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Wie kann eine nachhaltige Bioökonomie aussehen?

Rezension „Bioökonomie. Weltformel oder Brandbeschleuniger?“

Das dritte Heft der Zeitschrift „politische ökologie“ im Jahr 2020 bietet sowohl Kritik an der Bioökonomie als auch verschiedene Ansätze, wie Bioökonomie tatsächlich nachhaltig zum Klimaschutz beitragen kann. Das Heft bietet zahlreiche informative Beiträge, leider sind tiefere Vorkenntnisse des Themas Voraussetzung für den Lesegenuss.

Das Cover der Zeitschrift „politische ökologie“ mit dem Titel „ Bioökonomie Weltenformel oder Brandbeschleuniger“.
Die Zeitschrift „politische ökologie“ erscheint viermal im Jahr und wird durch oekom e.V. herausgegeben. © oekom e.V.

„Bioökonomie. Weltformel oder Brandbeschleuniger?“ lautet der Titel der Ausgabe der Zeitschrift „politische ökologie 03 – 2020“, die oekom e. V. – Verein für ökologische Kommunikation - gemeinsam mit dem Bundesumweltamt Anfang Oktober 2020 veröffentlicht hat. Wie der Titel schon vermuten lässt, wird hier die Bioökonomie kritisch unter die Lupe genommen. Nach einer kurzen Einführung zum Thema setzen sich zahlreiche Experten unter anderem aus den Natur-, Sozial- und Politikwissenschaften mit der Fragestellung auseinander, wie die Bioökonomie den Klimawandel beeinflussen kann. Das Heft ist dabei in verschiedene Kategorien wie „Hoffnungsschimmer“ und „Gelegenheitsfenster“ unterteilt, die dem Leser leider nur eine Ahnung über den Inhalt der zugeordneten Beiträge geben.

Bioökonomie muss nachhaltiger werden!

Die Experten beleuchten dabei die Problemstellen von verschiedenen Richtungen. Dabei werden einige Kritikpunkte mehrfach aufgeführt: 1. Die Landfläche, auf der biobasierte Rohstoffe produziert werden können, ist begrenzt. Wie kann also die weltweite Ernährungssicherheit erreicht werden und gleichzeitig der Anbau biobasierter Ressourcen für die industrielle Nutzung intensiviert werden? 2. In einer Bioökonomie können fossile Rohstoffe nicht 1:1 durch biobasierte Ressourcen ersetzt werden, da der dafür benötige Ressourcenbedarf zu hoch wäre. Ein ungehindertes Wirtschaftswachstum auf Basis biobasierter Ressourcen kann daher nicht die Lösung sein. 3. Soziale, ethische und ökologische Folgen werden zu wenig berücksichtigt, wie zum Beispiel Vertreibung von Kleinbauern und Entwaldung sowie der damit einhergehende Biodiversitätsverlust. Besonders hervorgehoben und veranschaulicht wird dies in den Beiträgen von Seite 52 bis 76. So wird dargelegt, dass zum Beispiel Brasilien und Argentinien durch einen intensiven Zuckerrohr- bzw. Sojaanbau einen massiven Raubbau am Regenwald betreiben und ihre bioökonomische Bilanz „schön“ rechnen, indem sie ausschließlich den Carbon-Footprint für eine Bewertung betrachten. Dabei werden jedoch die Folgen für Mensch und Natur außer Acht gelassen. 4. Der Bedarf deutscher Bürger an Fläche für Nahrungs- und Futtermittel sowie Biomasse für energetische und stoffliche Nutzung übersteigt bei weitem die nationalen Möglichkeiten zur Flächennutzung. 5. Der Bundesregierung sowie der Europäischen Union wird vorgeworfen, mit ihren Bioökonomiestrategien nur Wissenschaft und Wirtschaft miteinzubeziehen und den Bürger außen vorzulassen.

Wie kann eine nachhaltige Bioökonomie aussehen?

