zum Inhalt springen
Powered by

Wir würden gern mehr Biotechs finanzieren

Seit vier Jahren unterstützt der High-Tech Gründerfonds technologieorientierte Gründer. Das von Bundesregierung und Großunternehmen getragene Projekt verfügt über 272 Mio. Euro, größtenteils Bundesmittel, und will Ideen schneller auf den Markt bringen. Wir sprachen mit Marco Winzer, Prokurist und Investment Director, der beim High-Tech Gründerfonds zuständig für Akquise, Prüfung und Verhandlung von Beteiligungen sowie Betreuung der Portfoliounternehmen ist.

Die Wirtschaftskrise geht in ihr zweites Halbjahr. Hemmen diese schwierigen Rahmenbedingungen auch Gründungswillige?

Marco Winzer vom High-Tech Gründerfonds © HTGF

Nein. Gründern im Hightech-Bereich, insbesondere in den Life Sciences steht genügend Startkapital zur Verfügung. Öffentliche und halböffentliche Finanzgeber sowie Privatfinanziers investieren momentan gegen den Trend.

Wir stellen eine verstärkte Finanzierungsaktivität von Family Offices und Business Angels fest. Dies belegen beispielsweise die Anschlussfinanzierungen in den Unternehmen unseres Portfolios: 2008 und im ersten Halbjahr 2009 flossen rund 80 Mio. Euro von Dritten in unsere Portfolio-Firmen. Im Vergleich dazu hat der High-Tech Gründerfonds im selben Zeitraum rd. 36 Mio. Euro für Erstrundenfinanzierungen ausgegeben.

Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend trotz Krise fortsetzt. Ich rate jedem Gründer, jetzt antizyklisch zur allgemeinen Krisen-Stimmung zu gründen und sich mit Kapital vom High-Tech Gründerfonds, flankiert mit Fördermitteln für die ersten beiden Geschäftsjahre einzudecken.

Im Biotech-Branchenreport von Ernst & Young heißt es, dass das klassische Modell der Risikokapital-Finanzierung zunehmend in Frage gestellt werde wegen des hohen Kapitalbedarfs, der langen Finanzierung und des hohen Risikos. Bietet der High-Tech Gründerfonds überhaupt noch das passende Finanzierungsmodell für Biotech-Gründer?

Nicht alle Gründungen im Biotech-Bereich haben sehr hohe Kapitalbedarfe gepaart mit hohen Risiken. Wir müssen hier zwischen Medikamentenentwicklern und Dienstleistern mit einer Plattformtechnologie unterscheiden. Von 48 Life-Science-Unternehmen beim High-Tech Gründerfonds sind sieben mit der Entwicklung von Wirkstoffen beschäftigt, wovon zwei in 2008 Folgeinvestments von 3,5 Mio. Euro bzw. 5,0 Mio. Euro ‚geclost’ haben. Bei letzteren war der High-Tech Gründerfonds mit seinem Erstinvestment von 500.000 Euro ein idealer Partner für die Seedfinanzierung.

Vorausgesetzt wird, dass das Unternehmen eine Technologie hat, deren Machbarkeit im Prinzip nachgewiesen ist, dass bereits in der Seedphase neben uns weitere Investoren syndiziert sind und damit die Finanzierungsreichweite verlängert ist. Idealerweise bindet das Gründerteam von Anfang an einen erfahrenen Coach mit Erfahrung aus Industrie und/oder klinischer Entwicklung mit ein.

Sind Biotech-Gründer eine besondere Klientel, haben Sie Besonderheiten festgestellt?

Die Businesspläne von Biotech-Gründer sind in der Regel sehr gut durchdacht und geplant. Man merkt, dass sich die Gründer sehr lange mit dem Projekt und einer möglichen Unternehmensgründung auseinandergesetzt haben.
Der Schritt in die Selbstständigkeit wird im Bereich Biotech selten aus Mangel an Alternativen oder aus einer Notsituation heraus (z.B. aus der Arbeitslosigkeit) vollzogen, sondern ist eine bewusste, langfristig geplante Entscheidung, die von den Gründern gegen eine Karriere z.B. in Lehre und Forschung abgewogen wurde.

Außerdem stellen wir in unserem Portfolio fest, dass bei Life-Science-Gründungen - im Vergleich zu anderen Branchen wie z. B. dem Internet oder Software - die in den Businessplänen geplanten Kosten meist punktgenau eingehalten werden. Bei den Plan-Umsätzen sieht es leider nicht so aus: Über alle Branchen hinweg werden diese in den seltensten Fällen eingehalten.

Wie wirkt sich das auf Ihre Beratung/Entscheidungsfindung aus?

Aufgrund der vergleichsweise hohen Kapitalbedarfe, langen Entwicklungszeiten bis zum Produkt und dem immens hohen Risiko in der Biotechnologie, rate ich jedem Gründer, bereits bei der Akquise der Seedfinanzierung durch den High-Tech Gründerfonds schon an die Folgefinanzierung zu denken.

