBF stellt dafür 200 Millionen Euro bereit.

Dr. Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär beim BMBF © CDU

Mit seiner Rede vor mehr als 200 Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien am 8. Juli 2010 im historischen Radialsystem V in Berlin gab Dr. Helge Braun, der Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, den Startschuss für einen langfristig angelegten Strategieprozess, bei dem es darum geht,

• Visionen für biotechnologische Produktionsprozesse von morgen zu entwickeln,

• Forschungs-und Entwicklungs-Missionen zur Realisierung dieser Visionen abzuleiten und

• Selbstorganisationsprozesse in der Forschungslandschaft zu initiieren und zu koordinieren.

Mit dem Strategieprozess sollen neue Chancen für den Produktionsstandort Deutschland erschlossen und die großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft - Gesundheit, Klima, Energie - frühzeitig reflektiert und angemessen berücksichtigt werden.

Wie sich in der Synthetischen Biologie bereits abzeichnet, werden Biologie und Ingenieurdisziplinen in Zukunft enger zusammenwachsen. Deutschland bringt, wie Dr. Braun betonte, „gute Voraussetzungen mit, um als Vorreiter eine nächste Generation biotechnologischer Produktionsverfahren zu entwickeln und einzusetzen.“ Deutschland hat eine starke ingenieurswissenschaftliche Tradition und ist nach den USA der zweitwichtigste Produktionsstandort für biotechnologische Erzeugnisse. Es ist in der Mikrosystemtechnik, etwa bei Biochips für die Medizintechnik und Analytik, führend und einer der international bedeutendsten Standorte der chemischen Industrie. Die Zukunft der Chemie, ein Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft liegt nach Meinung vieler Experten in der Biologie.

200 Millionen Euro für die Entwicklung der zukünftigen Biotechnologie

Natürlich kann das BMBF - kann der Staat - Innovationen nicht erzeugen. Die Politik kann, so Dr. Braun, „ lediglich Diskussionsprozesse initiieren und moderieren und die richtigen Leute zur hoffentlich richtigen Zeit zusammenbringen." Der Staatssekretär forderte die Kongressteilnehmer auf, an dieser Diskussion über die zentralen Fragen der zukünftigen Biotechnologie mitzuwirken:

• Was ist notwendig, um die gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern? Welche Trends und ungelösten Probleme stellen die zentrale Herausforderung an die nächste Generation biotechnologischer Verfahren dar?

• Welche Forschungsfelder und technologische Entwicklungen sind von Relevanz für derartige Verfahren und sollten gezielt verfolgt werden?

• Welchen Herausforderungen müssen sich Wissenschaft und Wirtschaft in politischer und ethischer Hinsicht dabei stellen? Welche Rahmenbedingungen müssen geändert werden?

Ort des Kongresses – Radialsystem V an der Spree, im Jahr 1925. © Stadt Berlin

Nach diesem Auftaktkongress wird es jährlich einen Highlight-Kongress geben, auf dem diese Fragen mit allen Interessierten diskutiert, die erreichten Ziel dokumentiert und reflektiert und die nächsten Etappen vorbereitet werden sollen. Außerdem werden im Herbst jeden Jahres Fachgespräche in ausgewähltem Kreise durchgeführt, in denen die Basis für eine Roadmap mit vordringlichen Meilensteinen gelegt werden soll. Die Schwerpunkte werden dabei jedes Jahr andere sein: Während der Fokus in diesem Jahr auf Forschung und Technologie liegt, sollen 2011 die Anwendungsperspektiven im Vordergrund stehen und im Jahr darauf Fragen nach förderlichen oder hemmenden Rahmenbedingungen.

Das Forschungsministerium wird für diesen Strategieprozess und die Entwicklung der nächsten Generation biotechnologischer Verfahren über die nächsten 10 bis 15 Jahre zunächst 200 Millionen Euro bereit stellen. Strukturbildende Maßnahmen bei den Forschungsorganisationen und Hochschulen können dabei, komplementär zu eigenen Mitteln, anteilig vom BMBF unterstützt werden. Forschung und Technologieentwicklung werden von Anfang an begleitet von einer Innovations- und Technikanalyse, die aktiv nach verborgenen Chancen suchen, aber auch die ethischen und sozialen Fragen berücksichtigt und vor möglicherweise entstehenden Risiken warnt. Ein entsprechender Diskussionsprozess zur Synthetischen Biologie, die als ein Baustein auf dem Weg zu neuen Produktionsverfahren gesehen wird, ist 2009 durch die gemeinsame Stellungnahme von Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG), acatech und Leopoldina bereits eingeleitet worden.

