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Die Leopoldina-Studie zur Bioenergie – zwischen Aufregung und Missbrauch

Es war nichts anderes zu erwarten – die Leopoldina Studie „Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“ würde Wellen schlagen in den Medien und bei Fachleuten. Die Studie ist sehr detailliert, in der einen oder anderen Aussage aber auch oberflächlich. Sie ist keine generelle Abrechnung mit der Bioenergie. Wer sie dafür einsetzt, der missbraucht sie.

Eineinhalb Jahre lang haben sie Quellen recherchiert, Daten zusammengetragen, sich zu einem Workshop versammelt, Vorträge gehört, Schlussfolgerungen gezogen und alles aufgeschrieben. Am 26. Juli 2012 kam dann die Meldung: "Leopoldina legt kritische Studie zur Bioenergie vor." In der Studie "Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen" kommt die Nationale Akademie der Naturforscher „Leopoldina“ zu folgendem Schluss: „Um den Verbrauch von fossilen Brennstoffen und die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren, sollte Deutschland nicht den weiteren Ausbau von Bioenergie anstreben.“

Die Empfehlung lautet: „Vielmehr sollte sich Deutschland auf andere erneuerbare Energieressourcen konzentrieren wie Photovoltaik, Solarthermie und Windenergie, deren Flächeneffizienz, Treibhausgas-Emissionen und andere Umweltbeeinträchtigungen niedriger sind als die von Bioenergie. Die Einsparung von Energie und Verbesserungen der Energieeffizienz sollten Vorrang haben.“

Schlag für die Branche

Biogasanlagen liefern Methangas für Strom und Wärme © Fotolia

Ein hartes Urteil, das die Experten gefällt haben, um nicht zu sagen: ein Schlag ins Gesicht einer Branche. Die Einschätzung, Deutschland befände sich mit seiner Bioenergiepolitik auf dem Holzweg, kommt schließlich nicht von irgendwoher, sondern von einem Gremium mit 40 Experten, die auf ihren jeweiligen Fachgebieten hohe Anerkennung genießen.

Das harte Urteil ist aber nur ein Teil der Geschichte. Auf dieses wird die Studie immer wieder reduziert. Was mancherorts unterschlagen wird: Die Studie stellt an anderer Stelle ebenso fest, dass „die Förderung von Bioenergie sich auf Formen beschränken sollte, die weder zur Verknappung von Nahrungsmitteln führen noch deren Preise durch Wettbewerb um Land und Wasser in die Höhe treiben“. Das liest sich deutlich anders: Bioenergie – ja. Aber anders als bisher.

Keine Konkurrenz zur Nahrungsmitteln

Aus heutiger Sicht erscheint die Forderung überzogen, stärkehaltige Biomasse wie Mais oder Weizen nicht mehr für die Bioethanol- oder Biogasproduktion, darum geht es nämlich konkret, einzusetzen. Bioenergie steht global betrachtet nicht im Zusammenhang mit Wasserknappheit oder Hungersnot. Zwar versucht aktuell Entwicklungsminister Dirk Niebel stärke- und zuckerbasierte Energieträger wie den Ethanolanteil im Biokraftstoff E10 mit der Konkurrenz-Behauptung zu torpedieren. Eine substanzielle Argumentation steht jedoch nicht dahinter.

Daran ändert auch die Einschätzung der Leopoldina nichts. Derzeit leiden rund eine Milliarde Menschen an Hunger. Fortschritte in der Züchtungsforschung konnten dies ebenso wenig verhindern, wie Biokraftstoffe die Ursache wären. Die Gründe für Hunger sind seit Jahrzehnten dieselben: Missmanagement, Falschverteilung, Machtspiele, Krieg, Dürren, verfehlte Subventionspolitik.

