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Urbane Landwirtschaft

alphabeet – Das Smartphone als grüner Daumen

In Anbetracht der Herausforderungen, denen die moderne Landwirtschaft gegenübersteht, ist ein Bewusstseinswandel im Umgang mit Nahrung unerlässlich. Die Gründer des Stuttgarter Agrartech-Start-up farmee sehen die urbane Landwirtschaft als Schlüssel hierfür. Mithilfe ihrer App „alphabeet“ motivieren sie Verbraucher, selbst Nahrungsmittel zu produzieren. Denn, nur wer Wissen mit praktischen Erfahrungen kombiniert, ändert sein Konsumverhalten nachhaltig.

Die wachsende Weltbevölkerung mit ausreichender und gesunder Nahrung zu versorgen, ist eine der größten Herausforderungen der Gegenwart. Aus diesem Grund gehört die Ernährungssicherung zu den Leitgedanken der Bioökonomiestrategie des Bundes. Auch im globalen Kontext wird die Bedeutung des „Food first“-Prinzips für eine nachhaltige Bioökonomie regelmäßig betont. Dem Agrarsektor kommt daher eine zentrale Rolle für die Umsetzung dieser Strategien zu. Allerdings bewegt sich auch die klassische landwirtschaftliche Erzeugung von Nahrungsmitteln in einem erheblichen Spannungsfeld. Entscheidende agrarwirtschaftliche Ressourcen wie Wasser sowie Land sind vielerorts nur noch in ungenügendem Maße vorhanden und werden zukünftig noch knapper. Folglich ist es unerlässlich, über alternative Anbausysteme und einen zukunftsfähigen Umgang mit Nahrungsmitteln nachzudenken.

Landwirtschaft in der Stadt

Blick von oben auf ein Gemüsebeet. Im Stile einer Augmented Reality Anwendung ist das Beet von Schaltflächen überlagert. Diese zeigen jeweils typische Gartenkulturen wie Möhren oder Rettich.  Am Rande des Beets kniet eine Person und bearbeitet das Beet bzw. benutzt eine der Schaltflächen.
Die Beetplaner-App „alphabeet“ unterstützt Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner bei der Planung des eigenen Beets. © iStock (157505043)

Dies motiviert auch die Gründer des Stuttgarter Agrartech-Start-ups farmee, die sich schon früh mit Fragen der Lebensmittelproduktion beschäftigt haben. Durch eigene Anbauexperimente auf dem heimischen Balkon kam man schnell mit dem Konzept einer urbanen Landwirtschaft in Kontakt. Mit dessen Chancen und Herausforderungen setzt man sich nun seit einigen Jahren auch als Firma auseinander. Die urbane Landwirtschaft zielt darauf ab, Lebensmittelproduktion in städtischen Ballungsgebieten zu ermöglichen und dadurch bestehende Agrarsysteme zu ergänzen. Nahrungsmittel können somit in unmittelbarer Nähe zum Konsumenten erzeugt und Transportdistanzen verringert werden. Entsprechende Ansätze sind vielfältig und werden unter dem Begriff des Urban Farmings zusammengefasst. Sie reichen vom Kulturpflanzenanbau auf Hausdächern, der gegebenenfalls mit der Aufzucht von Fischen verknüpft sein kann, bis hin zu Konzepten wie der Solidarischen Landwirtschaft. Ebenso werden auch kontrollierte, vertikale Anbausysteme, die die Produktion von Nahrungsmitteln auf kleinstem Raum ermöglichen, unter dem Begriff subsumiert. Vor allem Gemüse und Salate werden dadurch bereits unmittelbar bei den, beziehungsweise durch die Konsumenten produziert. Bei farmee sieht man das Hauptpotenzial dieser Konzepte allerdings nicht darin, lebensmittelautarke Metropolen zu schaffen. Vielmehr möchte man Verständnis für die Funktion von Agrarsystemen schaffen und gegebenenfalls die traditionelle Nahrungsmittelproduktion ergänzen. Deshalb möchte man Verbraucher motivieren, aktiv zu werden und selbst Nahrungsmittelproduzent zu werden. Von diesen Prosumenten erhofft man sich ein besseres Verständnis der Erzeugung von Nahrungsmitteln und eine bessere Wertschätzung für Lebensmittel. 

Absolute Voraussetzungen für solch einen Wandel sind grundlegendes Wissen und Verständnis über Anbau und Ernte klassischer Gartenkulturen. Hilfreich ist es auch, wenn auf einen geballten Erfahrungsschatz zurückgegriffen werden kann. Hier setzt farmee mit seinem jüngsten Projekt, der Beetplaner-App „alphabeet“, an. Mithilfe dieser Anwendung möchte man Interessierten Erfahrungswerte und notwendiges Wissen einfach zugänglich machen. Die App unterstützt jede Hobbygärtnerin und jeden Hobbygärtner bei der Planung des eigenen Beets im Garten hinter dem Haus oder in der Pflanzwanne auf dem Balkon. 

