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Rezension: Chemiewende

Hermann Fischer und Horst Appelhagen diskutieren in „Chemiewende - Von der intelligenten Nutzung natürlicher Rohstoffe“ die Vision eines Wandels hin zu einer neuen, pflanzenbasierten Chemie. Damit schließen sie an Fischers Buch „Stoffwechsel“ von 2012 an. Das im Februar 2017 erschienene „Chemiewende“ ist dabei als Plädoyer für eine aktive Gestaltung dieses Prozesses durch die Verbraucher zu verstehen.

Cover des Buches Chemiewende. © Verlag Antje Kunstmann GmbH

Dr. Hermann Fischer, Chemiker und Gründer der AURO Naturfarben AG, gilt als Pionier einer grünen Chemie. Zusammen mit dem Juristen Dr. Horst G. Appelhagen, der Chemieunternehmen berät, erörtern die beiden in einer Reihe von neun Dialogen die Notwendigkeit einer solaren und pflanzenbasierten Chemie als Grundbedingung einer echten Nachhaltigkeit. Hierzu werden ausführlich Probleme der fossil basierten Chemie aufgezeigt und Chancen einer pflanzenbasierten Chemie gegenübergestellt. Wichtig ist den Autoren hierbei besonders der Blick in die Alltagswelt und wie sich diese für einen erfolgreichen Wandel verändern sollte. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Endlichkeit fossiler Ressourcen wird beispielsweise auf die große Abhängigkeit der Chemieindustrie von diesen Ressourcen hingewiesen. Unter anderem deswegen zeigt sich Fischer optimistisch und bezeichnet die momentane politische und gesellschaftliche Situation als geeignet, um einen Paradigmenwechsel in der Chemie durchzusetzen.

Von vermeintlichen Fortschritten der fossilen Chemie…

Nichtsdestotrotz sehen sowohl Fischer als auch Appelhagen weiterhin das Erfordernis, die Dringlichkeit dieses Paradigmenwechsels zu betonen. Die aus ihrer Sicht „vermeintlichen Fortschritte“ der fossilen Chemie, werden als „Danaergeschenke“ bezeichnet.

Glossar

  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.
  • Drastische Änderung eines bisher vorhandenen Denkmusters. Durch die Änderung wird eine völlig neue Grundlage für die Wissenschaft und die Forschung geschaffen. In der Biologie wird zum Beispiel die Evolution als Paradigmenwechsel zur Schöpfung angesehen.
Herrmann Fischer, promovierter Chemiker und Gründer der Firma AURO Naturfarben AG © Verlag Antje Kunstmann GmbH

Die Nachteile, wie zum Beispiel die Persistenz fossil basierter Stoffe, würden deren Vorteile bei Weitem überwiegen. Folglich wird die in „Stoffwechsel“ beschriebene Vision einer neuen, fotosynthesebasierten Chemie als Alternative in den Mittelpunkt des Diskurses gerückt. So werden vor allem die Schließung natürlicher Kreisläufe, aber auch eine höhere Qualität und Ästhetik der Produkte der neuen Chemie als Vorteile genannt. Eine zentrale Rolle kommt im beschriebenen Modell der Kenntnis und Nutzung der Vielseitigkeit pflanzlicher Strukturen zu. Auch aus diesem Grund ist dem Thema eines respektvollen Umgangs mit dieser Vielfalt und dem zugehörigen Wissen ein vollständiges Gespräch vorbehalten. Fischer betont hierbei die Notwendigkeit, weltweit Datenbanken aufzubauen, um verschüttetes und neues Wissen über Eigenschaften natürlicher Stoffe zusammenzutragen.

Wie eingangs angesprochen, widmen sich Appelhagen und Fischer im Besonderen der neuen Chemie und ihrer Bedeutung für den Alltag. Dies betrifft zunächst Fragen der Ressourcenversorgung und -nutzung in einer solchen Welt. Eine pflanzenbasierte Chemie würde demnach in Zukunft zu einer „Entmonopolisierung und Regionalisierung“ der Welt führen. Anschließend werden auf anschaulichem Niveau auch Implikationen der neuen Chemie sowohl für den Alltag im Badezimmer als auch für das „neue Bauen“ erörtert. Beispielsweise werden Alternativen zu konventionellen Shampoos benannt, zum anderen aber auch der Ersatz von konventionellen Materialien im Bausektor diskutiert. Der mangelnden Recyclingfähigkeit fossiler Materialen werden dazu die Vorteile der neuen Chemieprodukte entgegengestellt.

… zur Schließung natürlicher Kreisläufe und gerechter Wertschöpfung für alle

Horst Appelhagen ist promovierter Jurist und berät Chemieunternehmen in Fragen des Umweltschutzes sowie bei Zulassungsfragen. © Verlag Antje Kunstmann GmbH

Konzeptionell sieht Fischer die neue Welt der Chemie durch Prinzipien der Regionalität, Dezentralität und Vielfalt geprägt. Forschung, Ausbildung und Arbeitswelt werden sich ebenso wie jeder einzelne an diese anpassen. Geschlossene (kleinräumige) Stoffkreisläufe und Strukturen würden dominieren, ohne dass dies „[k]eine Einschränkung der Wahlmöglichkeit“ bedeutete. Ganz „im Gegenteil eröffnet[e] die pflanzliche Vielfalt eine Vielzahl an Optionen“. Um einen erfolgreichen Übergang zu gewährleisten, erwarten Fischer und Appelhagen eine aktive Rolle des Staates, der die „Rahmenbedingungen für die Forschung der neuen Chemie“ sicherstellen sollte. Zusammen genommen würden alle Maßnahmen und Entwicklungen im Endeffekt eine gerechte „Wertschöpfung für alle“ Beteiligten in der Welt der neuen Chemie sicherstellen.

Die im Buch gewählte Form des Dialogs zweier Experten erlaubt eine lebhafte Darstellung der Problematik der fossilen Chemie und ermöglicht die Entwicklung eines hoffnungsvollen Bildes einer „ganz andersartigen Chemie“. Leider übernehmen die Gesprächspartner zu selten die Rolle des Nachfragenden und lassen dadurch die Chance aus, durch Rückfragen manche der Argumente weiter zu beleuchten. Beispielsweise ist vermutlich nicht für jeden Leser verständlich, wieso eine Dezentralisierung der Landwirtschaft letztlich eine Umwandlung zu ökologischem Anbau impliziert oder weshalb natürliche Stoffe immer angenehmer und ästhetischer sind als alle Produkte der chemischen Industrie. Eine klärende Nachfrage hätte zur weiteren Schärfung der Bedeutung einiger Aussagen beitragen können. Nichtsdestotrotz entsprechen sowohl die Form als auch der starke Alltagsbezug der Inhalte der Idee, die Leser und Leserinnen zu einer eigenverantwortlichen Gestaltung der Chemiewende zu inspirieren. Die kleinteilige Strukturierung sowie die beständige Darstellung der entscheidenden Motive und Prinzipien einer neuen Chemie in neuen Kontexten machen das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre.

Angesprochen können sich alle fühlen, die sich aktiv mit der Vision einer nachhaltigen und umweltverträglichen Chemie auseinandersetzen möchten. So kann im Weiteren auch auf die angeschlossene Internetplattform „chemiewende.de“ verwiesen werden. Diese offeriert den Lesern und Leserinnen Zugang zu weiteren Ideen, Konzepten und Projekten und dient darüber hinaus als Raum für einen aktiven Diskurs mit den Autoren und anderen Interessierten.

Seiten-Adresse: https://www.biooekonomie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/rezension-chemiewende/