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Wissenschaftsvermittlung braucht den humanen Bezug

In seinem Beitrag "Warum Wissenschaft nicht populär sein kann?" erklärt Wissenschaftshistoriker Ernst-Peter Fischer, dass die Bemühungen um die Vermittlung von Naturwissenschaften ein schwieriges Unterfangen darstellen. Michael Statnik sprach mit dem an der Universität Konstanz lehrenden Professor über Gründe und mögliche Wege, die Naturwissenschaften in der Zukunft wieder zugänglicher zu machen.

Herr Prof. Dr. Fischer, warum ist eine Popularisierung der Wissenschaft Ihrer Meinung nach fast ausweglos?

Schon Max Planck stellte 1919 fest, dass die reine Wissenschaft ihrem Wesen nach unpopulär sei, weil das geistige Schaffen ein eigenstes persönliches und privates Erlebnis ist und von einem Außenstehenden eine unglaubliche Konzentration und Spezialisierung erfordert, die ihm unverständlich bleiben muss. Wissenschaft bedarf vor allem einer präzisen Fachsprache und der Verwendung von exakten Bezeichnungen und Benennungen. Diese verlieren jedoch ihre spezifische Bedeutung oder werden verwischt, wenn der Wissenschaftler seine Arbeit bei einem populären Vortrag in einen allgemeinverständlichen Kontext bringt. Primär in ihren Begriffen steckt die Gedankenarbeit der Wissenschaft.

Können Sie ein bio- oder naturwissenschaftliches Beispiel für einen derartigen Qualitätsverlust innerhalb des Kommunikationsprozesses geben?

Prof. Dr. Ernst Peter Fischer (Foto: Fischer)
In vielen Popularisierungen der Lebenswissenschaften taucht das Wort „Eiweiß“ auf, wenn es um Proteine geht und man sich einfach ausdrücken möchte. Ein Wort, das nur aus gedanklicher Hilflosigkeit zu erklären ist und bloß dahin führt, dass durch seine Verwendung nichts mehr verstanden wird. Es heißt dann nicht, dass die chemischen Reaktionen in Zellen von biokatalytisch aktiven Proteinen in Gang gehalten werden, die als Genprodukte angefertigt werden. Stattdessen wird die wissenschaftliche Tatsache unterbreitet, dass es Eiweiße gibt, denen wir unser Atmen, Teilen oder Reagieren verdanken. Aber was begreift jemand von den raffinierten molekularen Möglichkeiten, die in den Proteinen stecken, wenn man ihn mit dem Begriff „Eiweiß“ befriedigt?
Viele Begriffe der Wissenschaft verlieren in der Öffentlichkeit ihre Bedeutung. Während „Beweis“ in der Mathematik mit viel Anstrengung und Mühe verbunden ist, nehmen sich die Verwendungen von „beweisen“ im Alltag schwächlich aus – etwa wenn ein Politiker seinem Gegner vorwirft, seine Behauptungen zur Steuerreform würden nur beweisen, dass er die Interessen irgendwelcher Klientel vertritt. Eine Popularisierung führt zu einer Blockierung des allgemeinen Verstehens.

Aber müssen komplizierte Sachverhalte in den modernen Naturwissenschaften nicht auf einfache Art und Weise erklärt werden, damit sie die breite Öffentlichkeit erreichen?

Einfach ja, das heißt aber nur „so einfach es geht“. Wissenschaft muss zwar schmackhaft gemacht werden, aber sie muss auch anspruchsvoll bleiben. Das erfordert natürlich gewisse Voraussetzungen von dem, der die Wissenschaft verstehen will. In den westlichen Gesellschaften herrscht jedoch ein wissenschaftliches Analphabetentum bei den Menschen, das in allen Umfragen immer wieder bestätigt wird. Wir haben keine Wissenskultur. Das Interesse an der Wissenschaft ist gering, sie wird häufig als etwas Langweiliges angesehen. Wenn ein Biologe oder Chemiker einen Nobelpreis erhält, wird das zumeist kommentarlos hingenommen. Eine Kritik, warum die Wahl gerade auf diesen Wissenschaftler gefallen ist und ob nicht ein anderer die Auszeichnung mehr verdient hätte, findet nicht statt. Es wird zu wenig hinterfragt und es fehlt zudem ein naturwissenschaftliches Forum. Eine Gesellschaft braucht jedoch gebildete Menschen, die das Gespräch zu wissenschaftlichen Inhalten nicht nur suchen, sondern auch genießen.

Warum haben Naturwissenschaften in den Medien nicht denselben Stellenwert und erhalten nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie zum Beispiel Politik, Sport oder Kultur?