Übergangslösung zur Bioökonomie

In Lateinamerika wird Bioethanol aus Zuckerrohr gewonnen. © Peter Glogg/Visipix.com

Je weiter man jedoch in die Zukunft zu blicken versucht, desto mehr zeigt sich, dass die Ressourceneffizienz an Bedeutung gewinnen wird. Die Zahl der Menschen wächst, der Energiebedarf steigt, ebenso der Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln. Bioethanol und andere Biokraftstoffe der ersten Generation werden bei uns voraussichtlich eine Übergangslösung sein, sofern sie aus Nahrungs- und Futtermitteln, und nicht aus Pflanzenresten hergestellt werden. Aber sie sind momentan unverzichtbar für den Wandel in der Energiewirtschaft, der in den kommenden Jahrzehnten vollzogen wird.

Beim Biogas liegen andere Verhältnisse vor. Die Anlagen sind effizienter, insbesonders in Kombination mit der Kraft-Wärme-Kopplung. Sie sind wichtig für die Grundlastsicherung und ideal für dezentrale Energieversorgungskonzepte. Künftig könnte zudem mehr Bio-Erdgas erzeugt und ins Gasnetz eingespeist werden. Viel versprechende Versuche an der Universität Hohenheim zeigen, dass es möglich ist, ohne aufwändige Anreicherungsverfahren Biogas in Erdgasqualität zu produzieren.

Stoffliche Nutzung empfohlen

Die Leopoldina fordert auch, nicht essbare Pflanzenteile besser zu nutzen. Diese fallen immer mit an, wenn Nahrungs- und Futtermittel produziert werden. Sie enthalten ebenfalls Kohlenstoff, vor allem als Zellulose und Lignin. In diesen Reststoffen liegt ein großes Potenzial für Energie und Wertstoffe.

Die Leopoldina favorisiert die stoffliche Nutzung der Biomasse. Sie räumt den Technologien Vorrang ein, die Biomasse in organische Bausteine für Basischemikalien umzuwandeln. Damit sollen erdölbasierte Verfahren ersetzt werden. Ob sich hinter der stofflichen Nutzung als Chemikalien die große CO2-Senke verbirgt, darf jedoch bezweifelt werden: Die chemische Industrie verbraucht, verglichen mit den Sektoren Transport und Energie, den geringsten Teil des weltweit umgesetzten Erdöls. Dennoch müssen solche Nutzungskonzepte weiterentwickelt werden, um bioökonomische Wirtschaftsmodelle überhaupt realisieren zu können.

Trotz Kritik lesenswert

Die Leopoldina-Studie ist umfangreich, sehr detailliert, liefert viele Zahlen und Zusammenhänge. Die Lektüre lohnt sich. Ebenfalls interessant: die Supplements zum Thema Nettoprimärproduktion. Es muss nicht unbedingt das 128 Seiten starke englischsprachige Original sein: auch die abgespeckte deutsche Fassung mit 56 Seiten liefert dicht gepackte Informationen zum Thema Bioenergie.

Die Ausführungen und Begründungen der Leopoldina erscheinen schlüssig und sind mit vielen Fakten unterlegt. Dennoch wackelt das Konstrukt. Die Stellungnahmen haben angesichts des Umfangs der Studie auf sich warten lassen. Umso deutlicher offenbaren sie nun, dass auch hochdekorierte Experten Irrtümern unterliegen. Die Stellungnahmen zweier Fachorganisationen finden sich zum Download am Ende dieses Beitrags.

Wenn mehrere biobasierte Energieträger undifferenziert zu einem einzigen Themenbrei vermengt werden, schadet das nicht nur der Reputation, sondern auch der Diskussion. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Autoren der Leopoldina-Studie einerseits akribisch viel Wissenswertes zusammengetragen haben. Andererseits aber haben sie manches nur oberflächlich betrachtet und dargestellt. Das geht aus den Stellungnahmen hervor.

