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Kompostierbare Windeln

Windeln für eine nachhaltige Bioökonomie

In einem EU-geförderten Projekt entwickelt das Tübinger Biotech-Unternehmen Novis zusammen mit internationalen Partnern eine vollständig kompostierbare Windel, die keine aus Kunststoffen gefertigten Teile enthält. Damit könnten die bisher anfallenden Riesenmengen an gebrauchten Einmalwindeln und die enormen Kosten ihrer Beseitigung verringert und die bei ihrer Verbrennung auftretenden Treibhausgase vermieden werden.

Das Bild zeigt den die Flüssigkeit aufnehmenden Füllstoff in Windeln. Zu sehen sind zwei Haufen eines weißen Pulvers. Links ist ein kleiner Haufen abgebildet (trockener Zustand des Superabsobers) Auf der rechten Seite ist ein, in etwa 7mal so großer Haufen zu sehen (Zustand nach Aufnahme von Wasser).
Superabsorber aus Natriumpolyacrylat (links: trocken; rechts: nach Aufnahme von Wasser). © Novis GmbH

Deutschlands Babys verbrauchen in ihren ersten beiden Lebensjahren jeden Tag zehn Mio. Windeln. 95 Prozent davon sind Einwegwindeln, die wegen ihrer Plastikbestandteile nicht kompostiert oder in Deponien entsorgt werden können, sodass am Ende nur ihre Verbrennung bleibt. Allein in einer Stadt wie Berlin kommen jedes Jahr über 40.000 t Wegwerfwindeln zusammen (das sind bis zu zehn Prozent des gesamten Hausmülls), die bei geschätzten Gesamtkosten von zehn Mio. Euro oder mehr beseitigt und verbrannt werden müssen.1) Für Städte und Gemeinden stellt die Entsorgung von Windeln und ähnlichen Hygieneprodukten nicht nur einen wichtigen Kostenfaktor dar, sondern wegen der damit verbundenen CO2-Emissionen auch eine Umweltbelastung, die von den kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieben berücksichtigt werden muss, damit sie der auf sie zukommenden Verpflichtung zur Reduktion ihres Treibhausgasausstoßes auf dem Weg zu einer klimagerechten Bioökonomie nachkommen können. Auch energetisch lohnt sich die Verbrennung der gebrauchten Windeln wegen ihres hohen Feuchtigkeitsgehalts nicht.

Windeln enthalten Kunststoffe für die elastischen Bündchen um die Beine, Verschlüsse und Bänder, Kleber sowie für die Superabsorber (Superabsorbent Polymers) in der Einlage, die ein Vielfaches ihres Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen können und heute für alle saugfähigen Inkontinenzprodukte unverzichtbar sind. Zwar sind inzwischen eine Reihe angeblich biologisch abbaubarer (biodegradable) Produkte auf dem Markt, doch bei der Lektüre der Produktinformationen erkennt man, dass das keineswegs hundertprozentig gilt und sie immer noch diverse Kunststoffe enthalten. Die britische Zeitung „The Guardian“ schrieb 2010, dass solche „Biodegradable Diapers“ in einer Deponie mehr als 50 Jahre überdauern und zudem noch das stark klimaschädigende Treibhausgas Methan emittieren. Innerhalb der EU kommt eine reguläre Kompostierung nicht in Frage, solange Windeln mit Plastikanteilen auf dem Markt sind, die Kompostieranlagen die abbaubaren Windeln nicht erkennen und sie deshalb mit allen anderen zusammen für die Verbrennung aussortieren.

Das Entwicklungsprojekt PAWN

Das Bild zeigt Dr. Thomas Helle von der Firma Novis GmbH.
Dr. Thomas Helle, CEO der Novis GmbH, Tübingen. © Novis GmbH

