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Memorandum zur Grünen Gentechnik

Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland fordern verlässlichere rechtliche und politische Rahmenbedingungen und ein aufgeschlosseneres gesellschaftliches Klima, um die Chancen der Grünen Gentechnik besser nutzen zu können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) stellten dazu am 13. Mai in Berlin ein gemeinsames Memorandum vor, das die Situation der Forschung zur Grünen Gentechnik in Deutschland in den Mittelpunkt rückt. Ein Monat zuvor war von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in Deutschland der Anbau der Genmais-Sorte MON 810 verboten worden.

Die Forschungen auf dem zukunftsträchtigen Gebiet der Grünen Gentechnik würden durch sachfremde politische Entscheidungen wie beim aktuellen Verbot des Genmais-Anbaus und durch die rechtswidrigen Zerstörungen von Freilandversuchen immer stärker beeinträchtigt. "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und mittelständischen Unternehmen sehen sich deshalb zunehmend gezwungen, ihre Forschungsvorhaben im Bereich der Grünen Gentechnik einzuschränken oder ganz aufzugeben. Es besteht die Gefahr, dass damit in Deutschland eine wichtige Forschungsrichtung verloren geht", kritisieren DFG und DLG.

Das Memorandum ("Forschung in Freiheit und Verantwortung"), das auf Initiative der DFG-Senatskommission für Stoffe und Ressourcen in der Landwirtschaft und der DLG entstanden ist, ruft mit Nachdruck zu einer Umkehr auf. "Politik und Gesellschaft sollten ein hohes Interesse daran haben, dass Deutschland auch in der Forschung zur Grünen Gentechnik wieder eine Spitzenposition einnimmt und so seiner Verantwortung in der internationalen Gemeinschaft gerecht werden kann." Nur so ließen sich die enormen Potenziale der Grünen Gentechnik für eine ausreichende Versorgung der Menschheit mit gesunden Nahrungsmitteln, für eine umweltfreundliche Energieerzeugung und für die Bewältigung des Klimawandels nutzen.

Forschung in Freiheit und Verantwortung

Prof. Dr. Nüsslein-Volhard, Prof. Dr. Kleiner, Carl-Albrecht Bartmer und Dr. Oetker auf der Pressekonferenz in Berlin © DLG

Der Präsident der DFG, Professor Matthias Kleiner, betonte bei der Vorstellung des Memorandums die Bedeutung der Grundlagenforschung für die Nutzung der Grünen Gentechnik. Zugleich sprach sich Kleiner für mehr Freilandversuche aus. Die Wissenschaft sei in einer besonderen Verantwortung, wenn es um die Beurteilung der Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik und vor allem um die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen gehe. Dem hohen Verantwortungsbewusstsein müsse jedoch ein ebensolches Maß an Freiheit entsprechen.

DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer verwies mit Blick auf das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung auf die Notwendigkeit, die Flächenproduktivität im Ackerbau zu erhöhen. Dies sei dringend erforderlich, da die weltweit verfügbaren, fruchtbaren Agrarflächen nur unwesentlich vermehrt werden könnten und deren Ertragsfähigkeit sich durch klimatische Effekte verändern würde.

Die Tübinger Entwicklungsbiologin und Medizin-Nobelpreisträgerin Professor Christiane Nüsslein-Volhard äußerte sich bei der Vorstellung des Memorandums besorgt über die Folgen der aktuellen politischen Entscheidungen zur Grünen Gentechnik für den Forschungsstandort Deutschland. Vor allem das Verbot der Freisetzung von Genmais setze "ein erschreckendes Signal". Die Begründung des Freisetzungsstopps beruhe auf wirklichkeitsfremden Tests, kritisierte die Wissenschaftlerin. Dagegen gebe es zahlreiche Untersuchungen, die von der EU, der DFG und dem Bundesforschungsministerium gefördert worden seien und keine Gefährdung von Mensch und Natur durch Genmais festgestellt hätten.
Nun sei zu befürchten, dass sich viele innovative Forscher von Deutschland abwenden. Nach Ansicht der Nobelpreisträgerin ähnelt die heutige Situation der Grünen Gentechnik der Gentechnik in der Medizin vor 25 Jahren. Auch in dieser Anfangsphase der Roten Gentechnik hätten nach irrationalen politischen Entscheidungen viele Forscher Deutschland verlassen und Pharmakonzerne Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. "Inzwischen ist bei der Anwendung der Gentechnik in der Medizin Vernunft eingetreten. Aber statt aus den Fehlern zu lernen, werden sie wiederholt", kritsierte Nüsslein-Volhard.