Ungefiltert wiedergegeben

Viele Medien spielten, nachdem die Studie veröffentlicht war, brav den Wiederkäuer. Sie gaben die Einschätzung der Leopoldina ungefiltert wieder. Wie zum Beispiel die Tagesschau, die in wenigen Sekunden die Empfehlung der Leopoldina weiterreichte, aber auf Hintergrundinformationen oder einen Kommentar verzichtete. Oder beispielsweise "DIE ZEIT“: Bereits um 14:12 des Erscheinungstags der Studie forderte Zeit-online reißerisch: „Stoppt den Biowahnsinn“.

Kaum möglich, dass der zuständige Redakteur Hans Schuh die ganze Studie gelesen hatte. Und er wird die Position der Leopoldina auch nicht kritisch überprüft haben. Ob „DIE ZEIT“ ihrer Rolle als Leitmedium gerecht wurde, ist die eine Frage. Wichtiger ist jedoch die Frage, ob die Leopoldina nicht Vorschub geleistet hat. Das wäre fatal. Immerhin hat sie ihre Meldung "Leopoldina legt kritische Studie zur Bioenergie vor" ebenfalls plakativ formuliert.

Missbrauch leichtgemacht

Hinterfragen muss man auch, wie die Studienergebnisse zustande gekommen sind. Ausgangspunkt war ein dreitägiger Workshop vom 14. bis 16. Oktober 2010.
Forscher und Fachleute stellten an zwei Tagen in 22 Vorträgen verschiedene Aspekte der Bioenergie vor. Am dritten Tag befasste sich eine Arbeitsgruppe damit, die Vorträge und Diskussionen zusammenzufassen. Erstaunlich ist, dass es an den beiden Vortragstagen nur drei Diskussionsrunden je 30 Minuten gab. Nicht gerade viel angesichts der Tragweite und der Komplexität des Themas.

Die Leopoldina-Studie zur Bioenergie hat Aufregung ausgelöst. Das muss nicht negativ sein. Sie hält wichtige Diskussionen am Laufen. Die Studie hat aber auch an einigen Stellen offenbar zu wenig differenziert. Damit hat sie Bioenergiekritikern den Missbrauch der wissenschaftlichen Analyse leicht gemacht. Zumindest das kann man den Autoren vorwerfen.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Die Zelldifferenzierung bezeichnet die Spezialisierung von Zellen in Bezug auf ihre Funktion und ihre Struktur. So entstehen aus undifferenzierte Stammzellen verschiedene Zelltypen wie Herzmuskel-, Nerven- oder Leberzellen, die ganz unterschiedlich ausssehen und verschiedene Aufgaben erfüllen.
  • Lignin ist ein hochmolekularer, aromatischer Stoff aus verschiedenen monomeren Bausteinen, der sich in die Zellwand von Pflanzen einlagern kann und dadurch zur Verholzung führt.
  • Cellulose ist ein wasserunlösliches Polysaccharid, das den Hauptbestandteil der pflanzlichen Zellwand bildet. Die Grundeinheit der Cellulose ist die Glucose.
  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.
  • Bioethanol (Ethylalkohol) gehört zu den Biokraftstoffen. Es handelt sich dabei um Ethanol, das ausschließlich aus nachwachsenden Kohlenstoffträgern, nämlich auf Basis zucker- oder stärkehaltiger Feldfrüchte oder aus zellulosehaltigen Pflanzenbestandteilen (Zuckerrübe, Rohrzucker, Getreide) hergestellt wurde. Die Stärke wird enzymatisch in Glukose aufgespalten und diese anschließend mit Hefepilzen zu Ethanol vergoren.
  • Biogas ist ein brennbares Gasgemisch, das bei der Zersetzung von Biomasse (Fäkalien, Bioabfall, Stroh u. a.) entsteht. Dabei wird das komplexe organische Material mit Hilfe verschiedener Mikroorganismen unter Luftabschluss hauptsächlich in Kohlendioxid und Methangas umgewandelt.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/die-leopoldina-studie-zur-bioenergie-zwischen-aufregung-und-missbrauch/