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Wirtschaftliche und technologische Perspektiven der baden-württembergischen Landespolitik bis 2020

Zusammen mit Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner, Wissenschaftsminister Prof. Peter Frankenberg und Wirtschaftsminister Ernst Pfister stellte Ministerpräsident Stefan Mappus am 22. Juli die Ergebnisse der Studie „Wirtschaftliche und technologische Perspektiven der baden-württembergischen Landespolitik bis 2020“ vor. Mit dem Gutachten waren McKinsey und das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen (IAW) vom Staatsministerium beauftragt worden. Die Studie mit einer aktuellen Situationsanalyse, der Herausarbeitung von vier Schwerpunktthemen und Empfehlungen zur Umsetzung wurde von Mappus als gute Basis für Entscheidungen der Landesregierung bezeichnet. Als Zukunftsthemen wurden unter anderem auch die Biotechnologie und die Medizintechnik identifiziert.

"'Innovationspolitik’ ist Kern unserer Politik." Ministerpräsident Stefan Mappus (2.v.l.) bei der Pressekonferenz mit Umweltministerin Tanja Gönner (l.) und Vertretern von McKinsey und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) © Staatsministerium Baden-Württemberg

"Unser künftiger Wohlstand hängt von der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft ab. ,Innovationspolitik’ ist Kern unserer Politik. Wir brauchen Antworten auf die Frage, wo unsere besten Wachstums- und Beschäftigungschancen in diesem Jahrzehnt liegen. Fundierte Entscheidungen brauchen einen längerfristigen Horizont, eine Richtschnur, wohin die Reise gehen soll“, erklärte Ministerpräsident Stefan Mappus am 22. Juli 2010 anlässlich der Präsentation der Ergebnisse eines von McKinsey & Company und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) erstellten Gutachtens.

Laut Gutachten verfügt Baden-Württemberg über eine hervorragende Ausgangssituation und zeichnet sich als Wirtschaftsstandort durch eine hohe technologische Leistungsfähigkeit aus.

Hervorragende Ausgangssituation - abgeschwächte Dynamik

„Mit rund 34.000 Euro liegt Baden-Württemberg gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Platz drei hinter Bayern und Hessen. Auch im internationalen Vergleich mit einer Gruppe von 13 ehrgeizigen und wachstumsstarken Benchmarkregionen liegt Baden-Württemberg im oberen Mittelfeld“, erklärte Dr. Detlev Mohr, Office-Manager McKinsey & Company Stuttgart. Gründe für die gute Ausgangssituation seien die hohe Exportorientierung, der starke Automobil- und Fahrzeugbau, die mittelständische Wirtschaft mit Stärken vor allem im Maschinen- und Anlagenbau und der Elektrotechnik sowie der hervorragende Forschungsstandort Baden-Württemberg.

McKinsey und das IAW Tübingen stellten in ihrer Analyse fest, dass sich die wirtschaftliche Dynamik in den letzten Jahren abgeschwächt hat. Dies wird von den Gutachtern sowohl durch geringeres Wachstum der Produktivität in Kernbranchen als auch durch geringeres Wachstum des Arbeitsvolumens, gemessen an Wochenarbeitszeiten und Erwerbstätigenquote, erklärt. „Baden-Württemberg hat als Wirtschafts- und Technologiestandort eine herausragende Ausgangssituation, wird sich aber weiter anstrengen müssen, diese zu behalten“, erklärte Dr. Mohr.

500.000 zusätzliche Arbeitsplätze bis 2020

Anhand von Modellrechnungen kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass ein Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg bis 2020 in der Größenordnung von 2,5 bis 3,0 Prozent pro Jahr liegen müsste, um die gute Position unter den Spitzenregionen zu halten. Ministerpräsident Mappus: „Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, an dem wir gemeinsam mit der Wirtschaft hart arbeiten müssen.“

Ein Wirtschaftswachstum in der genannten Höhe würde - so die Gutachter - bis 2020 rund 500.000 Arbeitsplätze von Ingenieuren, anderen Hochschulabsolventen und Facharbeitern voraussetzen und zugleich zusätzlich ermöglichen. „Dies bedingt aber auch, dass diese Fachkräfte gefunden oder ausgebildet werden. Das ist eine große Herausforderung für das Land, seine Unternehmen und Ausbildungsstätten. Die demographische Entwicklung wird die Zahl der Erwerbstätigen zurückgehen lassen und Fachkräfte werden schon heute vielerorts gesucht“, erklärte Dr. Bernhard Boockmann, wissenschaftlicher Geschäftsführer des IAW in Tübingen.

Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg, Wirtschaftsminister Ernst Pfister, Umweltministerin Tanja Gönner, Ministerpräsident Stefan Mappus sowie Vertreter von McKinsey und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) bei der Pressekonferenz
Ministerpräsident Mappus stellt Ergebnisse des Gutachtens „Wirtschaftliche und technologische Perspektiven der baden-württembergischen Landespolitik bis 2020“ vor. Als Zukunftsthemen wurden unter anderem auch die Biotechnologie und die Medizintechnik genannt. Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg, Wirtschaftsminister Ernst Pfister, Umweltministerin Tanja Gönner, Ministerpräsident Stefan Mappus sowie Vertreter von McKinsey und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) (v.l.n.r.) © Staatsministerium Baden-Württemberg

Das Fachkräfteangebot nachhaltig sichern

Um die zusätzlichen 500.000 Arbeitsplätze im Land zu schaffen, empfiehlt das Gutachten, „berufstätige Frauen bei der Erhöhung ihrer Arbeitszeit zu unterstützen“. Dies könne unter anderem durch die weitere Förderung von ganztägiger Kinderbetreuung geschehen. Im Bereich der beruflichen Bildung sollten die Abbrecherzahlen durch die Verstärkung des externen Ausbildungsmanagements und der Kompetenzagenturen gesenkt werden. Auch in den Studiengängen der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) an den Hochschulen sollten Maßnahmen zur Reduzierung der Abbrecherquoten ergriffen werden.

Daneben sollte das Land - so die Gutachter - das allgemeine Bildungsniveau erhöhen und, „aufbauend auf den Erfolgen der Vergangenheit, die Qualität der schulischen Bildung weiter steigern“. Hierzu könnte insbesondere die Stärkung der frühkindlichen Bildung beitragen. Schließlich sollte die Migration für Hochqualifizierte nach Baden-Württemberg erhöht werden. Hierzu könnten erleichterte Immigrationsregeln beitragen, insbesondere nach der Beendigung des Studiums im Land.

Wirtschafts- und Technologiepolitik auf Schwerpunktthemen fokussieren

Die Gutachter schlagen vor, die Wirtschafts- und Technologiepolitik des Landes stärker als bisher auf vier Schwerpunktthemen zu fokussieren:

  • Nachhaltige Mobilität
  • Umwelttechnologie und Ressourceneffizienz
  • Gesundheit und Pflege sowie IT in Produkten (Embedded Systems, also zum Beispiel Airbagsteuerungen oder intelligente Operationswerkzeuge)
  • IT-Dienstleistungen.

Zusammenfassend könnte - so die Gutachter - die Förderung der vier Schwerpunktthemen zu einer zusätzlichen jährlichen Bruttowertschöpfung von etwa 50 bis 80 Milliarden Euro bis 2020 beitragen. Die Gutachter betonten, dass die Fokussierung auf die vier Schwerpunktthemen keineswegs bedeute, dass der Rest der baden-württembergischen Wirtschaft unwichtig sei.

Nachhaltige Mobilität

Die Automobilindustrie sei - so die Gutachter - der große Wachstumstreiber der vergangenen Jahre gewesen. Die Frage der Sicherstellung einer nachhaltigen Mobilität werde auch für die Zukunft des Landes eine entscheidende Rolle spielen: Effizientere Verbrennungsmotoren, Hybrid- und Elektrofahrzeuge sowie intelligente Verkehrssysteme stellen die wichtigsten Wachstumskerne dar.

Eine Empfehlung der Gutachter lautet, das Thema Nachhaltige Mobilität in einer Organisation zu bündeln, die die vielen Akteure in diesem Bereich koordiniert, einen einheitlichen Markenauftritt erzielt und Forschung und Wirtschaft noch stärker zusammenführt. Wirtschaftsminister Pfister: „Mit der Gründung der e-mobil BW GmbH, der neuen Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie, haben wir bereits einen großen Schritt in diese Richtung beschritten. Hier ist vor allem auch die enge Zusammenarbeit z.B. mit dem landesweiten Netzwerk automotive-bw vorgesehen und ganz entscheidend.“

Umwelttechnologie und Ressourceneffizienz

„Technik, die die natürlichen Ressourcen schont und die Umwelt möglichst wenig belastet, wird einer der Erfolgsfaktoren für Industrieunternehmen im kommenden Jahrzehnt sein“, so Nelson Killius, Partner von McKinsey & Company.

„Im Umwelttechnologie-Bereich und dem Themenfeld Ressourceneffizienz liegen mit geschätzten 30 bis 45 Milliarden Euro Zuwachs der jährlichen Wertschöpfung bis 2020 die größten Wachstumschancen. Daher hat die Landesregierung auch bereits beschlossen, eine Landesinitiative Umwelttechnik und Ressourceneffizienz zu entwickeln und ein Umwelttechnik- und Innovationszentrum einzurichten. Hier sind wir auf einem sehr gutem Weg", sagte Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner. Baden-Württemberg hat sich in seinem Energiekonzept 2020 auf das 20%-Ziel erneuerbarer Energien im Energiemix festgelegt und ist auch in der Umsetzung schon erfolgreich.

Zur Steigerung von Rohstoff- und Materialeffizienz kann laut Gutachten zum Beispiel der Einsatz weißer Biotechnologie hilfreich sein. Denn diese erlaubt in der Produktion den Verzicht auf klassische Rohstoffe. Bei den erneuerbaren Energien sind die höchsten Wachstumsbeiträge insbesondere aus der Solarenergie, der Windenergie (vor allem Offshore-Windparks) und in der Biomasseverbrennung zu erwarten.

