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Nachhaltige Bioökonomie für eine dekarbonisierte Welt

Auf dem Global Bioeconomy Summit 2015 in Berlin wurden internationale Agenden verabschiedet, mit denen die Bioökonomie in die Entwicklung einer nachhaltigen Weltwirtschaft und in den Kampf gegen die menschengemachte Klimaerwärmung einzubinden ist. Das weitere Abgleiten der aus dem Gleichgewicht geratenen planetarischen Umweltprozesse muss gestoppt werden, damit eine ökologisch verträgliche Zukunft gesichert werden kann.

„Wir können unsere Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, die wir bei der Erzeugung dieser Probleme verwendeten.“ Albert Einstein

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Transformation ist die natürliche Fähigkeit mancher Bakterienarten, freie DNA aus der Umgebung durch ihre Zellwand hindurch aufzunehmen. In der Gentechnik wird die Transformation häufig dazu benutzt, um rekombinante Plasmide, z. B. in E. coli, einzuschleusen. Hierbei handelt es sich um eine modifizierte Form der natürlichen Transformation.
  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.
  • Als Biomasse wird die gesamte Masse an organischem Material in einem definierten Ökosystem bezeichnet, das biochemisch – durch Wachstum und Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen – synthetisiert wurde. Damit umfasst sie die Masse aller Lebewesen, der abgestorbenen Organismen und die organischen Stoffwechselprodukte.
Der Globus und seine grünen Ressourcen. © GBS 2015

Der erste weltweite Bioökonomiegipfel, zu dem der Bioökonomierat der Bundesregierung für den 25. und 26. November 2015 eingeladen hatte, zeichnete sich gegenüber früheren ähnlichen Veranstaltungen nicht nur durch die hohe internationale Prominenz aus, sondern auch durch das Engagement, mit dem um konkrete Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Bioökonomie gerungen wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel, unter deren Schirmherrschaft der Kongress stand, hatte in ihrem Grußwort gemahnt, dass es die Pflicht eines jeden von uns sei, mit den endlichen natürlichen Ressourcen der Welt verantwortlich umzugehen und den Global Bioeconomy Summit (GBS 2015) in Hinblick auf die anstehenden Entscheidungen über Klima- und Nachhaltigkeitspolitik zum Erfolg zu führen.

Wandel ist unvermeidlich

In seinem Grundsatzreferat beschrieb der frühere EU-Kommissar Janez Potočnik den bedrohlichen Zustand unseres Planeten. Bei mindestens vier von zehn entscheidenden planetarischen Umweltprozessen sind die als gerade noch verträglich eingestuften Grenzwerte – teilweise massiv – überschritten: bei der CO2-Anreicherung in der Atmosphäre und bei der Klimaerwärmung, dem Verlust an Biodiversität und dem Stickstoff- und Phosphateintrag. Letztere haben schon zahllose Gewässer durch Überdüngung geschädigt und drohen ganze Meeresbereiche in Sauerstoffwüsten zu verwandeln, in denen sich kein höheres Leben halten kann. Im Jahr 2016 besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als die 99 Prozent anderen; noch vor wenigen Jahrzehnten lag das Verhältnis bei 20 zu 80 Prozent. Dieses Ungleichgewicht kann nicht nachhaltig sein. Potočniks Resümee: „Wandel ist unvermeidlich“ und – nach dem berühmten Zitat von Giuseppe di Lampedusa – „Alles muss sich ändern, wenn es so bleiben soll, wie es ist".

Dr. Janez Potočnik auf dem GBS 2015 bei seiner Keynote Lecture. Potočnik war EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung sowie EU-Kommissar für Umwelt; heute ist er Ko-Vorsitzender des International Resource Panel beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). © GBS 2015

Bei Bioökonomie dachte man in der Vergangenheit meist an den Wechsel von einer Wirtschaft auf der Basis fossiler Energieträger und Grundstoffe zu einer auf der Basis erneuerbarer Biomaterialien, vor allem aus landwirtschaftlicher Produktion. Inzwischen ist jedem klar, wie Georg Schütte, der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, betonte, dass „erneuerbar“ (renewable) nicht „nachhaltig“ (sustainable) bedeutet. Außer Frage steht, dass die Bereitstellung von genügend Nahrungsmitteln für eine jährlich um 80 Millionen Menschen anwachsende Weltbevölkerung oberste Priorität genießt; danach folgt die Nutzung erneuerbarer Naturprodukte als Rohstoffe (Biomasse) und erst dann kommt die Energiegewinnung.