"Deutschland ist auf Innovationen angewiesen und lebt von Hochtechnologieprodukten sowie vom schnellen Transfer von Forschungsergebnissen aus der Wissenschaft in die Wirtschaft". Darauf verwies Dr. Arend Oetker. Gleichzeitig machte der Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft deutlich, dass in der "Hightech-Strategie für Deutschland" Innovations-Know-how aus Wirtschaft und Wissenschaft gebündelt werde. Ein schnellerer Transfer in die Praxis und bessere Produkte wären die Folge. Strategien zur Verbesserung der deutschen Position im Verhältnis zur internationalen Konkurrenz seien entscheidende Grundlagen für das wirtschaftliche und soziale Wohlergehen Deutschlands.
Die Verhinderung des Praxiseinsatzes der Grünen Gentechnik sowie die von vielen Politikern geschürten Vorbehalte und Ängste gegenüber der Grünen Gentechnik würden diese Anforderungen an Innovationen in beträchtlichem Maße konterkarieren. Für ihn ist mit Blick auf die breite Öffentlichkeit Aufklärungsarbeit essenziell.

Zukunfts-Aussichten im Bereich der Grünen Gentechnik

Eine ausreichende Versorgung der Menschheit mit gesunden Nahrungsmitteln, umweltfreundliche Energieerzeugung und Bewältigung des Klimawandels - das sind die Themen, die die zukünftige Entwicklung auf unserem Globus maßgeblich bestimmen. Immer mehr Menschen müssen von einer nicht vermehrbaren Landfläche leben. Ohne eine nachhaltige Steigerung der Produktivität landwirtschaftlicher Nutzflächen werden die vor uns liegenden Herausforderungen nicht zu meistern sein.

Zur nachhaltigen Steigerung der Flächenproduktivität sind zahlreiche Maßnahmen notwendig. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist der züchterische Fortschritt bei den landwirtschaftlichen Kulturpflanzen. Neben den klassischen Methoden der Pflanzenzüchtung bieten moderne Instrumente der Grünen Gentechnik wichtige Potenziale für eine nachhaltige Produktivitätssteigerung.
Daher können wir es uns nicht leisten, auf Forschung in der Grünen Gentechik zu verzichten. Forschung jedoch braucht verlässliche Rahmenbedingungen, damit die Forschenden ihre Verantwortung in der Kette "Forschung - Entwicklung - Innovation" wahrnehmen können und ein rationaler Umgang mit dieser Technologie möglich ist.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und mittelständischen Unternehmen sehen sich zunehmend gezwungen, ihre Forschungsvorhaben im Bereich der Grünen Gentechnik einzuschränken oder ganz aufzugeben. Es besteht die Gefahr, dass damit in Deutschland eine wichtige Forschungsrichtung verloren geht.

Politik und Gesellschaft sollten ein hohes Interesse daran haben, dass Deutschland auch in der Forschung zur Grünen Gentechnik wieder eine Spitzenposition einnimmt und so seiner Verantwortung in der internationalen Gemeinschaft gerecht werden kann.

DFG und DLG fordern die maßgeblichen Entscheidungsträgerinnen und -träger in Politik und Gesellschaft auf, für die oben genannten Punkte einzutreten, den wissenschaftsbasierten Dialog voranzutreiben und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Forschung in Freiheit und Verantwortung ermöglicht wird.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/pm/memorandum-zur-gruenen-gentechnik/?prn=1