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Impressionen von der BIO International Convention 2013 in Chicago

Eine Messe wird 20, ein Industrie erwachsen. Wo steht die BIO heute? Die belegte Fläche in der Messehalle ist kleiner, die Konferenz geprägt von allgemeinen Themen und Trends, das Partnering wichtigster und unverzichtbarer Baustein. Die Goldgräber-Stimmung von einst ist einem routinierten Selbstbewusstsein über die wirtschaftliche Bedeutung der Biotechnologie gewichen. Erstaunlich aus europäischer Sicht: Die gesellschaftlichen Diskussionen zur Grünen Gentechnik sind auf der BIO angekommen. Generell betonten viele Sprecher, dass die Biotechnologie nicht mehr nur technologisch erklärt werden müsse, sondern die Kommunikation über den Wert der Biotechnologie-Forschung intensiv geführt werden müsse.

Jim Greenwoood bei seiner Festrede zu 20 Jahre Bio International Convention © BIOPRO/bjo

Das neue Selbstbewusstsein dokumentiert Jim Greenwood, Präsident und Geschäftsführer der BIO, in seiner Rede: „Es ist kaum zu glauben, aber in diesem Jahr wird die BIO International Convention tatsächlich 20 Jahre alt. Und wir feiern 20 Jahre Innovation, Chancen und Wachstum durch eine Industrie, deren Ziel es ist, einen Beitrag zur Gesundheit, Energieversorgung und Ernährung der Welt zu leisten. Klein und übersichtlich gestartet – weniger als 1500 Menschen nahmen an der ersten BIO Convention 1993 in Boston teil – hat sich die Messe zum weltweit größten und einflussreichsten Biotechnologie-Treffen entwickelt, mit mehreren Tausend Vertretern der Biotech-Industrie aus über 4000 Unternehmen und 65 Ländern. Die Entwicklung der Messe spiegelt die Entwicklung der Biotechnologie-Branche wider. Heute haben wir mehr als 200 zugelassene Biotech-Medikamente und Impfstoffe für Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose und viele andere. 17,3 Millionen Landwirte in 28 Ländern bauen Biotech-Pflanzen an und tragen so dazu bei, den Hunger der Welt zu stillen. Biokraftstoffe und Chemikalien aus nachwachsenden Rohstoffen helfen, unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und unterstützen den Aufbau einer nachhaltigen Bioökonomie.“

Solide Biotech-Branche

Baden-Württembergische Mittelständler wie Vetter oder Rentschler präsentierten sich 2013 auf der BIO in Chicago. © BIOPRO/R.Kindervater

Beeindruckende Zahlen lieferte auch G. Steven Burrill in seiner Präsentation: Es gibt mehr als 10.000 Biotech-Unternehmen weltweit, die etwa 1000 Produkte auf den Markt gebracht haben und etwa 3,8 Millionen Jobs weltweit geschaffen haben. Trotzdem bleiben große Fragen für die Biotechnologie-Unternehmen, auf die es keine einfachen Antworten geben wird. Wer soll für die Gesundheitsversorgung bezahlen und wer über den Zugang zur Pflege entscheiden? Wie bringen wir individuelle Verantwortung und gesamtgesellschaftliche Kosten ins Gleichgewicht? Sollen Sicherheit und Wirksamkeit die einzigen Kriterien für eine Zulassung bleiben, oder sollen auch Kosten berücksichtigt werden? Was bedeutet Innovation heute? Wie bestimmen wir Nutzen? Zusammengefasst müssen wir aus einer Kostendebatte aussteigen und in eine Nutzendebatte einsteigen. Hierfür muss Big Pharma neue Antworten liefern. Burrill schlägt eine Abkehr von der Blockbuster-Strategie vor und eine Kostenreduktion bei den klinischen Studien und im Marketing.

BIO Trends

Wie schon im vergangenen Jahr sind die Vertreter der BIOPRO Baden-Württemberg auch 2013 als Trendscouts und Netzwerker auf der BIO International Convention in Chicago unterwegs. Anbei finden Sie eine bunte Zusammenstellung der Themen und Trends, die wir für Sie entdeckt haben.

We heal...

Keynote Lucheon mit Diskussionsrunde mit den "Forbes 30 under 30"-Preisträgern © BIOPRO/R. Kindervater

Im Gesundheitsbereich wurde über die Auswirkungen der neuen Auslegung der Patentgesetze in den USA berichtet. Nicht mehr patentierbar sind Entdeckungen, Naturgesetze und –phänomene. Diese neue Auffassung hat erhebliche Auswirkungen auf die Patentierbarkeit von Biomarkern und damit auf die personalisierte Medizin. Im letzten Jahr hat in den USA besonders das Verfahren Mayo Collaborative Services v. Prometheus Labs., Inc. (Supreme Court 2012) aufsehen erregt. Prometheus hatte ein Verfahren angemeldet, bei dem die Konzentration bestimmter Metabolite im Blut korreliert wurde mit der Wahrscheinlichkeit, dass eine Gabe von Thiopurin-Medikamenten unwirksam oder sogar schädlich sein wird. Das Verfahren basiert nach letzter Rechtsprechung des Supreme Court auf einem nicht patentierbaren Naturgesetz (s. Link oben rechts: "Mayo v. Prometheus: Natural Process + Known Elements = Normally No Patent").

