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Interview-Zweiteiler Teil 1 | Prof. Dr. Regina Birner zur Debatte um Grüne Gentechnik

Agrarökonomin Birner fordert neue Dialogformate jenseits organisierter Interessengruppen

An Grüner Gentechnik scheiden sich hierzulande weiterhin die Geister. Das scheint auch für CRISPR/Cas und andere Genome-Editing(GE)-Techniken zu gelten. Welche Folgen hat das für die Bioökonomie, die in wesentlichen Bereichen auf Biotechnologie setzt? Wir haben die Agrarökonomin Prof. Dr. Regina Birner (Jg. 1965) dazu befragt. Die Leiterin des Lehrstuhls "Sozialer und institutioneller Wandel in der Landwirtschaftlichen Entwicklung" am Institut für Agrar- und Sozialökonomie in den Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim forscht zu den Herausforderungen der globalen Ernährungssicherung und der nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklung. Birner gehörte dem Bioökonomierat der Bundesregierung an, dessen Amtszeit im Juli endete, und ist in nationalen und internationalen Gremien beratend tätig.

Der Begriff der Bioökonomiehat sich gewandelt. Inwiefern? 

Agrarwissenschaftlerin und Bioökonomierätin Prof. Dr. Regina Birner © Universität Hohenheim

Ursprünglich stand die Substitution fossiler durch biologisch erzeugte Rohstoffe im Vordergrund. Da waren die Ölpreise hoch, die Ölvorräte wurden als begrenzt eingestuft („Peak Oil“), man suchte nach Alternativen. Als die Energiepreise sanken, trat der Klimaschutz stärker in den Vordergrund als Begründung für die Notwendigkeit, die Nutzung fossiler Ressourcen zu reduzieren. Außerdem haben biotechnologische Verfahren von Anfang an eine Rolle im Konzept der Bioökonomie gespielt. Wir sprechen ja von einer Revolution in den Biowissenschaften und den neuen Möglichkeiten der synthetischen Biologie und der Biotechnologie. Das sind Bereiche, die (anders als die Bioenergie) nicht notwendigerweise große Mengen an Biomasse benötigen und daher auch nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren. Dritter wichtiger Aspekt der Bioökonomie ist die Nachhaltigkeit. Sie und die Perspektiven neuer biotechnologischer Möglichkeiten sind in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund getreten.

Industrievertreterfordern ein neues Modell der Landwirtschaft. „Konsensfähige“ Genome-Editing(GE)-Verfahren wie CRISPR/Cas verdienten eine intensivere Diskussion in Europa, weil sie die Pflanzenzüchtung beschleunigen und dem Klimawandel trockenresistentere Pflanzen entgegensetzen können. Ist das realistisch?

Die neuen Züchtungsverfahren haben ein großes Potenzial. Die Frage ist aber deren Konsensfähigkeit. Bei transgenen Verfahren beobachten wir eine zweigeteilte Welt. In der einen Hälfte (Nord- und Südamerika, Teile von Asien) werden diese weitgehend eingesetzt, in der anderen (Europa und große Teile Afrikas) hingegen nicht, weil darüber kein Konsens besteht. Wie sich das bei den neuen Verfahren wie CRISPR/Cas entwickelt, und ob diese in Europa nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) konsensfähig sein werden, ist im Augenblick schwer absehbar. Der EuGH hat ja entschieden, das bisher geltende Gentechnikrecht auch auf die neuen GE-Verfahren anzuwenden.

CRISPR/Cas ist relativ neu. Gibt es bereits Anwendungsbeispiele in der Landwirtschaft?

In den USA und Kanada gibt es schon erste Anwendungen, wie die oft zitierten Champignons, die nicht braun werden. Auch Raps wurde damit schon gezüchtet. Ja, das Verfahren wird in der Landwirtschaft sicherlich Anwendung finden, vor allem in den Regionen, in denen auch bislang gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut wurden. Es wird auch dazu geforscht, wie die verschiedenen Weltregionen die Anwendung von GE regulieren. Im Kern geht es darum, ob man den Prozess oder das Produkt regulieren soll und ob man fallbezogen oder grundsätzlich regulieren soll.  Allerdings wird in der Debatte oft vergessen, dass die bisherige Gentechnik in Europa nicht wegen der Regulierung, sondern wegen der mangelnden Akzeptanz der Verbraucher nicht eingesetzt wird. Selbst ein neues Gentechnikgesetz ändert das möglicherweise nicht, solange die gesellschaftliche Akzeptanz fehlt.

Pflanzenzüchter erwarten sich viel von GE. Was ist gesichertes Wissen?

Gesichertes Wissen ist, was die Pflanzenzüchter betonen, dass man mit GE für bestimmte Eigenschaften der Nutzpflanze schneller zu einem Ergebnis kommt als mit herkömmlichen Verfahren. Die Methode eignet sich vor allem für solche Merkmale, die durch einzelne Gene bestimmt sind, die man auch identifizieren kann. Es gibt aber auch Eigenschaften wie den Ertrag, die von vielen Genen bestimmt sind. Hier erzielt  man mit dieser Methode nicht notwendigerweise schnellere oder bessere Ergebnisse. Für diese Merkmale sind andere Verfahren wie die genomische Selektion geeignet, die gesellschaftlich sicher akzeptanzfähiger sind als das GE.