Gesundheit und Pflege

Sowohl die weltweite demografische Entwicklung als auch die fortschreitenden Möglichkeiten in Diagnostik und Behandlung machen laut McKinsey und IAW Gesundheit und Pflege zu einem Kernthema des kommenden Jahrzehnts und darüber hinaus: Neue Medikamente, Technologien für innovative Behandlungsverfahren, neue Materialien sowie IT-Lösungen zur effizienteren Verwaltung und qualitativ hochwertige Konzepte zur Pflege seien Wachstumskerne. „Den Gesundheits- und Pflegebereich sehe ich als dynamischen Beschäftigungsmotor im Land“, erklärte Ministerpräsident Mappus. In wissenschaftlich-technologischer Hinsicht zählt Baden-Württemberg laut Gutachten auf Grund seiner leistungsstarken Forschungslandschaft zu den Spitzenstandorten im Themenfeld Gesundheit. Hier könnten sich nach Meinung der Gutachter zwei Wachstumskerne herausbilden: individualisierte Medizin und neue Medikamente. Als Zukunftsthemen wurden des Weiteren genannt: Medizintechnik mit minimalinvasiver Chirurgie (MIC) bzw. computergestützter Chirurgie (Computer-assisted Surgery, CAS) und Nanomedizin, Tissue Engineering, Intelligente Implantate.

Baden-Württemberg ist einer der führenden deutschen Standorte im Bereich Medizintechnik. In Tuttlingen ist das weltweit größte Cluster von Unternehmen aus dem Bereich chirurgischer Instrumente angesiedelt. Im Bereich Tissue Engineering ist Baden-Württemberg laut einer Studie von CapGemini Deutschland GmbH ebenfalls führend. Um ihre führende Position zu behaupten, steht laut McKinsey die Medizintechnik vor der Herausforderung, stärker branchenübergreifend zu kooperieren, vor allem mit jungen Unternehmen aus dem Bereich der Biotechnologie.

"Auch die Erforschung von Biomaterialien und Bio- und Zelltechnologien wurden als für die Medizintechnik wichtige Schlüsseltechnologien identifiziert, denen eine steigende Bedeutung zukommt. Baden-Württemberg hat hier bereits eine Vorreiterrolle in Deutschland. Diese kann auch in anderen Bereichen ausgebaut werden, indem neue Technologien weiteren etablierten Branchen (z.B. Metallverarbeitung, Maschinenbau) helfen, neue Produkte zu entwickeln und ihren Absatz auszubauen." So lautet in dem McKinsey-Gutachten eine der Konsequenzen für die Industrie.

Die Empfehlung von McKinsey im Themenfeld Gesundheit: "Die dargestellten Wachstumskerne innerhalb des Themenfelds Gesundheit basieren insbesondere auf den Schlüsseltechnologien der Nanotechnologie, der Biotechnologie und der Mikrosystemtechnik einerseits sowie aus immer leistungsfähigeren Informations- und Kommunikationstechnologien andererseits. Hier gilt es, den Informationsaustausch an diesen Schnittstellen adäquat zu fördern."

IT in Produkten (Embedded Systems) und IT-Dienstleistungen

Schon heute seien Informations- und Kommunikationstechnologien aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, so die Gutachter. Dieser Trend werde sich fortsetzen. Wachstumsfelder seien der IT-Service-Bereich, IT in Produkten und neue durch IT ermöglichte unternehmensnahe Dienstleistungen.

Die Rahmenbedingungen für zukünftiges Wachstum verbessern

„Der Wissens- und Technologietransfer zwischen Forschung und Unternehmen sollte noch reibungsloser laufen“, erklärte Dr. Boockmann vom IAW. Hier schlagen die Gutachter zum Beispiel eine einheitliche Anlaufstelle für den Technologietransfer im Land, insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen, vor.

Ebenso wird empfohlen, dass das Land in Forschung und Ausbildung die vier genannten Schwerpunktthemen bevorzugt fördern sollte, z.B. durch die Stärkung der Bedeutung von Elektronik, Elektrochemie sowie softwaregesteuerter Komponenten im Automobil- und Maschinenbau, aber auch Nano- und Biotechnologie sowie Mikrosystemtechnik in Gesundheit und
Pflege. Hierzu führte Wissenschaftsminister Frankenberg aus, dass „diese Schwerpunktthemen für die wirtschaftliche Entwicklung Baden-Württembergs zweifellos von zentraler Bedeutung sind, dies aber dennoch nicht zur Vernachlässigung anderer Forschungsthemen, vor allem der Grundlagenforschung führen dürfe“. Gerade hier werde oft durch wissenschaftliche Erkenntnissprünge die Basis für wirtschaftliche Dynamik gelegt.

Im Bereich Clusterförderung wird empfohlen, die Förderpolitik und bestehende Cluster auf die vier Schwerpunktthemen zu fokussieren, kleine und mittelständische Unternehmen aktiv in die Cluster zu integrieren sowie kleine, regional orientierte Cluster zu bündeln.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/pm/wirtschaftliche-und-technologische-perspektiven-der-baden-wuerttembergischen-landespolitik-bis-2020