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Auf den Wurm gekommen

Eine Idee bis zum marktreifen Produkt umzusetzen, ist oft ein langer, steiniger Weg – vor allem, wenn sie nicht aus der Entwicklungsabteilung eines großen Unternehmens stammt. Diese Leistung ist einer jungen Gründerin nun gelungen: Nadine Antic ist Spezialistin für Abfallverwertung und hat noch während ihres Studiums das Start-up-Unternehmen GlobalFlow gegründet. Kürzlich hat sie aus diesem ersten Start-up gemeinsam mit zwei Mitgründern noch ein weiteres Start-up entwickelt: Die albfertil GmbH, die den WORMANIZER erfunden hat, einen Naturdünger aus Reststoffen, die sonst auf dem Müll landen – aus biogenen Abfällen der Lebensmittelindustrie. In diesen Tagen fand die Markteinführung des ungewöhnlichen Produkts aus Wurmhumus statt.

Nadine Antic ist Wirtschaftsingenieurin sowie Gründerin und Geschäftsführerin der GlobalFlow GmbH. Ihre Firma berät Unternehmen, die Abfälle produzieren, und zeigt auf, wie diese eingespart oder auch verwertet werden können. Bereits im Studium hat sich die junge Unternehmerin damit befasst, wie man Abfälle möglichst hochwertig zurückführen kann, ohne sie verbrennen zu müssen. „Upcycling“ nennen Entsorgungsspezialisten diese Form des Recyclings, bei dem Abfälle in neuwertige Produkte umgewandelt werden. Ihre Firma – die GlobalFlow mit Firmensitz in Korntal – gründete die Hochschulabsolventin 2012. Finanzielle Unterstützung bekam sie dabei unter anderem vom Förderprogramm Junge Innovatoren des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, das jungen Wissenschaftlern bei der Existenzgründung hilft. Für ihre Ideen wurde Antic schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem EMOTION.award oder dem Darboven IDEE-Förderpreis.

Start-up aus dem Start-up gegründet

Nadine Antic und ihre Schwester Anne-Kathrin Antic haben gemeinsam mit Sven Hofstadler die Firma albfertil gegründet. albfertil vertreibt seit Juli 2016 einen außergewöhnlichen Dünger, der von hunderttausenden von Würmern hergestellt wird. © albfertil GmbH

Zu den Leistungen von GlobalFlow gehören heute das Abfall-, Entsorgungs- und Wertstoffmanagement ebenso wie internationale Entsorgungslösungen und -audits. Mittlerweile zählt das Unternehmen zahlreiche Firmen zu seinen Auftraggebern, darunter auch viele Kunden aus der Lebensmittelindustrie, wie Melitta oder Ritter Sport. Dabei bleibt die Begeisterung für Abfälle in der Familie: Betreut werden die Großkunden der GlobalFlow von der Schwester der Unternehmerin, Anne-Kathrin Antic. Im September 2015 haben die Geschwister dann gemeinsam mit Sven Hofstadler, dem Vertriebsleiter der GlobalFlow, und zunächst in Kooperation mit der Firma Korn Recycling noch ein weiteres Unternehmen gegründet – sozusagen ein Start-up aus dem Start-up: Die neue Firma ist die albfertil GmbH, die den WORMANIZER entwickelt hat, einen außergewöhnlichen Dünger, der nachhaltig hergestellt wird und zu 100 Prozent natürlichen Ursprung ist.

Der Gedanke, einen neuartigen Naturdünger auf den Markt zu bringen, kam den Gründern im Laufe ihres beruflichen Kontakts mit den verschiedenen Produktionen der Lebensmittelindustrie und deren Entsorgung. Die ungenutzten Abfallmengen ließen Antic und Kollegen nachdenklich werden, wie sie selbst sagen: „Rohstoffe und endliche Ressourcen werden oft verbrannt und sind für niemanden mehr von Nutzen. Einen alternativen Entsorgungsweg für biogene Abfälle zu finden und damit eine nachhaltigere Lösung als die Verbrennung, war unsere Idee.“

Kompostwürmer machen Müll zu hochwertigem Bio-Dünger

Der Kompostwurm (Eisenia fetida) gehört zur Familie der Regenwürmer. Er wandelt für die albfertil Abfälle in Naturdünger um. © Rob Hille, Wikimedia Commons CC-Lizenz

Vor rund zwei Jahren begannen die Gründer deshalb zu recherchieren, wie man solche biogenen Abfälle verwerten könnte. „Dabei sind wir auf den Kompostwurm gestoßen“, berichtet Hofstadler. „Wir haben dann einfach einmal organische Abfälle in Holzkisten deponiert, Würmer dazu gegeben, alles eine Weile stehen gelassen und beobachtet, was passiert.“ Und der simple Test war tatsächlich erfolgreich: Die Würmer verwandelten den Abfall zu Humus. Daraufhin arbeiteten sich Antic und Kollegen weiter in die Materie ein – sichteten Literatur und sprachen mit Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen. „Wir haben weiter getestet und dabei beispielsweise festgestellt, dass man nicht alle Art von Abfällen den Würmern geben kann“, so Hofstadler. „Parallel dazu haben wir dann peu à peu auch kleinere Anlagen gebaut.“ Mit Erfolg: Die Entsorgungsspezialisten entwickelten den Wurmhumus WORMANIZER (aus „worms“ und „fertilizer“), einen Naturdünger, der zu einem großen Anteil aus upgecycelten Lebensmittel- und Pflanzenresten besteht, die von vielen hunderttausend Kompostwürmern der Gattung Eisenia fetida zu Humus umgewandelt werden.