Gibt es relevante Nutzpflanzen, die so genetisch ausgeleuchtet sind, dass sie für GE-Verfahren relativ rasch in Betracht kämen?

Ja, davon kann man schon ausgehen. Die Genomsequenzierung hat man bei vielen Nutzpflanzen durchgeführt. Welche Gene für welche Eigenschaften verantwortlich sind, beschäftigt natürlich noch die Forschung. Man hofft durch Anwendung dieser Methode darüber noch mehr zu erfahren. 

Klassische wie „neue“ Grüne Gentechnik erhitzt weiter die Gemüter. Die Bewertungen dazu von Landwirtschafts- und Umweltressortklaffen auseinander. Wenn Industrievertreter CRISPR/Cas als „konsensfähig“ postulieren, was könnte das sein?

Dem Einsatz von Gentechnik zur Erzeugung von Lebensmitteln fehlt in Weltregionen wie Europa bei Verbrauchern die Akzeptanz. © Hakon Fossmark / pixabay

Einen Konsens würde man nur erreichen, wenn man den gesellschaftlichen Dialog anders führt, als es die organisierten Interessengruppen bislang tun. Diese können ihren Mitgliedern gegenüber kaum mehr als etablierte Positionen vertreten. Es war Urs Niggli, der in einem Interview auf der Titelseite der „taz“5 am Anfang der Debatte nur die Möglichkeit in den Raum gestellt hat, dass man darin vielleicht auch Chancen für den ökologischen Landbau sehen könne. Er hat daraufhin so viel Kritik erfahren, dass er diese Position nicht mehr vertreten hat. Dies zeigt, wie schwer ein Dialog in dieser Hinsicht ist. Konsensfähigkeit wäre vielleicht über einen Dialog mit anderen Methoden möglich, unter Einbezug von Laien. Dass wir uns weg von einer Landwirtschaft bewegen, die Chemie für den Pflanzenschutz nutzt, zeigt die Glyphosat-Debatte. Wenn wir eine Landwirtschaft mit weniger Chemie erreichen wollen, könnte man GE-Verfahren in der Pflanzenzüchtung einsetzen, um Alternativen zu entwickeln, z. B. in der Resistenzzüchtung gegen Pflanzenkrankheiten. Das wäre eine Strategie, um Konsens zu erreichen. Vielleicht ließe sich in einem weiteren Punkt Konsensfähigkeit erzielen: Wegen hoher Züchtungskosten haben sich die Konzerne auf wenige Kulturarten konzentriert und deshalb eine Reihe von Nutzpflanzen, z. B. im Bereich der Leguminosen, züchterisch nicht gleichermaßen intensiv bearbeitet. So ist der Abstand im Ertrag stark beforschter Nutzpflanzen und solcher, die für große Züchtungsunternehmen weniger interessant sind, immer größer geworden, sodass es für den Landwirt nicht mehr interessant ist, diese Vielfalt von Nutzpflanzen anzubauen. Setzt man günstigere Verfahren wie GE in der Pflanzenzucht ein, könnte man vielleicht eine größere Vielfalt von Nutzpflanzen züchterisch bearbeiten und es damit für die Landwirte rentabler machen, auch wieder eine größere Vielfalt anzubauen.

Ihre Zuversicht scheint begrenzt…?

Ich fand die Debatte um diese neuen Verfahren sehr unglücklich, weil ich wenig Anstrengungen von irgendeiner Seite gesehen habe, neue, auch konsensorientierte Dialogverfahren zu etablieren. Das scheint wieder so zu laufen wie bei der Debatte um die konventionelle Gentechnik. Eigentlich ist das CRISPR/Cas-Kind fast schon wieder in den Brunnen gefallen.

Welche Dialogformate könnten die Diskussion wieder ins Laufen bringen und die Kombattanten aus ihren Gräben herauslocken?

Solche, wo man Laien oder Bürger, nicht aber organisierte Interessengruppen über einen längeren Prozess, über Konsensus-Konferenzen oder Bürgergutachten einbindet. Da könnten Bürger Input von fachlicher Seite bekommen und sich auch mit Positionen der Interessengruppen auseinandersetzen, sich dann aber untereinander austauschen und möglicherweise erneut fachliche Expertise anfordern. Vielleicht ließen sich die Formate auch mit Unterstützung digitaler Methoden weiterentwickeln.

Sind andere Formen von Landwirtschaft neben einer Hightech-Landwirtschaft, so wie sie der Bioökonomierat fordert, denkbar und sinnvoll?