Blick über einen Feldweg auf eine Feld mit Zuckerrohr.
Aus Zuckerrohr kann Bio-Ethanol hergestellt werden. © Anemone123 / Pixabay

Die meisten Autoren üben jedoch nicht nur Kritik, sondern bieten auch Lösungen. Dass Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie Hand in Hand gehen können, erläutert Prof. Dr. Magnus Fröhlich von der Technischen Universität München (Seite 90). Ferner steht ein anderes Konsumverhalten zu einem geringeren Rohstoff- und Energieverbrauch (Suffizienz) im Fokus der Akteure (suffizienzorientierte Bioökonomie). Und natürlich werden auch die Kaskadennutzung sowie die Agrarökologie als Lösungen präsentiert.

Besonders interessante Handlungsoptionen bietet der Beitrag von Franziska Wolff, Dr. Zoritza Kiresiewa und Martin Möller von Öko-Institut e. V. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Der klar strukturierte Aufsatz führt Möglichkeiten auf, um eine tatsächlich nachhaltige Bioökonomie zu etablieren. Dazu gehören der gesellschaftliche Dialog, die Rolle der Bioökonomie zu konkretisieren, konkrete Nachhaltigkeitsziele zu definieren und diese durch regelmäßigen Monitorings auch zu prüfen. Ferner soll es ein Land- und Flächennutzungsmanagement geben, branchenspezifische Roadmaps entwickelt und das Bewusstsein für mehr Verzicht im Bereich Konsum und Ernährung gestärkt werden. Auch Dr. Christine Rösch und Dr. Dirk Scheer vom Institut für Technologiefolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sehen die kritische Ressource Ackerfläche und fordern einen nachhaltigeren Konsum. Ferne setzen sie einen Fokus darauf, die nachhaltige Ressourceneffizienz durch Innovationen zu stärken.

Neben den als „Impulse“ aufgeführten kurzen Projektbeschreibungen endet das Heft mit dem sogenannten „Spektrum Nachhaltigkeit“. Hier werden verschiedene Fachbeiträge zum Thema Nachhaltigkeit veröffentlicht, die nicht zwingend Bezug auf das Schwerpunktthema Bioökonomie nehmen müssen. Dem Leser wird so ein Blick über den Tellerrand ermöglicht, der sowohl technische Bereiche (Wasserstoffstrategie) als auch geisteswissenschaftliche Aspekte (politische Führung in der Debatte um den Green Deal) beinhaltet.

Kritik ohne Lösungen

Aufsicht auf eine Maisfeld.
In Deutschland wird hauptsächlich Mais für die biobasierte Energiegewinnung angebaut. © Andrew Martin / Pixabay

Leider gibt es auch Autoren, die nur das aktuelle Vorgehen von Politik und Wirtschaft verteufeln, ohne Anregungen für ein zukünftiges Vorgehen zu liefern. Damit bleibt der Leser nur ratlos zurück. Auch weist Anke Oxenfarth im Editorial bereits darauf hin, dass die politisch Verantwortlichen bisher keine Rahmenbedingungen „für eine Kultur des Weniger und des Unterlassens“ schaffen würden. Jedoch wird auch in diesem Heft lediglich darauf hingewiesen, dass der Verbraucher stärker mit einbezogen werden soll. Lösungen, wie dies geschehen kann, gibt es nur auf sehr abstraktem Wege, wie etwa der Vorschlag von Dr. Steffi Ober (Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende) und Vivienne Huwe (Naturschutzbund Deutschland, NABU) „neue Räume und Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft“ zu schaffen. Diesbezüglich bleiben einige Fragen offen.

Lesenswerte Anregungen für eine nachhaltige Bioökonomie

Doch was nimmt der Leser aus dem Heft mit? Kann die im Titel gestellt Frage beantwortet werden? Am Ende bleibt die Bioökonomie mit einem bitteren Beigeschmack zurück. Bioökonomie an sich ist weder Brandbeschleuniger noch Weltenformel, denn es kommt auf die Umsetzung dieser Wirtschaftsidee an, wie die zahlreichen Autoren des Heftes ausführen. Bioökonomie wird einen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen. Welcher dies sein kann und in welcher Form, dafür können sich Interessierte mit Vorkenntnissen und Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft in diesem Heft Anregungen holen.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/rezension-biooekonomie-weltformel-oder-brandbeschleuniger