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38. Umwelttagung der Universität Hohenheim

Der aktuelle Boom von Energiepflanzen darf nicht zulasten von Ernährungssicherung und Umwelt gehen: So lautete das Credo auf der Pressekonferenz zur 38. Umwelttagung von der Universität Hohenheim und der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg. Bis zum frühen Abend diskutierten über 130 Experten aus Wissenschaft, Politik und NGOs verschiedene Wege dorthin und offene Fragen mit weiterem Forschungsbedarf. Das Motto der Fachtagung: „Im Spannungsfeld zwischen Energie, Ernährung, Klimaschutz und Biodiversität: Biomasseerzeugung nachhaltig entwickeln“.

In Baden-Württemberg nimmt Biomasse mit 71,7 % Anteil am Endenergiebeitrag aller erneuerbaren Energien (Jahr 2010) noch eine führende Stellung unter den Erneuerbaren Energien ein. Nicht nur Wind- und Sonnenenergie sowie Wasserkraft sind vielversprechende Methoden zur umwelt- und klimafreundlichen Energieversorgung, auch Biomasse ist heutzutage ein wichtiger und vielseitiger Energieträger. Doch: die momentanen Anbausysteme für Energiepflanzen – vor allem Mais – verursachen eine Reihe von Nachteilen, unter anderem die Auslaugung der Böden und negativen Einfluss auf die Artenvielfalt.

Gleichzeitig stehe der zunehmende Anbau von Energiepflanzen immer mehr in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, bekräftigen Referenten auf dem Umwelttag. Dies gelte vor allem in Entwicklungsländern. Die Lage verschärfe sich, da der Import von Biomasse aus solchen Ländern aufgrund geringerer Umweltstandards und der Übernutzung humaner und ökologischer Ressourcen meist ökonomisch günstiger als der Biomasseanbau in der EU sei. Spätestens seit der Ernährungskrise 2008 mit über 1 Mrd. hungernder Menschen sei deutlich geworden, dass sich die Hoffnungen in den Agrarrohstoffsektor nicht bestätigen und die rasante Entwicklung Kehrseiten hat, die uns vor große Herausforderungen stellt. Allein 2007 wurden fast 100 Mio. Tonnen Getreide (5 % der weltweiten Nachfrage) vom Lebensmittelmarkt abgezogen und für den Energiebedarf verwendet.

Universität Hohenheim besitzt hohes Potenzial zur Problemlösung

„Die Herausforderung ist hoch“, erklärte Claus-Peter Hutter, Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg. Allerdings biete gerade die Universität Hohenheim die besondere Chance, die Forschungsergebnisse und Erfahrungen im Konfliktfeld Landnutzung für die Ernährungssicherung einerseits und der Energievorsorge anderseits auszutauschen. Eine besondere Aufgabe stellt nach Hutter dabei die Ausrichtung auf eine nachhaltige Produktion und die dafür nötige Wissensvermittlung dar.

„Es ist gerade diese Herausforderung, der wir uns in besonderem Maße stellen wollen“, pflichtete der Rektor der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Hans-Peter Liebig bei. Dank ihrem besonderen Forschungsprofil sei die Universität Hohenheim bundesweit dafür am besten aufgestellt: „Die Schwerpunkte Nachhaltigkeit, Ernährungssicherung, Bioenergie und Klimawandel gehören zu den traditionellen Säulen der Forschung an der Universität Hohenheim. Ausdruck finden sie unter anderem in drei wissenschaftlichen Zentren: dem Tropenzentrum, dem Food Security Center und dem Zentrum für Bioenergie und Nachwachsende Rohstoffe, an denen sich insgesamt rund 70 Professoren engagieren.“

Effizientere Anlagen, alternative Energiepflanzen und zertifizierter Import werden gefordert

Nach wie vor besitze Biomasse ein ausbaufähiges Potenzial. Um die Nachhaltigkeit zu erhöhen sei es allerdings notwendig, die Effizienz der Anlagen zu verstärken, heißt es im Diskussionspapier der Umwelttagung.

Hier leisten die Forschungsbiogasanlage der Universität Hohenheim und das Zentrum für Bioenergie und nachwachsende Rohstoffe Pionierarbeit. Nach Hohenheimer Forschung können sowohl die direkte Stromgewinnung aus Biogas in Kraft-Wärme-Kopplungs (KWK)-Anlagen als auch die Nutzung von Biogas, das zu Biomethan aufbereitet wird, zur Reduktion des Treibhauspotenzials beitragen. Die Biogaserzeugung in Gülleanlagen besitzt die Zusatzvorteile, dass so eine mögliche Eutrophierung oder Versauerung von Boden und Gewässern durch Gülle verringert wird. Hierbei ist insbesondere die Sonderstellung der Biogasproduktion in kleinen Gülleanlagen zu beachten, die – bei geschlossenen Gärrestlagern – erhebliche Mengen an klimarelevanten Emissionen aus der konventionellen Güllelagerung (in offenen Lagerbehältern) vermeidet und deshalb im Vergleich zu anderen NawaRo-Anlagen ein deutlich erhöhtes Einsparpotenzial zeigt.

Ein Ansatz für eine nachhaltige Biomasseproduktion in Baden-Württemberg seien zum Beispiel Wildpflanzenmischungen, welche die bisher vor allem durch Mais geprägte Biogasproduktion ergänzen. Durch solche Wildpflanzenmischungen ließen sich Mais-Monokulturen vermeiden und die Artenvielfalt fördern. Um die Barriereeffekte für Wildtiere bei großflächigen Monokulturen zu minimieren, gilt es Schneisen anzulegen, welche auch einen neuen Lebensraum für etwa Feldlerchen und eine Durchgängigkeit für viele wandernde Säugetiere wie Feldhasen bieten.

Mit Blick auf den globalen Handel seien verbindliche Standards für importierte Biokraftstoffe und flüssige Brennstoffe und entsprechende Zertifikate erforderlich, um das Spannungsfeld zwischen ausreichender Nahrungsmittelproduktion mit der zunehmenden Nachfrage nach Energie zu entschärfen, so eine weitere Forderung, welche die Wissenschaftler und Praktiker bei der Tagung gefasst haben.

Glossar

  • Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein Stück markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.
  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
  • Die Vielfalt von auf der Erde vorkommenden Lebewesen und den unterschiedlich vorkommenden Ökosystemen wird als Biodiversität bezeichnet. Biodiversitätsforschung beschäftigt sich mit dem Einfluss der in einem speziellen Ökosystem vorkommenden Lebewesen auf die Umwelt.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/pm/38-umwelttagung-der-universitaet-hohenheim/