Dabei leisten wir mit unserem weitverzweigten und belastbaren Netzwerk in den privaten Kapitalmarkt (VC’s, Family Offices, strategische Investoren etc.) wertvolle Hilfestellungen und bieten den Unternehmen Pitches zur Präsentation bei Investoren an. Im Endeffekt gilt hier der Spruch aus dem Fußball: „Nach der Frühphasenfinanzierung ist vor der Folgefinanzierung“.

Was muss ein Biotech-Gründer haben, damit er von Ihnen eine Finanzspritze erhält?

Unternehmergeist und unternehmerisches Denken! Auch wenn die Markteinführung des Produktes noch in weiter Ferne liegt, sollte er wissen, wer die Kunden sind, welche Problemlösungen er ihnen zu welchem Preis in Zukunft anbietet und über welchen Vertriebskanal und mit welchem Marketing-Mix er seine Kunden erreichen will. Dies gilt auch für drug developer, die ab einer bestimmten klinischen Phase einen Pharma-Deal anstreben.

Ganz wichtig: Der Gründer muss den Mut haben, eigenes Risiko zu tragen. Wenn der High-Tech Gründerfonds investiert, erwarten wir, dass der bzw. die Gründer das ihnen gehörende IP in die Firma einlegen sowie einen Eigenanteil der Finanzierung mittragen. Das sind mindestens 10 Prozent unserer Finanzierungssumme bzw. mindestens 5 Prozent in den neuen Bundesländern.

Wie schnell wird eine Entscheidung über eine Beteiligung getroffen?

Wir haben uns intern das Zeitziel von zwei bis vier Monaten vom Erstkontakt mit dem Gründer bis zur finalen Beteiligungsentscheidung gesetzt. Zeitlicher Zielpunkt unseres Prüfprozesses (due diligence) ist die Sitzung unseres externen Investitionskomitees, welches etwa sechs Mal im Jahr tagt.
Dieses Komitee ist mit externen Experten aus der Industrie, Wissenschaft, dem Bankenbereich, der VC-Industrie und einem erfahrenen Unternehmer besetzt. Die Gründer präsentieren hier persönlich und erhalten direkt im Anschluss das Votum über die Beteiligung (siehe Grafik).
Im besten Fall kann der Gründer zwei bis drei Monate nach dem Erstkontakt zu uns mit der ersten Finanzierungstranche sein Unternehmen starten.

Wenn alles gut geht, kann der gründungswillige Biotech-Unternehmer schon vier Monate nach dem ersten Kontakt mit einer Finanzierungshilfe durch den High-Tech Gründerfonds rechnen. © HTGF

Bewerben sich viele Biotech-Gründer bei Ihnen? Ist die Nachfrage seit 2005 konstant?

Wir erhalten im Vergleich zu anderen Technologie-Sektoren wie z.B. Multimedia, Soft- und Hardware deutlich weniger Finanzierungsanfragen von Biotech-Gründern. Da die Businesspläne aber qualifizierter sind, haben Biotech-Gründer eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit eine Finanzierungszusage von uns zu erhalten.

Von unseren Finanzierungsanfragen stammen nur 15,4 Prozent aus dem Bereich Life Sciences (Biotech plus Medtech, weiße und grüne Biotech), aber diese machen knapp 30 Prozent unseres Portfolios aus (s. Grafik).Wir würden gerne mehr Unternehmen im Bereich Biotech und Cleantech finanzieren.

Das Life-Science-Portfolio des High-Tech Gründerfonds, Stand Ende März 2009. © HTGF

Wie viele Biotechs haben von Ihnen eine finanzielle Starthilfe bekommen?

Unser Life-Science-Portfolio setzt sich zusammen aus: sieben Unternehmen, die sich mit Medikamentenentwicklung beschäftigen, neun Biotechs mit einer Plattformtechnologie, acht Unternehmen aus dem Bereich Diagnostik sowie drei Unternehmen aus der weißen bzw. grünen Biotechnologie. Hinzu kommen 20 Unternehmen aus dem Bereich Medizintechnik, die das Life-Sience-Portfolio komplettieren.

Wie sind Sie mit deren Entwicklung zufrieden?

Mit der Entwicklung unserer Biotech-Investments sind wir äußerst zufrieden: In den knapp vier Jahren Fondslaufzeit haben wir erst einen Ausfall verzeichnet: Die präklinischen Studienergebnisse waren entgegen den Erwartungen negativ, also wurde das Projekt abgebrochen und das Unternehmen liquidiert. Bei allen anderen Biotech-Investments beobachten wir eine stabile Werterhaltung bzw. -entwicklung unserer Investments.

Gibt es die Möglichkeit, dass einmal finanzierte Gründer noch eine Anschlussfinanzierung erhalten, und wenn ja, unter welchen Umständen?

In der ersten Finanzierungsrunde beteiligen wir uns mit 500.000 Euro am Unternehmen. Parallel halten wir aber weitere 500.000 Euro zurück, die wir im Rahmen von Anschlussfinanzierungsrunden investieren können, um die Verwässerung unserer Anteile zu schützen. Das Unternehmen hat dann einen sogenannten Leadinvestor auf dem freien Kapitalmarkt gefunden, und der High-Tech Gründerfonds agiert dann als Co-Investor.

Die Fragen stellte Walter Pytlik, BioRegionUlm.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/wir-wuerden-gern-mehr-biotechs-finanzieren