Maßgeschneiderte Gartenbau-Beratung

Internetbrowser mit geöffneter alphabeet-Seite. Links ein Menü zur Auswahl verschiedener Optionen, einschließlich „Entdecken“, „ToDos“, „Plan“, „Wachstum“, „Profil“ und „meine Beete“. Geöffnet ist „Plan“, wodurch der saisonale Wechsel der angepflanzten Kulturen für das gewählte Beet zu sehen ist.
Ein Blick auf die Website von alphabeet zeigt die geballten Möglichkeiten der App. © farmee

Großen Wert legt man dabei auf die individuellen Bedürfnisse bei der Anwendung und die jeweiligen Rahmenbedingungen. So gibt es passgenaue Empfehlungen zur Planung der eigenen Beete. Unterfüttert werden diese Empfehlungen mit einer integrierten Bibliothek, die relevantes Fachwissen zu Pflanzen, Schädlingen und Krankheiten enthält. Während der Saison erinnert die App an alle notwendigen Schritte – wie die idealen Momente fürs Pflanzen, Gießen und Düngen, bis hin zur Ernte. Dem Smartphone kommt somit die Rolle des grünen Daumens zu. Laien sollen Hobbygärtner werden, die sich und ihren Nachbarn beweisen, dass Lebensmittelproduktion für jede und jeden möglich ist – auch in Großstädten. Die Idee stößt dabei auf reges Interesse: Die App wird bereits von mehreren hundert Nutzern aktiv verwendet, und für die nächste Saison stehen zahlreiche neue Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner in den Startlöchern. 

Mit diesem Projekt möchten die farmee-Macher die urbane Landwirtschaft voranbringen und setzen dafür auch auf Austausch und Kooperationen mit verschiedenen Stuttgarter Initiativen und Start-ups. Dabei profitiert das Entwicklerteam von den eigenen Urban-Farming-Experimenten und Erfahrungen in Start-up-Fragen aus früheren Unternehmungen. So sieht man die Initiative der Solidarischen Landwirtschaft Stuttgart als komplementäre Idee zum Beetplaner, da diese tatsächlich die Nahrungsmittelgrundversorgung sichern kann, während letzteres den Gedanken der Bewusstseinsschaffung in den Mittelpunkt stellt. Auch Start-ups wie Geco-Gardens, die innovative Kleingartensysteme für das Gärtnern in Städten entwickeln und zur Schließung von urbanen Nährstoffkreislaufen beitragen, sind Teil dieser Koalition für eine zukunftsfähige Nahrungsmittelversorgung. Im Sinne der Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung schafft man dadurch gemeinsam ein Netzwerk, das auf verschiedensten Ebenen Wissens- und Erfahrungsdiffusion im Kontext der Nahrungsmittelproduktion ermöglicht und somit auf eine erfolgreiche Transformation zu einem zukunftsfähigen Agrarsystem hinwirkt. Denn, nur wer Wissen mit praktischen Erfahrungen kombiniert, ändert sein Konsumverhalten nachhaltig.

Landwirtschaft in der Stadt

Unter den Begriffen urbane Landwirtschaft (Urban Farming) und Urban Gardening fasst man unterschiedlichste Konzepte des Anbaus von Agrarprodukten im städtischen Kontext zusammen. Beide Begriffe werden oftmals synonym verwendet und eine klare Abgrenzung ist schwierig. Urban Gardening betont in der Regel allerdings stärker den Anbau von Gemüse für den Eigenbedarf.

Die urbane Lebensmittelproduktion findet in unterschiedlichsten Formen statt und reicht vom Gemüseanbau in Hochbeeten auf Hausdächern bis zu vertikalen Systemen. Beim vertikalen Anbau (vertical farming) werden Pflanzen beispielsweise an Hausfassaden oder Kleingartensystemen nach oben gepflanzt. Eine weitere Form sind Aquaponiksysteme, welche die Aufzucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen verbinden. In diesen zirkulären Systemen fungieren die Exkremente der Fische als Nährstoffe für die Pflanzen. Komplementiert werden diese Produktionssysteme durch innovative Konzepte wie die Solidarische Landwirtschaft, welche neuartige Partnerschaften zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und städtischen Kunden ermöglicht.  

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/alphabeet-das-smartphone-als-gruener-daumen