Das 2009 von Dr. Thomas Helle gegründete Tübinger Biotech-Unternehmen Novis GmbH hat sich mit vier weiteren Unternehmen aus Deutschland, der Slowakei, Zypern und Israel zu einem Konsortium zusammengeschlossen, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine vollständig biologisch abbaubare Windel zu entwickeln. Ende 2020 erhielt das Entwicklungsprojekt namens PAWN – ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Partnerfirmen Polygreen, Avgol, Wilogis und Novis – den Zuschlag im Rahmen des EU-Förderprogramms „Horizon 2020 – Fast Track to Innovation (FTI)“. Das Förderprojekt im Umfang von vier Mio. Euro steht im Zusammenhang mit den Plänen der EU, den Verbrauch von Kunststoffen in Europa so weit wie möglich einzuschränken. Gemeinsam wollen die Partner des Konsortiums eine Windel aus nachwachsenden Rohstoffen zur Marktreife bringen, bei der alle bisher aus Kunststoffen gefertigten Teile – Bündchen, Verschluss, Kleber und Superabsorber – durch erneuerbare Materialien ersetzt werden, sodass die PAWN-Windel zu 100 Prozent kompostierbar ist.

Innerhalb des Projektes ist die Novis GmbH für das Lebenszyklusmanagement zuständig, insbesondere auch für die erfolgreiche Kompostierung aller Teile der Windel. Dafür analysiert und evaluiert Novis die einzelnen Schritte im Verlauf des Projektes in Hinblick auf die Umweltbilanz des Gesamtproduktes. Für die Projektziele ist es besonders wichtig, dass schon in frühen Entwicklungsstadien die umweltverträgliche Entsorgung des Endproduktes im Blick behalten wird. Darüber hinaus arbeitet Novis an der Identifikation und der Kompostierung abbaubarer Vorprodukte für die Windeln.

Statt der Einmalwindel - einem typischen Produkt der Wegwerfwirtschaft – entsteht mit PAWN ein Produkt, das durch ein geordnetes Recycling in das regenerative System der Kreislaufwirtschaft überführt wird und sich in das große strategische Ziel der EU einfügt, den europäischen Wirtschaftsraum zu einer nachhaltigen, klimaneutralen Bioökonomie zu transformieren. Es steht zu erwarten, betont Helle, dass Plastikanteile in Windeln von der EU verboten werden, sobald Alternativen zur Verfügung stehen.

Rücknahmesystem für geordnetes Recycling nötig

Novis ist seit Jahren im Bereich Bioenergie, Mehrwertgewinnung und nachhaltiger Entsorgung von Abfällen tätig und für seine Aufgaben im PAWN-Projekt bestens gerüstet. Das Unternehmen hat Biogasanlagen in Südeuropa und Afrika auf der Basis von Schafmist, Champignonkompost und anderen Abfällen errichtet. Zu seinen aktuellen Projekten gehören die Gewinnung von Kakao aus Kakaoschalen, der Einsatz von Champignonkompost als Torfersatz, die Extraktion von Schwermetallen und die Weiterverwendung von Verbrennungsschlacken aus Müllheizkraftwerken sowie die Gewinnung und Nutzung des bei der Rotweinproduktion anfallenden CO2 (siehe BIOPRO-Artikel „Das RedWine-Projekt und der Klimawandel“). Gemeinsam ist den Projekten, wie Helle darlegt, dass jedes Produkt die Welt ein bisschen besser machen soll als vorher.

Innerhalb des PAWN-Konsortiums entwickeln der israelische Hygieneartikel-Hersteller Avgol Nonwovens und die Unternehmensgruppe Polygreen – Circular Economy Solutions die biologisch abbaubaren Superabsorber und Vliesmaterialien. Celltex in der Slowakei ist für die Herstellung der Windeln verantwortlich; die Wilogis Hygieneprodukte in Völklingen/Saar ist für die Produktvermarktung zuständig. Das Konsortium prüft jetzt, inwieweit eigene Rücknahmesysteme für Hygieneartikel im Markt eingeführt werden können, durch die Windeln und Inkontinenzprodukte einem geordneten Recycling zugeführt würden. In einem ersten Schritt ist eine Pilotanlage geplant, in der die Windeln vollständig vergärt und die Reststoffe weiter verwertet werden. Ein solches Verfahren könnte auch dazu dienen, Biogasanlagen, die nach 20 Jahren aus der Marktförderung ausscheiden müssen, mit neuen Rohstoffen zu versorgen. Das wäre, wie Helle betont, für alle Seiten profitabel.

Quelle:

1) Senatsverwaltung des Landes Berlin - Abfallwirtschaftskonzept 2010-2020.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/windeln-fuer-eine-nachhaltige-biooekonomie