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Die Bioökonomie – Modewort oder Zukunftskonzept?

Die Verwendung von Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen für die Produktion von Industriegütern birgt Chancen und Risiken. Kann der Wandel vom Erdöl zum Holz gelingen und wie ist er am besten zu gestalten? Ein Forschungsprojekt der Universität Freiburg verbindet forstliches Know-how mit politikwissenschaftlicher Methodik, um der Bioökonomie auf den Zahn zu fühlen.

Alex Giurca ist ein Forstwissenschaftler, der sich für das große Ganze interessiert – „the big picture“, wie er sagt. In seiner Doktorarbeit an der Professur für Forst- und Umweltpolitik der Universität Freiburg forscht er mit Prof. Dr. Daniela Kleinschmit im Projekt „Lignocellulose-basierte Bioökonomie: Akteure und ihre Netzwerke“. „Wir versuchen zu verstehen, was der Wandel zu einer holzbasierten Bioökonomie eigentlich bedeutet. Was beinhaltet der Begriff und was für Akteure sind daran beteiligt? Und: Ist der Wandel möglich?“

Glossar

  • Lignocellulose bildet das Strukturgerüst der pflanzlichen Zellwand. Sie besteht aus einer Kombination von Lignin, Hemicellulose und Cellulose.
  • Lignin ist ein hochmolekularer, aromatischer Stoff aus verschiedenen monomeren Bausteinen, der sich in die Zellwand von Pflanzen einlagern kann und dadurch zur Verholzung führt.
Rohstoff Holz - was machen wir daraus? © Alex Giurca

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben Giurca und sein Kollege Michael Stein standardisierte Interviews mit Experten von Universitäten, Forschungsinstituten und aus der Industrie geführt und empirisch ausgewertet. Was verstehen die einzelnen Akteure unter „Bioökonomie“ und wie nehmen sie ihre Rolle und die Rolle ihrer Institution dabei wahr?

„Viele Leute aus dem Forstsektor sagen uns: Wir vom Forst sind doch die Bioökonomie, das machen wir doch schon immer! Aber sie sind sich andererseits nicht einig, was das eigentlich ist, „die Bioökonomie“. Das Konzept ist noch schwammig, im Fluss, und erstmal sagen alle: Ja, wir sind dabei!“ Manche befragten Experten beschreiben die „Bioökonomie“ als eine Hülle, die es mit Substanz zu füllen gilt. Im besten Fall kann das Konzept viele sehr unterschiedliche Akteure auf einen gemeinsamen Weg führen. Weg vom Erdöl und hin zu einer auf nachwachsenden Rohstoffen basierten Wirtschaft. In sogenannten „Bioraffinerien“ etwa kann der Holzbestandteil Lignin zu verschiedensten, bislang erdölbasierten Produkten weiterverarbeitet werden1. Von Textilien und Kraftstoffen bis hin zu Plastik. Momentan aber besteht die Bioökonomie noch zum großen Teil aus schlichter Holzverbrennung zur Energieproduktion. Die Aufgabe ist es, die Wertschöpfungsketten für Holz zu verbessern. Insbesondere für Laubhölzer wie die heimische Buche und Eiche, die aus forstlicher und ökologischer Sicht dringend gegenüber Nadelhölzern aufgewertet werden sollten2.

Die Bioökonomie-Arena

Forstwissenschaflter Alex Giurca betreibt einen Blog, auf dem er Forschungsergebnisse allgemein verständlich präsentiert. Dafür hat er - mit einem Augenzwinkern - diese Zeichnung der „Bioökonomie-Arena“ angefertigt, in der sich die Kämpen aus unterschiedlichen Bereichen um die Vorherrschaft in der Bioökonomie streiten 3. © Alex Giurca

Mittels der Netzwerkanalyse konnte Giurca Hindernisse und Chancen für den Wandel zur Bioökonomie identifizieren: „Wichtig ist, dass es das Sozialkapital, also Menschen und Institutionen mit dem nötigen Know-how, bereits gibt. Auf diese bereits vorhandenen Netzwerke sollten wir bauen und sie weiterentwickeln, aber (mit Ausrufezeichen): Diese Netzwerke dürfen keine geschlossenen Zirkel sein, sondern offen für Kooperationen und Austausch!“ Sprich: Der Wandel zur Bioökonomie sollte sich nicht nur in Forschung und (bereits etablierter) Industrie vollziehen, sondern möglichst viele weitere Akteure einschließen. Bürger, Landwirtschaft, Forst- und Holzsektor, Firmen, Vereine und Verbände.

Denn das ursprüngliche Konzept der „Bioökonomie“ beinhaltet nicht nur den Ersatz von Erdöl, Erdgas und Kohle durch nachwachsende Rohstoffe, sondern auch ein nachhaltiges Wirtschaften im Rahmen der biologisch-physikalischen Möglichkeiten. Also weg vom unbegrenzten quantitativen Wachstum hin zu einem qualitativen Wachstum der Vielfalt4. Giurca hat mehrere Jahre in Finnland und Schweden geforscht und nennt insbesondere Finnland als Vorreiter beim Konzept einer „zirkulären Wirtschaft“, deren Ziel es ist, aus den vorhandenen (nachwachsenden) Ressourcen deutlich mehr Wertschöpfung bei weniger Abfall zu ziehen5,6.