Wünscht sich eine ausgeprägte Wissenskultur: Prof. Dr. Ernst Fischer (Foto: Statnik)
Einer der Unterschiede zwischen diesen Bereichen und der Naturwissenschaft liegt darin, dass letztere nicht tagesaktuell sein kann. Viele Menschen legen jedoch Wert auf Aktualität, und Forscher können keine täglichen Wasserstandsmeldungen über ihre Erkenntnisse liefern. Die Aussage, dass man womöglich oder sehr wahrscheinlich ein Mittel gegen Krebs gefunden hat, befriedigt viele nicht. In den Medien wirkt Wissenschaft neben den anderen Ressorts wie abgeschnitten, nie dazugehörend. Daneben wird von der Wissenschaft immer erwartet, dass sie sich rechtfertigt. Wissenschaftler sollten sich meiner Meinung nach ab und zu einen Maulkorb verpassen, so wie es auch Künstler tun. Viele Maler liefern ihre Kunstwerke ab und lassen schweigend ihre Werke sprechen.

Ist nicht auch der Wissenschaftsjournalismus schuld daran, dass viele naturwissenschaftliche Themen nicht den Zugang zur Gesellschaft finden?

Der Wissenschaftsjournalismus liefert den Menschen in vielen Fällen kein umfassendes Bild. Beim Thema Gentechnologie wird bei der Berichterstattung immer zu sehr der theologische und philosophische Aspekt in den Vordergrund gedrängt, der die Wissenschaft nicht selten mit einem negativen Image behaftet. DNA-/Genforschung wird zum großen Teil mit vielen Gefahren in Verbindung gebracht, da die Identifizierung mittels DNA-Proben den menschlichen Körper immer mehr öffentlich werden lässt. Dennoch sind die modernen Biowissenschaften auch eine große Chance, die Menschen für die Forschung zu interessieren, da die Entwicklungen ihren Alltag direkt betreffen. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die Menschen aufgrund eines nicht ausreichenden Kenntnisstandes so mancher Journalisten häufig falsch aufgeklärt werden. In der Vergangenheit wurde in vielen Berichterstattungen vor hierzulande produziertem, gentechnisch verändertem Honig gewarnt. Dabei ist die Erzeugung von Gen-Honig vom Gesetz her gar nicht möglich. Spuren vom veränderten Erbgut sind zwar vorhanden, jedoch darauf zurückzuführen, dass Bienen Pollen von Gentech-Pflanzen wie zum Beispiel Gen-Mais sammeln, der auf deutschen Ackern wächst. Darüber wird in so manchem journalistischen Beitrag nicht richtig informiert. Ein gebildeter Journalistenstaat wäre für die Zukunft wünschenswert.

Welche Anstrengungen müssten generell unternommen werden, um die Wissenschaft doch wieder mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu lenken? Wie sollten Naturwissenschaften in Zukunft kommuniziert werden?

Wichtig wäre es, das vorgefundene wissenschaftliche Ergebnis so darzustellen, das sein Kontext mit dem Lebensganzen erkennbar und der humane Bezug ersichtlich wird, an dem Menschen vor allem interessiert sind. Forscher müssen bei der Wissensübermittlung immer wieder mit einbringen, welchen Nutzen, welchen Sinn ihre Erkenntnisse und Untersuchungen für die Menschheit haben. Gleichzeitig ist Wissenschaft auch die Kunst, die geheimnisvolle Natur in mysteriöse Erklärungen zu verwandeln. Sie drückt die Wahrheit aus, so dass sie das Geheimnisvolle bewahrt. Um die Popularität der Wissenschaft zu steigern, bräuchte man eventuell "Wissenschaftsstars“, das heißt schlaue Köpfe, die nicht nur auf ihrem Gebiet Außerordentliches leisten, sondern auch rhetorisch und mit ihrer Ausstrahlung überzeugen können. Popularität bekommen komplizierte Dinge oft nur über Personen. Vielleicht müsste man diese Stars aber erst generieren. In dieser Hinsicht steht die Wissenschaft in der Gesellschaft eher anonym da. Darüber hinaus sollte Wissenschaft auch mal unterhaltsam und schwungvoll sein. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Wissenschaftskabarett?

mst – 18.07.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen zum Beitrag:
Prof. Dr. Ernst Peter Fischer
Diplomphysiker, Dr. rer. nat.
Professor für Wissenschaftsgeschichte
Universität Konstanz
D-78457 Konstanz
Tel.: + 49 (0)7531 61316
Fax: + 49 (0)7531 67279
E-Mail: epfischer@t-online.de



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