Ein weiterer Fall, der in diesem Zusammenhang zitiert wurde, war die Ablehnung des Patents von PerkinElmer auf eine Down-Syndrom-Diagnostik, da im Moment keine Therapie verfügbar ist. Es wurde allerdings betont, dass die europäische und US-amerikanische Rechtsprechung sich hier unterscheiden. In der EU ist die Regelung vorteilhafter für die Biotechnologie-Branche.

Das Partnering steht für viele Unternehmen im Mittelpunkt der BIO. © BIOPRO/R.Kindervater

Ansonsten macht man sich in den USA eher Sorgen um Europa: Unter dem Titel „Sparpolitik oder Wachstum – braucht auch die europäische Life Sciences bald einen Rettungsschirm?“ diskutieren Branchenvertreter über die Auswirkungen der Krise in Europa auf die Wettbewerbsfähigkeit der biopharmazeutischen Industrie. Viele europäische Regierungen sahen sich gezwungen, mit scharfen Sparmaßnahmen wie Preisbeschränkungen und Zwangsrabatte den Kollaps der Gesundheitsversorgung zu verhindern. Bei Unternehmen, die Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung von neuen Medikamenten stecken, führt dies zu schweren und unkalkulierbaren Belastungen. Langfristig werden die Europäer deshalb deutlich schlechteren oder gar keinen Zugang zu neuen Therapien haben, so lautete die Prognose. Die Forderung, die Evidenz von neuen Therapien nachzuweisen, wird aber nicht nur in Europa sondern weltweit zunehmen. Pharmaunternehmen wie Lilly werden mit neuen Produkten in die „emerging countries“ und Entwicklungsländer gehen, die ein stärkeres Wachstum ermöglichen. Und hier tauchte die Forderung nach besserer Kommunikation das erste Mal auf: Um dem Preisdruck, der sich weltweit und nicht nur in Europa verschärfen wird, etwas entgegensetzen zu können, müssen die Pharma- und Biotech-Unternehmen den Dialog mit der Politik aktiv suchen, von ihrem Image als Kostentreiber loskommen und sich mehr als Partner und Problemlöser etablieren.

...fuel...

In vielen Panels wurde über Biokraftstoffe diskutiert. Eines der interessantesten war über synthetische Biologie und deren Einsatzmöglichkeiten im biologischen Schadstoffabbau, zur Chemikalienherstellung oder zur Erzeugung von Biokraftstoffen. Vorgestellt wurden aber eher Methoden und Verfahren aus der Systembiologie. Der Workflow besteht aus drei Schritten: 1. Charakterisieren und Verstehen, 2. Planen und Simulieren, 3. Zusammensetzen und Optimieren. Als praktisches Beispiel wurde die Herstellung von Biokraftstoff der zweiten Generation aus Cellulose und Hemicellulose durch einen Enzymcocktail dargestellt. Auch eine Gründung im Bereich der synthetischen Biologie verdient Aufmerksamkeit: Die Firma Ginkgo BioWorks ist aus dem iGEM-Wettbewerb entstanden und bietet Dienstleistungen beziehungsweise eine Art FabLab für synthetische Biologie an. Einen tollen Übersichtsartikel zur synthetischen Biologie und zum Unternehmen gibt es von Alexandra Witze unter dem Titel „Factory of Life - Synthetic biologists reinvent nature with parts, circuits" (s. Link oben rechts).

Der deutsche Pavillon und der kanadische Pavillion sind Nachbarn in der Messehalle. In Hintergrundgesprächen wurden neue Kontakte zwischen der BIOPRO Baden-Württemberg und der kanadischen LSO (Life Sciences Ontario) geknüpft, um die Partschaft beider Regionen weiter zu etablieren. © BIOPRO/R.Kindervater

...and feed the world.

Biomeva, Heidelberg, nahm am Standpartnering teil. © BIOPRO/R.Kindervater

Gleich am ersten Messetag war der Food-Dialogues Chicago zu Gast auf der BIO und diskutierte über “The Straight Story on Biotech In Agriculture: The Media and its Impact on Consumers”. Hier wurden alle auch in Deutschland diskutierten Argumente ausgetauscht und das Ergebnis war wie das Hornberger Schießen: Landwirtin Pam Johnson fasste zusammen, dass der Dialog über Sinn und Unsinn von GMO nicht angstgetrieben, sondern wissenschaftsbasiert geführt werden müsse. Außerdem sei in einem großen Land wie den USA genug Platz für alle: für Großfarmer, für kleine Bauerhöfe, für konventionellen, GMO- und für biologischen Anbau. „Wir brauchen alle, um die Welt zu ernähren“, erklärt Johnson.

Ansonsten wurden in den diversen anderen Panels auf der BIO zum Thema „feed the world“ aber vor allem die Segnungen des GMO-Anbaus erläutert.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/pm/impressionen-von-der-bio-international-convention-2013-in-chicago/