Die neuen Forschungsfelder können nur mit einer ausreichenden Zahl an wissenschaftlichen Nachwuchskräften aufgebaut werden. Deshalb wird das BMBF im Rahmen des Strategieprozesses Nachwuchsgruppen finanzieren, um die bereits bestehenden Kompetenzen zu verstetigen und zu verstärken. Die jeweils geförderte Nachwuchsgruppe wird aus den Preisträgern des ab 2011 regelmäßig verliehenen Nachwuchspreises des BMBF ermittelt. Die genauen Modalitäten werden in den nächsten Monaten festgelegt und bekannt gegeben.

Gemeinsames „Memorandum of Understanding“ der Forschungsorganisationen

Von entscheidender Bedeutung für den Strategieprozess ist der Wille der großen deutschen Forschungsorganisationen - der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft - an dem Strategieprozess zur Entwicklung der „Nächsten Generation biotechnologischer Verfahren/ Biotechnologie 2020plus" mitzuwirken. Auf dem Auftaktkongress wurde ein gemeinsames „Memorandum of Understanding" vorgestellt, das von den Präsidenten und Vorsitzenden dieser vier Forschungsorganisationen unterzeichnet worden war.

Das BMBF betont, dass zusätzlich auch die Hochschulforschung und die DFG als Forschungsförderer sowie zukünftig auch Wirtschaftsvertreter an dem Strategieprozess beteiligt sind. Wie auch auf der Jahrestagung der DFG, die am Vortag (07.07.10) stattgefunden hatte, betont worden war, kann eine „Ökonomisierung der Wissenschaft" nicht das Ziel sein, und die Autonomie der Wissenschaft darf nicht in Frage gestellt werden. Wohl aber spielt der Anwendungsaspekt bei der Entwicklung neuer Technologien eine stimulierende Rolle.

In der Pressekonferenz zum Auftaktkongress, in der der Parlamentarische Staatssekretär die Ziele des Strategieprozesses erläuterte, wurde das „Memorandum of Understanding" von Vertretern der vier Forschungsorganisationen vorgestellt, und zwar von: Prof. Dr. Ulrich Buller (Vorstandsmitglied der Fraunhofer-Gesellschaft), Prof. Dr. Achim Bachem (Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich und Vizepräsident für den Forschungsbereich Schlüsseltechnologien in der Helmholtz-Gemeinschaft), Prof. Dr. Axel Ullrich (Direktor der Abteilung Molekularbiologie des Max-Planck-Instituts für Biochemie) und Prof. Dr. Axel Brakhage (Präsident der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie und Leiter des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie).

Die Pressemitteilungen der einzelnen Forschungsorganisationen zum Strategieprozess „Biotechnologie der Zukunft" stehen im Internet zur Verfügung. 

Im „Memorandum of Understanding" bekräftigen die Forschungsinstitutionen ihre Unterstützung des Strategieprozesses und erklären ihre Bereitschaft, an der Lösung der drängenden Herausforderungen der Zukunft - Gesundheit, Energie, Klima - durch Vernetzung ihrer Aktivitäten mitzuarbeiten.

Auszug aus dem „Memorandum of Understanding" der deutschen Forschungseinrichtungen

Die deutschen Forschungsgesellschaften und -gemeinschaften sehen gemeinsam mit Vertretern der Hochschulforschung die Anforderungen an ein koordiniertes Vorgehen für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Biotechnologie. Sie wollen ihre Aktivitäten auf diesem Feld vernetzen, bündeln und koordinieren. Gemeinsam unterstützen sie daher die Anstrengungen des BMBF, ein Programm für die „Nächste Generation biotechnologischer Verfahren - Biotechnologie 2020+" zu entwerfen, das den Anforderungen an ein solches Vorgehen entspricht.

Den vollständigen Wortlaut des „Memorandum of Understanding" finden Sie auf den Seiten der BioRegion Rhein-Neckar-Dreieck.

In einer Podiumsdiskussion auf dem Auftaktkongress, an der außer den Repräsentanten der vier außeruniversitären Forschungsorganisationen auch Prof. Dr. Dietmar Schomburg, Bioinformatiker an der TU Braunschweig, als Vertreter der forschenden Hochschulen teilnahm, wurden Hintergründe und Ziele des Strategieprozesses dargestellt. Wie dieser Strategieprozess im Einzelnen aussehen wird und am besten gefördert werden kann, soll in Fachgesprächen und Diskussion mit den am FuE-Prozess Beteiligten in den nächsten Monaten erarbeitet werden. Dazu gilt als Motto: „Wir befinden uns auf der Reise nach Indien, die uns nach Amerika führen soll“ (ASE-Workshop „Biotechnologie2020+“, 2008).

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/weichenstellung-fuer-die-zukunft-der-biotechnologie