Man kann auch ökologische Landwirtschaft nicht trotz, sondern gerade mit moderner Technik betreiben, indem man durch Digitalisierung versucht, möglichst präzise zu arbeiten und z. B. Unkraut automatisch zu erkennen und dann mechanisch zu beseitigen. Das würde ich in den Vordergrund stellen. Betrachtet man die verschiedenen Agrarsysteme der Welt, muss man berücksichtigen, dass in Afrika ein Großteil – die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) schätzt mehr als 70 Prozent – der Landwirtschaft noch mit Handarbeit erledigt wird. Da ist der Sprung zu digitaler Technologie nicht so einfach. Aber selbst dort gibt es interessante Möglichkeiten, weil z. B. die Abdeckung für Handys in vielen afrikanischen Ländern relativ gut ist und sich Smartphones bei Kleinbauern zunehmend durchsetzen, sodass sich z. B. Apps in der Landwirtschaftsberatung anwenden lassen.

Wie gelingt eine Priorisierung verschiedener bioökonomischer Ansätze in unterschiedlichen Weltgegenden?

Das Thema ist auf der Agenda. Wir hatten z. B. ein Forschungsprojekt, in dem es um Bioökonomie und Ernährungssicherung in verschiedenen Ländern Afrikas ging. Bioökonomische Themen – wie die möglichst effiziente Nutzung aller Bestandteile pflanzlicher Biomasse – sind auch für die afrikanische Landwirtschaft von Bedeutung. Beispiel Cassava: Aus dieser Pflanze lassen sich unterschiedlichste Produkte herstellen; damit erhöht man auch die Wertschöpfung. Es kommt darauf an, dass jedes Land seine eigenen Potenziale für die Bioökonomie erkennt. Gerade die Trends der Bioökonomie wie Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind im Interesse aller Länder, einschließlich der Entwicklungsländer.

Artensterben und Klimawandel bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Liefert die Bioökonomie die richtigen Antworten? Steht nicht vielmehr ein radikaler Systemwechsel bevor?

Eigentlich ist die Bioökonomie eine radikale Idee. Ein neues Wirtschaftssystem, das nicht mehr fossile Ressourcen, sondern die biologischen Prinzipien und Intelligenz der biologischen Systeme nutzt. Es geht aber nicht nur um technologische Lösungen. Es braucht einen gesellschaftlichen Wandel. Das ist die eigentliche Herausforderung: Wie schaffen wir diesen Wandel in einer offenen Marktwirtschaft und in einer Demokratie? Eine wichtige Rolle kommt den Konsumenten zu, die über eine Änderung ihres Konsumverhaltens viel erreichen könnten. Das ist ein wichtiger Hebel. Versucht man nämlich, das Verbraucherverhalten politisch zu steuern, so ist das höchst unbeliebt. Das hat man an den Debatten um den Fleischkonsum gesehen (Stichwort „Veggie-Day“). Auch politische Maßnahmen, die auf der Produzentenseite ansetzen, um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen, sind nur schwer durchsetzbar. Wir, das heißt der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, haben kürzlich eine Stellungnahmeveröffentlicht, in der wir eine stärker am Gemeinwohl orientierte Agrarpolitik fordern. In den Agrarsektor werden so viele Mittel als Subventionen gesteckt, ohne deren Potenzial für einen Umbau in eine klima- und biodiversitäts- oder auch tierschutzfreundlichere Landwirtschaft zu nutzen. Gerade steht eine Reform der EU-Agrarpolitik an. Leider stehen die Zeichen nicht so, dass diese Chance genutzt wird. Die große Herausforderung besteht wirklich darin, das Notwendige politisch umzusetzen, sowohl auf Seiten der Verbraucher wie auf der der Produzenten.

Literatur:

1 Birner, Regina, Bioeconomy Concepts, in: Lewandowski, Iris (Ed.) (2018): Bioeconomy: Shaping the transition to a sustainable, biobased economy, S. 17ff. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-319-68152-8_3

2 Klaus Kunz von Bayer CropScience DLF, 7.5.2019: „Modell der Landwirtschaft muss sich dringend ändern“

3 Wissenschaftlicher Bericht zu den neuen Techniken in der Pflanzenzüchtung und der Tierzucht und ihren Verwendungen im Bereich der Ernährung und Landwirtschaft, - überarbeitete Fassung vom 23.02.2018

4 Erklärung deutscher Umwelt- und Entwicklungsorganisationen zur Bioökonomie-Politik der Bundesregierung (Forum Umwelt und Entwicklung) https://www.forumue.de/erklaerung-deutscher-umwelt-und-entwicklungsorganisationen-zur-biooekonomie-politik-der-bundesregierung/

5 Artikel zum Streit über neue Gentechnik-Methode, http://www.taz.de/!t5293316/

6 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz: Für eine gemeinwohlorientierte Gemeinsame Agrarpolitik der EU nach 2020: Grundsatzfragen und Empfehlungen. Stellungnahme, April 2018

Jetzt weiterlesen: Interview Teil 2 | Prof. Dr. Ortwin Renn

Der Experte Prof. Dr. Ortwin Renn spricht über Chancen die Kommunikation um dieses umstrittene Thema zu verbessern.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/agraroekonomin-birner-fordert-neue-dialogformate-jenseits-organisierter-interessengruppen