Das jetzige Welternährungssystem ist aber generell nicht nachhaltig und umweltverträglich, wie der mit Video zugeschaltete berühmte amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs, Direktor des „UN Sustainable Solutions Network“, in einem aufrüttelnden Vortrag darlegte. Der landwirtschaftliche Sektor ist der größte Produzent von Treibhausgasen und wichtigste Faktor des menschengemachten Klimawandels auf der Erde. Er ist verantwortlich für 70 Prozent des Süßwasserverbrauchs, 30 Prozent der Stickstoffbelastung und für den größten Teil des Verlustes an Artenvielfalt und genetischer Diversität.

Wege zur Kreislaufwirtschaft

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei der Pressekonferenz des GBS 2015. © GBS 2015

Die Workshops und Vorträge des Global Bioeconomy Summit 2015 befassten sich mit den gangbaren Wegen und den Anstrengungen, die unternommen werden müssen, um in absehbarer Zeit eine nachhaltige Bioökonomie zu erreichen. Die gegenwärtige Wegwerfwirtschaft muss durch eine Kreislaufwirtschaft („circular economy“) abgelöst werden, bei der in Einzelprozessen (Kaskadennutzung) die verwendeten Rohstoffe wieder vollständig in die Produktion zurückgeführt werden und am Ende ebenso viel CO2 verbraucht wie in die Atmosphäre freigesetzt wird, sodass durch die „Dekarbonisierung“ der Weltwirtschaft auch die Klimaerwärmung gestoppt wird.

Mit ihrer „Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“ und der „Nationalen Politikstrategie Bioökonomie“, mit denen Deutschland innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre unumkehrbar in die Kreislaufwirtschaft einsteigen will, sieht sich die Bundesregierung in einer Vorreiterrolle. „Dies birgt auch internationale Verantwortung; nur wenn wir unser Bioökonomie-Know-how teilen, wirken wir global“, erklärte Prof. Dr. Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierats. Der Bioökonomierat ist ein unabhängiges Beratergremium der Bundesregierung zur Umsetzung dieser Ziele. Joachim von Braun stellte auf dem Kongress zwei wichtige Studien vor, die jetzt auch im Internet abrufbar sind: 1) eine Analyse der weltweiten politischen Bedeutung der Bioökonomie und 2) eine Delphi-Studie mit Zukunftsleitprojekten, die von der internationalen Expertengemeinschaft gewählt und bewertet wurden.

Agenda zur Transformation der Welt

Prof. Dr. Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierats, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. © GBS 2015

Im Abschlusscommuniqué des GBS 2015 nannte der Bioökonomierat als Prioritäten einer internationalen politischen Agenda auf dem Weg in die biobasierte Wirtschaft:

  • Erstens, nachwachsende Rohstoffe zu nutzen, die Ernährung zu sichern und die Ökosysteme zu schützen
  • zweitens, die Beiträge der Bioökonomie zu den nachhaltigen Entwicklungszielen messbar zu machen
  • drittens, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu fördern
  • viertens, Ausbildung, gemeinsames Lernen und Dialog voranzutreiben.
  • Mit dem fünften Punkt unter den Prioritäten wurde die zentrale Bedeutung der Bioökonomie zur Transformation der Welt für eine nachhaltige Entwicklung und die Stabilisierung des Klimas berücksichtigt.

Der Global Bioeconomy Summit 2015 stellt sich damit in die Reihe der großen internationalen Verhandlungen des Jahres, die eine ökologisch verträgliche Zukunft unseres Planeten sichern sollen. Vorangegangen war der „UN Sustainable Development Summit“, auf dem 150 Staatenlenker bzw. ihre Repräsentanten in New York mit der „2030 Agenda for Sustainable Development“ 17 Ziele zur Transformation der Welt verabschiedet hatten. Nur wenige Tage nach dem Berliner Bioökonomie-Kongress begann der UN-Klimagipfel in Paris, zu dem etliche Delegationen von Berlin aus gleich weiterreisten. Am 12. Dezember 2015 wurde dort von 195 Staaten der Welt ein Abkommen unterzeichnet, nach dem eine Stabilisierung des Weltklimas bei 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau anzustreben sei – was ohne eine rigorose Dekarbonisierung der Weltwirtschaft innerhalb der nächsten Jahrzehnte nicht erreichbar ist. Für Jubel über den Erfolg ist es freilich zu früh. Die Beschlüsse müssen auch umgesetzt werden.

Publikationen:
Bioökonomierat (2015): Bioeconomy Policy – Synopsis of National Strategies around the World
Global Visions for the Bioeconomy – an International Delphi Study

 

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/nachhaltige-biooekonomie-fuer-eine-dekarbonisierte-welt/