Offene Strukturen und zirkuläre Wirtschaft

Für solch einen grundlegenden wirtschaftlichen Wandel ist die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen nötig. Alex Giurca und sein Kollege Philipp Späth7 weisen in ihrer Veröffentlichung auf mögliche politische Maßnahmen hin, um den Wandlungsprozess zu unterstützen. Darunter fallen eine längerfristige Finanzierung von Forschung und Entwicklung sowie die Verteuerung von fossil basierten Produkten, etwa durch eine CO2-Steuer. Bei den möglichen Fallstricken nennen sie die Gefahr, dass einzelne Akteure oder bereits etablierte Netzwerke den Begriff „Bioökonomie“ kapern, für ihre Zwecke nutzen, aber gleichzeitig einen größeren Wandel ausbremsen. Giurca hat aber keine Angst vor Kontroversen zum Thema Bioökonomie, im Gegenteil: „Ich finde es sehr gut, dass es in Deutschland eine offene und kritische Debatte darüber gibt.“

Alex Giurca forscht in der Schnittmenge von Forst- und Politikwissenschaften. © Alex Giurca, privat

ForWerts wider die Fachidioten

Der Wert des Konzeptes „Bioökonomie“ zeigt sich auch an Alex Giurca ganz persönlich. Denn seine Doktorarbeit entsteht im Rahmen des BBW ForWerts Graduiertenkollegs9, das die bioökonomische Forschung von 50 bis 100 Doktoranden verschiedenster Fachrichtungen fördert10. Forstwissenschaftler, Chemiker, Biologen und Ingenieure tauschen sich bei den regelmäßigen Treffen aus. Giurca: „Es ist spannend, solche übergreifenden Konzepte wie eine biobasierte nachhaltige Ökonomie mit Leuten anderer Fachrichtungen zu diskutieren. Man muss sich dann überlegen, wie man Fachbegriffe kommunizieren kann und lernt andere Sichtweisen kennen.“

Giurca betont die Bedeutung eines offenen und integrativen Prozesses: "Ich glaube, die Bioökonomie ist ein gutes Konzept. Wir müssen so schnell wie möglich diesen Wandel machen, wir haben keine Alternativen mehr. Der Klimawandel, die Konflikte um Erdöl, das kann so nicht weitergehen. Aber es ist auch wichtig, dass dieses Konzept offen für die Debatte ist. Wenn wir jetzt die Chance haben eine neue Wirtschaft zu entwickeln, dann sollten nicht nur die etablierten Industrien bestimmen, wie sie aussieht, sondern es sollten möglichst viele daran teilnehmen und mitbestimmen.“

Quellen:

1 https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/dossier/lignin-ein-rohstoff-mit-viel-potenzial/

2 https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/biooekonomie-bietet-chancen-fuer-baden-wuerttembergs-waelder/

3 https://giurcalex.wordpress.com/2016/11/06/the-bioeconomy-arena/

4 Grefe, C (2016) Bioökonomie – Wie eine grüne Idee gekapert wird. Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2016 https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/biooekonomie-wie-eine-gruene-idee-gekapert-wird

5 https://www.theguardian.com/global-development-professionals-network/2017/jun/06/the-circular-economy-enters-the-world-stage-with-finland-leading-the-way?CMP=share_btn_tw&cn=ZmF2b3JpdGU%3D

6 http://www.bioeconomy.fi/publication-finland-is-a-forerunner-in-new-bioeconomy-innovations/#.WSxWxzxXUs5.twitter

7 https://www.envgov.uni-freiburg.de/de/prof-sugov/Team-SuGov/philipp-spaeth%20

8 Giurca A, Späth P (2017): A forest-based bioeconomy for Germany? Strengths, weaknesses and policy options for lignocellulosic biorefineries. J Clean Prod, 2017; 153: 51-62. : http://dx.doi.org/10.1016/j.jclepro.2017.03.156

9 Bioökonomie Baden-Württemberg: Erforschung innovativer Wertschöpfungsketten
https://biooekonomie-bw.uni-hohenheim.de/bbwforwerts-about

10 Förderung mit Mitteln des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Literatur:

Giurca A, Späth P (2017): A forest-based bioeconomy for Germany? Strengths, weaknesses and policy options for lignocellulosic biorefineries. J Clean Prod, 2017; 153: 51-62. : http://dx.doi.org/10.1016/j.jclepro.2017.03.156

Hodge D, Brukas V, Giurca A (2017): Forests in a bioeconomy: bridge, boundary or divide? Scandinavian Journal of Forest Research, DOI: 10.1080/02827581.2017.1315833

Grefe, C (2016) Global Gardening - Bioökonomie - Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Kunstmann Verlag

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/biooekonomie-wie-eine-gruene-idee-gekapert-wird

Unterschiedliche Akteure unter einen bioökonomischen Hut bringen will die Akteursplattform Bioökonomie Baden-Württemberg: https://www.biooekonomie-bw.de/de/angebot/akteursplattform-biooekonomie-baden-wuerttemberg/

Alex Giurca an der Universität Freiburg: https://www.ifp.uni-freiburg.de/team/ma-fopof/alex-giurca?set_language=de

Blog Alex Giurca: https://giurcalex.wordpress.com/

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/die-biooekonomie-modewort-oder-zukunftskonzept/