„Aber keine Angst, im Produkt sind selbstverständlich keine Würmer mehr“, betont Nadine Antic. „Durch den WORMANIZER haben wir nicht nur einen nachhaltigen Verwertungsweg für die Abfälle gefunden, sondern auch eine Möglichkeit entwickelt, um ausgelaugte Böden wieder fruchtbar machen zu können. Wir verzichten zudem bei der Herstellung auf jegliche Chemie, können aber trotzdem durch die Auswahl und Menge der Inputsubstrate die Zusammensetzung und somit die Wirkung des Düngers optimal auf die jeweilige Pflanze ausrichten.“ Die Herstellung erfolgt momentan in Anlagen mit 1,80 m3 Füllmenge. Hier arbeiten die Würmer in den oberen 20 cm, ihre Eier legen sie noch 20 cm tiefer ab. Die neuen Abfälle werden jeweils oben aufgetragen, im unteren Teil der Anlage findet sich nur noch reines Produkt. Hier kann der Wurmhumus dann abgeschnitten und gleich verpackt werden.

Vielfältiger Nutzen für Mensch und Umwelt

Im Programm von albfertil sind bereits drei WORMANIZER-Sorten: ein Chili-, ein Rosen- und ein Universal-Dünger, die sich in der Zusammensetzung der Bestandteile Wurmhumus, Hühnermist und Guano unterscheiden. Die junge Firma hat aber bereits neue Ideen: Angedacht sind noch weitere Produkte wie Flüssigdünger oder ein Wurmtee für Orchideen. © albfertil GmbH

Der besondere Vorteil für die Pflanzen sei unter anderem die passgenaue und einfache Nährstoffverfügbarkeit durch Ton-Humus-Komplexe, die erst durch die Wurmkompostierung in den Dünger gebracht werden und auch für eine hohe Wasserspeicherfähigkeit sorgen, sodass weniger gegossen werden müsse. „Und was für den Verbraucher natürlich ganz wichtig ist: „Bessere Früchte – eine Tomate schmeckt auch wirklich nach Tomate, und man kann die Früchte auch noch früher ernten“, sagt Antic. „Das kommt dadurch, dass die Pflanze durch die Ausscheidungen des Wurms meint, dass sie angegriffen wird und ganz schnell alle Geschmacksstoffe in den Früchten sichern will. Dadurch schmeckt alles intensiver. Zudem arbeiten die Würmer noch eine ganze Menge Mikroorganismen in den Humus ein, die die Pflanze gegen Schädlinge immunisieren. Sie bekommt damit kein Fastfood, sondern ein richtiges Düngemenü, das viel gesünder ist.“

Eine weitere Besonderheit ist die Verpackung des WORMANIZER, die zunächst eher an verschiedene Eiscremesorten denken lässt als an Dünger. „Sie besteht zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen und ist zudem vollständig kompostierbar. Theoretisch könnten wir sie sogar durch unsere Wurmkompostierung zu Dünger verarbeiten“, sagt Antic. Konzipiert wurde die ungewöhnliche Hülle gemeinsam mit der BASF, die den dafür verwendeten Kunststoff auf Basis nachwachsender Rohstoffe entwickelt hat und auch für Biomülltüten oder Einweggeschirr einsetzt.

Gründungsteam macht WORMANIZER nun offiziell bekannt

Seit Anfang Juli 2016 produziert und vertreibt die albfertil, die mittlerweile neben dem Gründungsteam aus acht Mitarbeitern besteht, ihren WORMANIZER. Hierfür erhält sie regelmäßig Abfälle aus der Lebensmittelindustrie, die vor der Verwertung sorgfältig analysiert werden. „Wir brauchen eine gleichbleibende Qualität und können daher auch keine Speisereste oder Müll aus Biotonnen verwenden“, sagt Hofstadler. So hat das Unternehmen bisher 60.000 Düngereinheiten hergestellt, die über das Internet, kleine Gärtnereien, Bio- oder Hofläden vertrieben werden. „Wir wollten erst einmal Aufmerksamkeit erregen und dann erst größere Einheiten vertreiben“, so Hofstadler. Um diese produzieren zu können, ist die albfertil gerade dabei, ihre Anlagen zu vergrößern und auf eine riesige Fläche im Sindelfinger Stadtteil Darmsheim zu verlegen.

Die Markteinführung und Produktpräsentation fand am 20. Juli 2016 vor mehr als hundert geladenen Gästen, dem außergewöhnlichen Produkt entsprechend in der Ditzinger Fleischmühle – einer historischen Getreidemühle – statt. Unter den Gästen waren auch die Festredner Dr.-Ing. Hannes Spieth, Geschäftsführer der Umwelttechnik BW, die das Projekt begleitet hat, Leonhard Eichner von der BASF und Prof. Dr. Helmut Haussmann, Bundeswirtschaftsminister a.D. Mit der Veranstaltung wurde der WORMANIZER nun auch offiziell bekannt gemacht. In den nächsten Monaten will man sich bei albfertil jetzt neben der Firmenvergrößerung auch um vermehrte Zusammenarbeit mit Obst- und Gemüsebauern oder Weingärtnern kümmern. Dabei soll der Dünger, um Abfälle zu vermeiden, gar nicht mehr verpackt werden, sondern gleich als Schüttgut ausgeliefert werden.

Der WORMANIZER-Spezialdünger für Chili der albfertil GmbH. © albfertil GmbH
Die albfertil GmbH stellt unter anderem den Rosen-WORMANIZER-Dünger her. © albfertil GmbH
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